Pfalz
Das sind die Folgen des Bademeister-Mangels
Michael Schreiner mag seinen Beruf auch nach 40 Jahren noch: „Er ist abwechslungsreich, man hat mit Menschen zu tun. Man hat mit Technik zu tun“, sagt der 55-Jährige. Schreiner ist Meister für Bäderbetriebe – im Volksmund: Bademeister – im Felsland Badeparadies in Dahn (Kreis Südwestpfalz) und spricht für rund 200 Kolleginnen und Kollegen aus Rheinland-Pfalz im Bundesverband Deutscher Schwimmmeister. Der Berufsverband schätzt, dass aktuell 2500 Meister und Fachangestellte für Bäderbetriebe fehlen. Und bei einer Bäder-Umfrage des Verbands kommunaler Unternehmen, der unter anderem Stadtwerke vertritt, geben 78 Prozent der Befragten an, der Fachkräftemangel sei die größte Herausforderung für die kommunalen Bad-Betreiber.
Was das heißt, bekommen die Pfälzer in Eisenberg oder Kaiserslautern, in Waldfischbach-Burgalben oder Ludwigshafen direkt zu spüren: Wenn in den Bädern zu viel Personal fehlt, werden die Öffnungszeiten reduziert. Denn: Der Betreiber hat die Wasseraufsichts-, Verkehrssicherheits- und Betriebssicherheitspflicht.
„Wer nicht ausbildet, hat ein Problem“
Berufsverbandsvertreter Schreiner sagt: Weil viele Bäder von (oft klammen) Kommunen betrieben würden, werde kein zusätzliches Personal vorgehalten, um Lücken auszugleichen: „Es ist auf den Punkt besetzt. Und wenn jemand ausfällt, bricht das Kartenhaus zusammen. Wer da nicht rechtzeitig ausgebildet hat, hat ein Problem.“ Hinzu komme, dass viele Bademeister aus der Babyboomer-Generation demnächst in den Ruhestand gehen. „Da fehlen dann weitere 50 bis 100 Leute im Land.“ Derzeit seien rund 20 Stellen offen.
Doch auch die Ausbildung wird das Problem wohl nicht lösen, wie ein Blick nach Ludwigshafen zeigt: Dort lernen drei Auszubildende im zweiten Lehrjahr Fachangestellte für Bäderbetriebe, im August startet ein vierter Azubi. Und doch fehlt Personal: Im Plan stehen 13 Stellen für Schwimmmeister und Fachangestellte, nur acht davon sind derzeit besetzt. Im vergangenen Jahr hatte das Hallenbad in Oggersheim deshalb an einigen Sonntagen geschlossen. „Eine weitere Reduzierung konnte, unter anderem durch die Bereitschaft des Personals, Überstunden zu leisten, verhindert werden“, sagt Sprecherin Sandra Hartmann. Die Stadt Ludwigshafen betreibt ein Freibad und zwei Hallenbäder, die mittlerweile beide im Sommer geschlossen sind, so dass das Personal ins Freibad wechseln könne.
Der Beruf ist nicht so attraktiv
So schön und abwechslungsreich der Beruf ist, so schwierig sind die Arbeitszeiten: „Wir arbeiten immer dann, wenn andere frei haben“, bringt es Bademeister Schreiner auf den Punkt. Zudem hätten die Bäder-Schließungen zu Corona-Zeiten dazu geführt, dass sich Kollegen nach anderen Arbeitsplätzen umgeschaut haben. Hinzu komme, dass die Bezahlung im öffentlichen Dienst „besser sein könnte“, wie es der Bademeister-Vertreter formuliert.
Apropos Bezahlung: Für die Angestellten macht es einen Unterschied, ob die Bäder von Städten, Kreisen und Verbandsgemeinden oder von den Werken betrieben werden, weiß Michael Schreiner: Die Menschen, die bei den Werken arbeiten, verdienen mehr – denn der Tarifvertrag für Versorgungsbetriebe (TV-V) ist besser als der für den öffentlichen Dienst (TVöD). Sandra Hartmann von der Stadt Ludwigshafen bestätigt eine gewisse Konkurrenzsituation zwischen städtischen Bädern (wie in Ludwigshafen) und Bädern, die von Werken geführt werden.
Geld ist nicht alles
Das Bademaxx im nahe gelegenen Speyer beispielsweise wird von der Stadtwerke Speyer GmbH betrieben. Geschäftsführer Wolfgang Bühring sagt: „Der TV-V bietet tatsächlich etwas bessere Konditionen als der TVöD.“ Allerdings sei das Gehalt nur ein Faktor: „Geregelte Schichtpläne, ein gutes Betriebsklima, arbeitnehmerorientierte Sozialleistungen, eine familiäre Arbeitsatmosphäre, Unterstützung durch Security-Personal und eine gewachsene Besucherstruktur sind weitere Punkte.“ Im Bademaxx arbeiten 22 Voll- und Teilzeitkräfte in Hallenbad, Freibad und Sauna, Aushilfen würden nach Bedarf eingesetzt. In Speyer sind alle Stellen besetzt, die Öffnungszeiten können gehalten werden.
In Kaiserslautern sind die Öffnungszeiten für das Freibad Waschmühle und das Warmfreibad im vergangenen Jahr wegen Personalmangels eingeschränkt worden. In diesem Jahr sind 19,4 von 20 Stellen durch Festangestellte, Saison- und Teilzeitkräften besetzt, die Bäder könnten normal geöffnet werden, wie Sprecherin Viktoria Däuwel mitteilt. Gleichwohl gelte auch für dieses Jahr: „Größere Personalausfälle könnten nicht ohne Weiteres kompensiert werden, sodass temporäre Einschränkungen des Betriebs nicht auszuschließen sind.“
In Kaiserslautern prüft man nun die Möglichkeit, Künstliche Intelligenz einzusetzen, um die Bademeister zu unterstützen. Die Idee ist: Kameras überwachen die Becken (datenschutzkonform), eine Smartwatch meldet dem Bademeister Auffälligkeiten. Das Referat Digitalisierung und Innovation der Verwaltung prüfe derzeit, ob die KI künftig im Freibad Waschmühle eingesetzt werden könne: „Aus drei möglichen Systemen zur Ertrinkungserkennung wurde ein System, das sich in Deutschland bereits im Einsatz befindet, zur näheren Untersuchung herangezogen.“
Die Ehrenamtlichen halten den Betrieb am Laufen
Bislang ist es so, dass es die Ehrenamtlichen sind, die in vielen Städten und Gemeinden dafür sorgen, dass die Bäder trotz Personal-Problemen geöffnet bleiben. Die Ortsgruppe Landau der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) beispielsweise leistet 1500 Stunden Wasseraufsicht pro Jahr. 20 bis 30 Rettungsschwimmer unterstützen die Festangestellten in den Freibädern in Landau, Offenbach und Ingenheim sowie im Landauer Freizeitbad La Ola. Simon Nichterlein, der Vorsitzende der mit 1250 Mitgliedern größten DLRG-Ortsgruppe in Rheinland-Pfalz, bringt die Haltung der Landauer so auf den Punkt: Die DLRG könne nicht einerseits von den unter Personalnot leidenden Kommunen fordern, dass diese die Bäder für die Schwimmausbildung offenhielten. Und andererseits die Hände in den Schoss legen. Deswegen unterstütze die Landauer DLRG – wie übrigens weitere Ortsgruppen in anderen Orten der Pfalz – die Betreiber der Bäder bei der Aufsicht. Es werde konsequent versucht, möglichst viele der 150 bis 200 Rettungsschwimmer, die pro Jahr in Landau ausgebildet werden, für einen freiwilligen Einsatz am Beckenrand zu gewinnen. Die Ehrenamtlichen bekommen dafür eine Aufwandsentschädigung von 12,50 Euro pro Stunde.
Der 38-jährige Nichterlein, im Hauptberuf Informatiker, ist seit Kindertagen bei der DLRG und seit sechs Jahren Vorsitzender der Landauer Ortsgruppe. Er sagt, das Interesse an der Ausbildung zum Rettungsschwimmer (das geht in einem Wochenend-Kompaktkurs) sei in Landau nicht geringer geworden. Man könne in der „Depri-Haltung“ verweilen und sagen, das bringe ja alles sowieso nichts, sagt Nichterlein. „Oder ich ändere mich, schaffe neue Angebote und probiere es einfach aus.“ Damit fahre man in Landau gut. Natürlich sei es eine große Verantwortung, als Ehrenamtlicher mit für die Sicherheit im Becken verantwortlich zu sein, räumt Nichterlein ein. Aber den Sommer mit gut gelaunten Menschen im Freibad zu verbringen, sei nicht das Schlechteste. Oder wie Simon Nichterlein es formuliert: „Es ist ein geiler Job.“
