Pfalz RHEINPFALZ Plus Artikel Dürfen Frauen nach einem Schwangerschaftsabbruch trauern?

Kirsten Patricia Häusler beschäftigt sich in einem jetzt erschienenen Buch mit der Trauer von Frauen, die eine Schwangerschaft a
Kirsten Patricia Häusler beschäftigt sich in einem jetzt erschienenen Buch mit der Trauer von Frauen, die eine Schwangerschaft abgebrochen haben. Sie sagt: »Mir scheint weniger der Abbruch selbst das Tabu zu sein, als vielmehr die oft verdrängte und aberkannte Trauer nach dem Abbruch.«

Wer kümmert sich nach einem Schwangerschaftsabbruch um die Trauer der Frauen? Diese Frage beschäftigt Kirsten Patricia Häusler. Zwar haben die Frauen vordergründig betrachtet selbst entschieden, dass ihr Kind nicht zur Welt kommen soll. Das heiße aber nicht, dass sie nicht auch um das Kind trauern, sagt Häusler. Die Trauerbegleiterin hat ein Buch geschrieben, das betroffenen Frauen und anderen Trauerbegleitern helfen soll.

Kirsten Patricia Häusler hat sich bei der RHEINPFALZ gemeldet, weil sie sich über einen Artikel geärgert hat, der unter der Überschrift „Lücken im System“ den unterschiedlichen Zugang zu Schwangerschaftsabbrüchen in Vorder- und Westpfalz thematisiert hat. Es geht in dem Text unter anderem darum, dass es in der Vorderpfalz einfacher ist, einen Termin für einen Abbruch zu bekommen als in der Westpfalz – was auch mit der schlechteren gynäkologischen Versorgung dort zusammenhängt. Die in der Südpfalz aufgewachsene Häusler sagt: „Dass eine Abtreibung nicht gut verkraftet wird und Angebote zur Nachbetreuung fehlen, ist meiner Erfahrung nach die eigentliche Lücke im System.“

Die 50-Jährige will die Debatte über Schwangerschaftsabbrüche um die Aspekte Nachsorge und Trauer erweitern und hat deshalb einen verständlich verfassten Leitfaden für betroffene Frauen und Trauerbegleiter geschrieben, Titel: „Aus Brüchen Brücken bauen.“ Denn es gebe Frauen, die trotz der Entscheidung für einen Schwangerschaftsabbruch eine große Trauer um ihr ungeborenes Kind empfinden, sagt Trauerbegleiterin Häusler, die über mehrere Jahre hinweg über einen in Norddeutschland angesiedelten Verein zahlreiche Betroffene beraten hat – per Telefon, per Mail und bei persönlichen Treffen.

Internationale Studien zeigen zwar, dass Frauen, die abgetrieben haben, nicht ihr Leben lang darunter leiden. Und auch die Elsa-Studie, bei der unter Führung der Hochschule Fulda mehrere deutsche Hochschulen die „Erfahrungen und Lebenslagen ungewollt Schwangerer“ erforschen, kommt zu dem Schluss: „Ob eine ungewollte Schwangerschaft ausgetragen oder abgebrochen wird, hat längerfristig keinen Einfluss auf das psychische Wohlbefinden.“

Und doch sei es so, dass ein Abbruch nicht spurlos an den Betroffenen vorbeigehe und da immer diese Lücke, und ja, diese Trauer blieben, berichtet Häusler aus den Gesprächen mit Frauen, die sie begleitet hat.

Differenzierte Betrachtung des Themas Schwangerschaftsabbruch

Ihr ist es wichtig, einen Beitrag zu einer differenzierteren Betrachtung des Themas Schwangerschaftsabbruch in der Öffentlichkeit zu leisten. „Und ich will auch zur Würdigung der ungeborenen Kinder als Teil ihres Familiensystems ermutigen“, sagt die Musikpädagogin, Prädikantin (ehrenamtliche Predigerin) der Evangelischen Kirche in Baden, zertifizierte Trauerrednerin und ausgebildete Trauerbegleiterin.

Dabei sieht sich die 50-Jährige nicht auf der Seite der selbst ernannten Lebensschützer, die Frauen verurteilen, die sich für einen Abbruch entschieden haben und deren Trauer und deren Schmerz als Strafe verstehen. Genauso wenig erträgt sie es aber, wenn Ungeborene von Abtreibungsbefürwortern als „Zellhaufen“ oder „Zellklumpen“ abgetan werden: „Es ist von Anfang an ein einzigartiges Kind“, betont Häusler. „Ich werde zornig, wenn in der öffentlichen Debatte und Pro-Familia-Broschüren immer nur von Schwangerschaftsgewebe gesprochen wird. Das finde ich unwürdig und lieblos.“

Die Gründe für einen Abbruch sind unterschiedlich

Die Gründe, warum sich ungewollt Schwangere für einen Abbruch entscheiden, sind sehr unterschiedlich, heißt es in der Elsa-Studie: „Es gibt nicht die typische Lebenslage ungewollt Schwangerer. Typisch ist allenfalls, dass ein oder mehrere Lebensumstände unpassend sind, um ein Kind zu bekommen.“ Zu diesen gehören eine mit (weiterem) Kind sehr angespannte finanzielle Situation, eine kriselnde oder keine Partnerschaft, eine nicht abgeschlossene Ausbildung, die Arbeitslosigkeit der Frau oder des Partners, eine schlechte Wohnsituation oder eine psychische Erkrankung.

Die Betonung auf die Selbstbestimmung der Frau – das alles sei gut und richtig und wichtig, findet Häusler, die zu der Liste noch einen Grund hinzufügen möchte, der ihrer Erfahrung nach häufig unterschätzt wird: Druck von außen. Wie selbstbestimmt ist eine Frau in einer Ausnahmesituation wie einer unerwarteten Schwangerschaft, in der sie Druck verspüre, fragt die Trauerbegleiterin – und nennt Beispiele, die anonymisiert auch in ihrem Buch dargestellt sind: Frauen, die sehr jung sind, sich dem Druck der Eltern beugen und einen Schwangerschaftsabbruch vornehmen lassen. Frauen, die vom Partner derart unter Druck gesetzt werden, dass sie sich gegen das Kind entscheiden. Und Frauen, die schon Mütter sind und sich nicht in der Lage sehen, ein weiteres Kind zu versorgen. Allen gemein sei: „Die Scham ist groß.“

Schwangerschaftsabbruch ist verboten

Rechtlich ist ein Schwangerschaftsabbruch in Deutschland nach Paragraf 218 des Strafgesetzbuchs verboten, bleibt aber straffrei, wenn er innerhalb der ersten zwölf Wochen vorgenommen wird und sich die Frau zuvor hat beraten und eine Bescheinigung aushändigen lassen. Häusler sagt, für die Frauen entstehe ein enormer Zeitdruck: „Wenn das Entscheidungsfenster eng ist, die Entscheidung existenziell und der Druck von außen groß, hat man echt ein Problem.“

Nach einem Abbruch leiden die Frauen, die sich unter Druck gesetzt fühlten, Häuslers Erfahrung nach oft darunter, dass sie ihre „eigene Integrität“ verloren hätten. Integrität bedeutet, dass Denken, Reden und Handeln einer Person mit ihrem Wertesystem im Einklang sind. „Die Trauer um die eigene Integrität ist geprägt von einer großen Erbarmungslosigkeit sich selbst gegenüber“, führt Häusler aus. „Sich selbst zu vergeben, ist das Schwerste.“

Es sei unverzichtbar und sehr wichtig, „Barmherzigkeit mit sich selbst“ zu üben, und Verständnis und Mitgefühl für sich zuzulassen. Die Trauer anzunehmen, sei für die Frauen ein erster Schritt, ihren Schmerz zu verarbeiten, sagt Häusler. Denn ja, auch Frauen, die sich für einen Abbruch entschieden haben, dürften um ihre ungeborenen Kinder trauern.

Lesezeichen

„Aus Brüchen Brücken bauen – Trauernde nach Schwangerschaftsabbruch begleiten“, Kirsten Patricia Häusler, Verlage Vandenhoeck&Ruprecht, 20 Euro.

x