Rhein-Pfalz-Kreis RHEINPFALZ Plus Artikel Pfälzer Mutter erzählt: Wie Krebs das Familienleben verändert

Yvonne B. (links) erlebte durch den Brustkrebs eine harte Zeit. Bei Katja Hubrich und dem Projekt „Mama/Papa hat Krebs“ fand sie
Yvonne B. (links) erlebte durch den Brustkrebs eine harte Zeit. Bei Katja Hubrich und dem Projekt »Mama/Papa hat Krebs« fand sie eine Stütze.

Wie sagt man einem Kind, dass seine Mama Krebs hat? Vor dieser Frage stand Yvonne B. 2024. Seitdem ist ihr Leben anders. Das Projekt „Mama/Papa hat Krebs“ hilft der Familie.

Die Diagnose hat Yvonne B. umgehauen. Sie ist 40 Jahre alt, Mutter einer achtjährigen Tochter, lebt im Rhein-Pfalz-Kreis und arbeitet eigentlich im IT-Bereich. Der Brustkrebs kam ohne Vorwarnung. Seitdem ist sie in Behandlung – das veränderte nicht nur ihren Alltag, sondern den der ganzen Familie. Im Dezember 2024 erhielt Yvonne B. die Diagnose. Erst vier Wochen zuvor sei bei der Vorsorge noch alles in Ordnung gewesen, erzählt sie. „Das hat uns also ziemlich hart getroffen.“

Die Familie ist eigentlich gerne unterwegs. Yvonne B., ihr Partner und Tochter Finja gehen oft campen, unternehmen Ausflüge oder entspannen im Pauschalurlaub. Viel planen müssen die Eltern nie: „Finja ist so offen, knüpft überall Kontakte und ist immer unterwegs“, erzählt Yvonne B. und lächelt über ihr fröhliches Kind. Finja geht in die zweite Klasse, spielt Handball und geht ins Gardetanzen.

Neue Rollen in der Familie

Finja vom Krebs zu erzählen, war eine der ersten großen Hürden. Yvonne B. wartete den richtigen Zeitpunkt ab: Bis sie selbst alles über die Behandlung und ihre Chancen wusste. „Ich habe geweint, als ich es ihr erzählt habe. Ich habe ihr gesagt, dass ich krank bin. Dass das jetzt eine schwierige Zeit für uns wird. Dass ich nicht so für sie da sein kann wie sonst“, erzählt die Mutter.

Denn mit einer Krebserkrankung verändert sich das Familienleben. Es entstehen die Rollen „gesunder“ und „kranker“ Elternteil, zudem wollen Kinder häufig Verantwortung übernehmen. Für den gesunden Elternteil wird der Alltag zum Spagat. Manche Familien schaffen es nicht mehr, Freizeitaktivitäten mit ihren Kindern zu planen. Deshalb hat das Beratungszentrum Ludwigshafen der Krebsgesellschaft vor rund einem Jahr das Projekt „Mama/Papa hat Krebs“ gestartet.

Projektleiterin Katja Hubrich geht es darum, Kindern einen Ort anzubieten, an dem sie keine Rücksicht auf ihren kranken Elternteil nehmen müssen. Es wird gemeinsam geklettert, gebastelt, und jeder kann sich mit Ideen für Aktionen einbringen. Yvonne B. war mit Finja fast von Anfang an dabei. Für die Pfälzerin war es wichtig, dort andere Betroffene mit jungen Kindern zu treffen. Man sei in der gleichen Lebenssituation, aber könne auch über andere Dinge reden, sagt sie.

Eine starke Tochter

Für Yvonne B. ging es wenige Tage vor Weihnachten 2024 mit der ersten Chemotherapie los. Danach wurde sie operiert. Eine zweite Chemo dauerte bis vor Kurzem: Alle drei Wochen, insgesamt 14 Mal, bekam sie die Medikamente. Während der Chemo, die B. nicht gut vertrug, ging nicht viel: Sie kann seitdem nicht arbeiten. Einen Trip ins adventliche Freiburg mit ihrer Mutter musste sie absagen, weil an der Operationsnarbe ein Melanom entdeckt wurde. Ihre weiteste Reise seit der Diagnose war eine Fahrt von 200 Kilometern zum 70. Geburtstag ihrer Schwiegermutter. „Im Nachhinein ziemlich mutig“, sagt Yvonne B. Zum Familienurlaub ging es auf einen Campingplatz in Bad Dürkheim.

Finja blieb die gesamte Zeit stark. Nur wenn ihre erschöpfte Mama sie im Sommer nicht ins Schwimmbad begleitet konnte, verfluchte die Schülerin den Krebs. Hubrich und ihre Kolleginnen unterstützen Eltern dabei zu lernen, als Familie mit der Krankheit umzugehen. Sie helfen den Eltern bei Bedarf, ihren Kindern die neue Situation zu erklären. Offenheit sei dabei das wichtigste, sagt Hubrich.

„Musst du sterben?“

Finja solle nicht das Gefühl haben, dass ihre Eltern etwas vor ihr verstecken, erklärt die Mutter. Offenheit nehme etwas von der Angst. Irgendwann kam trotzdem die gefürchtete Frage: „Mama, musst du sterben?“ Yvonne B. hatte sich dazu zuvor belesen: „Nein“ zu sagen, auch bei guter Prognose, sei ein Fehler. „Ich habe zu ihr gesagt, dass ich, so wie es im Moment aussieht und wenn alles gut läuft, wieder gesund werde“, erzählt die Mutter aus dem Rhein-Pfalz-Kreis.

Wenn Yvonne B. mit Finja über den Krebs spricht, muss sie meist weinen. „Es wird einem viel bewusster, wenn man es ausspricht“, sagt sie. Finja tröste sie und übernehme oft die Rolle der Beschützerin. Wenn ihre Eltern sich uneinig seien, stelle sich Finja sofort auf die Seite ihrer Mutter. Um ihre Mutter zu entlasten, habe sie sich lange nur noch von ihrem Vater ins Bett bringen lassen. Die 40-Jährige möchte ihrer Tochter keine Verantwortung aufbürden, doch in einem gewissen Maß ist das laut Expertin Hubrich in Ordnung. Es dürfe nur nicht zu Überforderung führen.

Blick in die Zukunft

Yvonne B. möchte nun langsam wieder fit werden und am Leben teilhaben. Dazu gehöre, Sport in den Alltag zu integrieren, um das Rückfallrisiko zu senken. „Früher habe ich Handball gespielt. So sportlich bin ich jetzt aber nicht mehr“, sagt B. Durch die Behandlung ist sie künstlich in den Wechseljahren, wodurch sie Probleme mit den Gelenken hat. Also werde sie den Sport vorsichtig angehen. Sie wünscht sich Routinen im Alltag, die während der Behandlung nicht möglich waren. Auch in den Beruf kehrt die 40-Jährige bald zurück.

Der Krebs ließ eineinhalb Jahre lang alle Pläne der Familie platzen. Seitdem habe sie Respekt vor Unvorhersehbaren, erzählt Yvonne B. „Da ist so eine Beklemmung“, beschreibt sie dieses Gefühl. Seit der Operation, also seit etwa einem Jahr, gilt sie als krebsfrei. Wenn die Nachwirkungen der letzten Chemo vorbei sind, kann Yvonne B. wieder Pläne schmieden: Nach Kreta würde sie gerne reisen. Dort habe es Finja so sehr gefallen.

Zur Sache

„Mama/Papa hat Krebs“ ist ein kostenfreies Projekt für Familien, in denen ein Elternteil an Krebs erkrankt ist. Es soll den Kindern und Familien bei der Verarbeitung helfen und sie bei einem altersgerechten Umgang mit der Erkrankung unterstützen. Geplante Aktionen: Waldbaden am 13. Juni, Armbänder gestalten am 26. Juni. Wöchentlicher offener Treff: Termine variieren, bitte erfragen. Informationen und Anmeldung im Beratungszentrum Ludwigshafen der Krebsgesellschaft Rheinland-Pfalz oder per E-Mail an lu-mamapapa@krebsgesellschaft-rlp.de. Das Projekt sitzt in Ludwigshafen, richtet sich aber an Familien der gesamten Pfalz. In Kaiserslautern bietet die Krebsgesellschaft das gleiche Projekt an.

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