Pfalz
Abtreibungen: Wie ist die Versorgung in der Pfalz?
Es gibt viele Frauen, die sich nicht freuen, wenn der Schwangerschaftstest zwei Striche anzeigt: Sie wollen kein (weiteres) Kind. 3324 Frauen haben vergangenes Jahr in Rheinland-Pfalz einen Schwangerschaftsabbruch vornehmen lassen, in ganz Deutschland gab es laut Statistischem Bundesamt 106.218 Abbrüche.
In einigen Regionen ist es für Frauen sehr schwierig, einen wohnortnahen Termin für einen Abbruch zu bekommen – das ist ein Ergebnis der „Elsa-Studie“, bei der unter Führung der Hochschule Fulda mehrere deutsche Hochschulen die „Erfahrungen und Lebenslagen ungewollt Schwangerer“ erforschen. Frauen, die in Bayern, Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz leben, müssen besonders weit fahren, wenn sie einen Abbruch vornehmen lassen wollen: Neben Eifel, Westerwald und Hunsrück gibt es auch in der Südwestpfalz und der Westpfalz Landstriche, in denen eine Klinik, die Abtreibungen vornimmt, mehr als 40 Autominuten entfernt ist – und die damit laut Bedarfsplanungs-Richtlinie des Bundes für die ärztliche Versorgung als nicht mehr „angemessen erreichbar“ gilt.
Neben der Erreichbarkeit spielen auch die Verfügbarkeit von Terminen und die generellen Kapazitäten in einer Region eine Rolle: So gelten weite Teile Bayerns als „unterversorgt“ und in Rheinland-Pfalz hat die Region Trier Schlagzeilen gemacht. Dort sind die Krankenhäuser in katholischer Trägerschaft. Die Kirche lehnt Schwangerschaftsabbrüche ab, deshalb werden in den Kliniken keine Eingriffe vorgenommen. Mitunter ist es aber auch so, dass Frauenärzte es als belastend empfinden, eine Abtreibung vorzunehmen. So heißt es beispielsweise vom Westpfalz-Klinikum, wo an den Standorten Kaiserslautern und Kirchheimbolanden im vergangenen Jahr rund 200 ambulante Operationen erfolgten: „Es gibt durchaus Kolleginnen und Kollegen, die diesen Eingriff nicht durchführen möchten. Dabei spielen sowohl ethische als auch private Gründe eine Rolle.“
Wie ist die Versorgung in der Pfalz?
Wenn man die Versorgungssituation in der Pfalz betrachtet, muss man differenzieren: Frauen in der Vorder- und Südpfalz haben – so stellt es sich nach Gesprächen mit Ärzten und Beratungsstellen dar – gute Möglichkeiten, zeitnah einen Termin für einen Abbruch zu bekommen. So sagen beispielsweise Berater der Pro-Familia-Beratungsstellen in Ludwigshafen und Landau, es gebe genügend Ärzte in der Region, die Abbrüche vornehmen. „Die Situation ist noch okay“, sagt Stefan Ortelbach von Pro Familia in Ludwigshafen. Doch es gebe die Befürchtung, dass künftig weniger Mediziner solche OPs machen – Stichwort Überalterung der Frauenärzte.
In der Westpfalz ist die Situation schon jetzt eine andere. „Wir sehen Versorgungslücken in der Westpfalz“, sagt Torsten Wilhelm, Geschäftsführer von Pro Familia in Kaiserslautern: „Die Vorderpfalz ist besser aufgestellt. Die Leute am Rhein sind auch schnell in Mannheim und Karlsruhe.“ Und Christine Joniks von der Beratungsstelle Donum Vitae in Landstuhl (Kreis Kaiserslautern) verdeutlicht: „Die Frauen müssen sich durchtelefonieren. Das ist nicht einfach für Frauen, die ja ohnehin schon in einem riesigen Konflikt sind. Diejenigen, die die Eingriffe vornehmen, haben so viele Patientinnen, dass es zu Engpässen kommen kann.“
Die Beratungsstellen haben Listen mit Ärzten
Die Beraterinnen und Berater haben eine Liste mit Ärzten und Kliniken, die sie den Frauen an die Hand geben – in der Pfalz gibt es in Kaiserslautern, Kirchheimbolanden, Landstuhl, Ludwigshafen, Grünstadt und Frankenthal die Möglichkeit, Abbrüche vornehmen zu lassen, in der Nachbarschaft in Mannheim, Mainz, Karlsruhe, Saarbrücken und Homburg.
Das sieht auf den ersten Blick so aus, als ob es eine ausreichende Anzahl von Klinken und Ärzten gibt – doch Pro-Familia-Berater Wilhelm aus Kaiserslautern sagt: „Wir haben es öfter, dass die Frauen erst spät bemerken, dass sie schwanger sind.“ Und mitunter sei es dann eine Herausforderung, innerhalb der Zwölf-Wochen-Frist einen Termin zu bekommen. Hinzu komme, dass in der Westpfalz die gynäkologische Versorgung ohnehin schwierig sei – viele Praxen könnten keine neuen Patientinnen mehr annehmen.
Rüdiger Gaase ist Landesvorsitzender des Berufsverbands der Frauenärzte und sagt, dass elf Prozent der Frauenärzte, die in Rheinland-Pfalz und Hessen praktizieren, älter als 65 Jahre sind, das Problem also – unabhängig von Abbrüchen – ein grundsätzliches sei: „Die Überalterung schreitet immens voran, die Facharzt-Zahl sinkt.“ Der Wormser Gynäkologe stellt im Hinblick auf Schwangerschaftsabbrüche gleichwohl fest: „In unserer Region gibt es kein Versorgungsproblem. Von einer Unterversorgung kann man hier nicht reden.“
1200 Eingriffe im Jahr in Ludwigshafen
Das bestätigt Dieter Mentges, Geschäftsführer der Apollonia-Kurpfalzklinik in Ludwigshafen, in der pro Jahr zwischen 1200 und 1400 Schwangerschaftsabbrüche vorgenommen werden: „In der Regel bekommen die Frauen innerhalb von einer Woche bei Vorliegen aller Papiere einen Termin für einen Abbruch an unserer Klinik.“ Die Patientinnen kämen vor allem aus dem Rhein-Neckar-Raum, aus Rheinhessen und den Regionen Karlsruhe, Kaiserslautern und Sinsheim. Fünf niedergelassene Gynäkologinnen und Gynäkologen nehmen in den OP-Räumen des Medizinischen Versorgungszentrums Apollonia GmbH die Eingriffe vor. „Bei uns gab es von Gynäkologenseite einen Generationenwechsel vor etwa fünf Jahren“, sagt Mentges.
Die Diskussion um die Paragrafen 218 und 219 des Strafgesetzbuches ist in den vergangenen Jahrzehnten so hart geführt worden wie wenige andere. Zuletzt hat sich einiges geändert: So ist der Paragraf 219a („Werbung für den Abbruch der Schwangerschaft“) im Juni 2022 ersatzlos gestrichen worden: Jetzt können Ärzte öffentlich über Abbrüche informieren, ohne sich strafbar zu machen. Im Juli 2024 hat der Bundestag das Schwangerschaftskonfliktgesetz geändert: Schwangere sollen vor Beratungsstellen, Praxen und Krankenhäusern vor Gehsteigbelästigungen durch Abtreibungsgegner geschützt werden. In einem Umkreis von 100 Metern um solche Einrichtungen darf es keine Mahnwachen mehr geben, bei Verstoß drohen bis zu 5000 Euro Bußgeld.
Die Gründe für Abbrüche sind sehr unterschiedlich
Die Ärzte habe diese Art der Proteste beschäftigt, berichtet Gynäkologen-Vertreter Gaase: „Die Kollegen waren unter Druck.“ Und auch Dieter Mentges von der Ludwigshafener Apollonia-Klinik sagt über Erfahrungen mit fanatischen Abtreibungsgegnern: „Die standen bei uns schon im Foyer.“ Vor einigen Jahren hätten seine Klinik und er persönlich im Fokus eines Abtreibungsgegners gestanden, der Abbrüche mit dem Holocaust gleichsetzt. In der Elsa-Studie heißt es, dass 65 Prozent der Frauenärzte, die Schwangerschaftsabbrüche vornehmen, Stigmatisierungen im privaten, beruflichen oder öffentlichen Umfeld erlebten.
Vor allem aber sind es die Frauen, die unter Druck sind. Die Gründe, warum sich ungewollt Schwangere für einen Abbruch entscheiden, sind sehr unterschiedlich: „Es gibt nicht die typische Lebenslage ungewollt Schwangerer. Typisch ist allenfalls, dass ein oder mehrere Lebensumstände unpassend sind, um ein Kind zu bekommen“, heißt es in der Studie. Zu diesen gehören eine mit (weiterem) Kind sehr angespannte finanzielle Situation, eine kriselnde oder keine Partnerschaft, eine nicht abgeschlossene Ausbildung, die Arbeitslosigkeit der Frau oder des Partners oder eine schlechte Wohnsituation.
Es ist im Übrigen nicht so, dass vor allem sehr junge Mädchen eine Schwangerschaft abbrechen: Die Anzahl der 18- bis 25-Jährigen und der 30- bis 35-Jährigen, die 2023 eine Schwangerschaft beenden ließen, liegt laut Statistischem Bundesamt jeweils bei 25.000. Der Kaiserslauterer Berater Wilhelm sagt: „Es sind Frauen, die mitten im Leben stehen. Meist haben sie schon Kinder und wissen, was die Schwierigkeiten sind.“ Er plädiert dafür, die Frauen ernst zu nehmen, sie nicht zu bevormunden: „Den Frauen muss man zutrauen, dass sie eine gute und richtige Entscheidung für sich und ihre Lebenssituation treffen.“ Denn einen solchen Entschluss treffe keine Frau leichtfertig.
Zur Sache
In Deutschland hat sich zuletzt einiges geändert, eine Straftat ist ein Schwangerschaftsabbruch nach Paragraf 218 des Strafgesetzbuchs aber weiterhin. Ausnahmen sind ein Abbruch nach Vergewaltigung und wenn Leben oder Gesundheit der Frau bedroht sind. In allen anderen Fällen bleibt ein Abbruch aber straffrei, wenn er innerhalb der ersten zwölf Wochen vorgenommen wird und sich die Frau zuvor hat beraten und eine Bescheinigung aushändigen lassen. In der Pfalz bieten etwa Pro Familia in Kaiserslautern, Ludwigshafen und Landau, Donum Vitae in Landstuhl und Ludwigshafen und die Diakonie in 22 Orten Konfliktberatungen für ungewollt Schwangere an.