saach blooss – die Dialektserie
Babbler und Schluckspechte
Den Wert einer ordentlich gerichteten Frisur fürs Wohlbefinden oder gar fürs Seelenheil haben viele Menschen neu zu schätzen gelernt, als die Friseurbetriebe monatelang geschlossen blieben. Doch jetzt wird endlich wieder professionell gewaschen, geschnitten und in Form gelegt. Und wir von „Saach blooß“ sehen uns in der Pflicht, den Wert des Worts „struww(e)li(s)ch“ für den pfälzischen Sprachalltag noch einmal neu ins Gedächtnis zu rufen.
Denn nur auf den ersten Blick verbergen sich da keine großen Besonderheiten. Wie das hochdeutsche „strubbelig“ und das verwandte „struppig“ steht „struwwelisch“ für „wirr“, „zerzaust“, „unordentlich“, „widerspenstig“ oder „widerborstig“ – und oft ist da die Haar- oder Fellpracht gemeint. Das Gegenteil wäre „glatt“, „geglättet“ oder „angepasst“, erklärt Albert Arndt aus Rockenhausen. Alois Beck aus Hatzenbühl erinnert sich an eine Ermahnung aus den 1960er-Jahren: „Sou struwwelich gehsch mer nit in d’ Kirch zum Diene!“ Folge für den Messdiener: „Reichlich Haarcreme wurde aufgetragen und einmassiert und dann ein exakter Scheitel gezogen. Keine Windböe konnte ein Haar krümmen. Die Frisur hielt mehrere Tage.“
Der „Strubbischel“
„Mein Großvater bezeichnete unangepasste junge Männer in den 1960er-Jahren mit dem Begriff ,Strubbischel’“, berichtet Bertram Steinbacher aus Lingenfeld, womit die Begriffe „struppig“ und „Igel“ verbunden wurden zu „widerborstig“. Der Leser hält heute allerdings dagegen: „Im Vergleich zu Boris Johnson waren wir damals geradezu harmlos und gut frisiert.“
Keine Schwierigkeiten macht die Suche nach der Herkunft des Worts: „Strubbelig“ und alle Dialektversionen gehen – wie auch Inge Schornick aus Ludwigshafen erklärt – auf das Verb „sträuben“ zurück, das im 11. Jahrhundert: „irstrobalon“ lautete. Bester Beleg: Die Redensart „Da sträuben sich einem Haare“. Gutes Beispiel: Der „Struwwelpeter“, von dem der Dichter Heinrich Hoffmann schrieb: „Kämmen ließ er nicht sein Haar.“ An ihn erinnerte sich unter anderem Hermann Grundhöfer aus Harthausen.
Achtung, Saufgelage!
Witzig wird’s, weil es häufig nicht nur die Haare sind, die sich sträuben, sondern Körper und Geist insgesamt den Dienst versagen. „Nooch äm Saufgelaache hot mei Mudder am negschde Daach g’saacht: Geschdern warscht ganz schää struwwelich“, schreibt Werner Rinner aus Spirkelbach. „Wenn einer zu viel getrunken hatte, war er ganz schön ,struww(e)lich’ oder er hatte einen ordentlichen ’Struww(e)ler’“, schreiben auch Hannelore Thomas aus Maikammer, Hans Bachmann aus Bundenthal sowie Volker Wilhelmy aus Kleinkarlbach. Leserin Ruth Rübel aus Bruchmühlbach schreibt: „Gugg der mo do driwwe de Willi oo, wie er widder ganz struwwelich vun de Wertschaft kummt.“ Bei Karlfried Obenauer aus Winnweiler ist es ein „struwwlischer“ Herr namens „Guscht“, der „am Stammtisch werre emol unner die Räder kumm isch“, weil er sich „ordentlich die Nas gedunkt hot“. Und Manfred Zaun aus Dirmstein erzählt: „Bei uns früher im Musikzug war der Mitspieler struwwelisch, wenn er angetrungen war und auch noch falsch spielte.“
Familie Oppinger aus Speyer weist außerdem darauf hin, dass die der Sauferei nachgelagerte Übelkeit und das flaue Gefühl im Bauch als „struwwelicher Maache“ bezeichnet werden können.
Es geht auch ohne „Sprit“
Es wäre aber eine ungerechtfertigte Verkürzung, ausschließlich den Alkohol beziehungsweise dessen Konsum dafür verantwortlich zu machen, wenn die Sinne versagen. Die Pfälzerinnen und Pfälzer haben dafür noch weitere Mittel, wie der umfassende Gebrauch des Wörtchens „struwwelisch“ belegt. Die weit verbreitete Formulierung „jemand struwwelisch mache“ lässt sich auch nur in Ausnahmefällen mit „jemandem die Haare zerzausen“ oder gar mit „jemanden betrunken machen“ übersetzen. Tatsächlich bedeutet die Redensart meist: jemanden durcheinander, irre, kirre oder „heckewelsch“ machen, wie zahlreiche Zuschriften belegen, darunter die von Inge Huber aus Reichsthal und vom Weingut Schlipp aus Asselheim.
Die Rückkehr der Unordnung
Herbert Rohmer aus Kaiserslautern umschreibt das Durcheinanderbringen so: „Jemanden mit falschen Behauptungen von seiner Meinung (oder der Wahrheit) abbringen, um einen Vorteil zu erlangen oder die Person im Scherz zu ärgern.“ Für Holger Weimer aus Kandel bedeutet „struwwelich mache“, „dass jemand mit einem abweichenden Vorschlag wieder Unordnung in eine bereits zufriedenstellend geregelte Angelegenheit trägt“. Man kann zu diesem Zweck „ziemlich struwwelich doherredde“, wie Uta Fasco aus Waldfischbach-Burgalben schreibt oder „jemanden ganz struwwelich reden“, wie Jutta Tigiser aus Albersweiler sagt. Allesamt klare Fälle von Dampf- oder gar Kampfbabblerei. Das Gelaber geht so weit, dass „struwwelich“ zum Schimpfwort wird und „nicht ganz normal“ oder „unzuverlässig“ bedeutet, wie Gertraud Hanewald aus Flomersheim schreibt.
Ein guter Rat
Auch schon ganz „struwwelich“, liebe Leser und Leserinnen? Dann halten wir’s mit „de Karin un de Elke vun de Haßlocher Sparkass“: „Seit der Pandemie sin mer gonz struwwelich, net nur, weil die Hoor viel zu lang un kreiz wie quer hängen, sondern weil uns des alles gonz durchennonner macht. Aber wir schaffen das. Und bald sehen wir auch widder ordentlicher aus!“ Oder hören wir einfach auf den Rat von Doris Rittmann aus Birkenheide: „Lossen eich net struwwelisch mache!“
In der nächsten Folge wollen wir der Frage nachgehen: Was hat’s mit den Wörtern „beffre“ und „beffe“ auf sich (wie in „Sie beffert“ und „er befft nooch“)? Wer kennt die Verben und und/oder verwendet sie? Ergänzungsfrage: Gibt’s da einen Bezug zu „bebbre“? Oder sind bebbre, beffre und beffe jeweils ganz unterschiedliche Verrichtungen? Schreiben Sie uns!
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Schreiben Sie unter dem Kennwort „Saach blooß“ an die RHEINPFALZ am SONNTAG, Ostbahnstraße 12, 76829 Landau, Fax: 06341/281-165, E-Mail: saachblooss@rheinpfalz.de