Fragen und Antworten Tauchboot „Titan“: Unglück mit Ansage
Knapp 500 Meter vom Wrack der „Titanic“ entfernt wurden Trümmerteile der vermissten „Titan“ entdeckt. „Die ,Titanic’ hat 111 Jahre nach ihrem Verlust fünf weitere Opfer gefordert“, hieß es in einer Mitteilung der Titanic International Society, die sich dem Untergang des Luxusdampfers im Jahr 1912 widmet. Manche Fragen zum Unglück der „Titan“ sind bereits geklärt, viele sind offen – und manche werden womöglich nie beantwortet.
Was ist passiert – und wann?
Alles deutet darauf hin, dass der Rumpf des Boots dem enormen Wasserdruck nachgegeben hat und implodierte. Der frühere britische U-Boot-Kapitän Ryan Ramsay sagte, womöglich sei die Luke, die von außen mit 17 Schrauben verschlossen werden musste, defekt gewesen. Eine andere Möglichkeit sei, dass es einen Defekt im Druckkörper gegeben habe.
Der genaue Zeitpunkt des Unglücks ist unbekannt. Sonarbojen hätten kein „katastrophales Ereignis“ wahrgenommen, teilte die US-Küstenwache mit. Medien zufolge registrierte ein Unterwassererkennungssystem der US-Navy aber bereits am Sonntag ein auffälliges Geräusch.
Hollywood-Regisseur und Tiefsee-Entdecker James Cameron zufolge spricht auch der Fundort der Trümmer dafür, dass das Unglück bereits unmittelbar beim Kontaktabbruch mit dem Mutterschiff geschah, als das Tauchboot noch unterwegs zum „Titanic“-Wrack war. Denn zu diesem Zeitpunkt habe die „Titan“ auch nicht mehr geortet werden können.
Was haben die Insassen von der Implosion mitbekommen?
„Das einzig Positive ist, dass es sofort geschah und sie nichts bemerkten“, sagte Experte Ramsay. Der Druck auf das Tauchboot sei in so großer Tiefe enorm gewesen – die Implosion sei im Bruchteil einer Millisekunde passiert, wurde am Freitag die ehemalige Marineoffizierin Aileen Marty, eine Professorin für Katastrophenmedizin, zitiert. Das menschliche Gehirn könne die Lage so schnell nicht erfassen. „Das ganze Ding ist kollabiert, bevor die Menschen darin überhaupt bemerken konnten, dass es ein Problem gibt“, sagte Marty.
Warum ist das U-Boot implodiert?
Bei einer Implosion bricht ein Objekt schlagartig zusammen, wenn der Außendruck größer ist als der Innendruck. Sie steht im umgekehrten Kräfteverhältnis zu einer Explosion. Schon der kleinste strukturelle Defekt kann in großer Tiefe eine solche Katastrophe auslösen.
Erkenntnisse darüber dürften sich die Experten durch die entdeckten Trümmerteile erhoffen. Während Personal und Schiffe nun vom Unfallort abgezogen werden, soll die Operationen auf dem Meeresboden zunächst fortgesetzt werden, teilte die US-Küstenwache mit. Im Moment konzentriere man sich darauf, den Ort zu dokumentieren. Die Daten würden analysiert. Das Wrack der 1912 nach der Kollision mit einem Eisberg gesunkenen „Titanic“ liegt in rund 3800 Metern Tiefe auf dem Meeresgrund.
Können die Leichen der Opfer geborgen werden?
An Bord der „Titan“ waren der Franzose Paul-Henri Nargeolet (77), der britische Abenteurer Hamish Harding (58), der britisch-pakistanische Unternehmensberater Shahzada Dawood (48) und dessen 19-jähriger Sohn Suleman sowie der Chef der Betreiberfirma Oceangate, Stockton Rush (61), der das Boot steuerte. Auf die Frage, ob ihre Leichen geborgen werden könnten, gab es zunächst keine Antwort. Es handele sich in der Gegend des „Titanic“-Wracks um eine „unglaublich erbarmungslose Umgebung“, teilte die Küstenwache mit. Ob sie damit andeutete, dass die Körper durch die Implosion zerstört wurden oder ob sie sich auf Schwierigkeiten bei der Bergung bezog, blieb unklar.
Hätte das Unglück vermieden werden können?
Laut verschiedenen Experten umging die Firma Oceangate als Entwickler und Betreiber des Tauchboots anerkannte Standards und missachtete Warnungen. Berichten zufolge warnte schon 2018 ein Brief der Organisation Marine Technology Society vor dem experimentellen Charakter des touristischen Angebots und dass die Fahrten in einer Katastrophe enden könnten. Auch ein ehemaliger Oceangate-Mitarbeiter soll vor Jahren Sicherheitsbedenken geäußert haben.
„Titanic“-Regisseur Cameron sieht gar Parallelen zur Katastrophe des Jahres 1912. „,Titan’, ,Titanic’, wissen Sie, der Größenwahn, die Arroganz. Das ist alles wieder da“, sagte Cameron der BBC: „Es ist eine große Ironie, dass da jetzt ein weiteres Wrack neben der ,Titanic’ liegt, und zwar aus dem gleichen Grund“ – weil Warnungen nicht beachtet worden seien.
Wird es Konsequenzen geben?
Die Erforschung der Tiefsee in internationalen Gewässern sei weitgehend unreguliert, sagte der Meereskunde-Experte Simon Boxall von der University of Southampton. Spekuliert wird nun, dass sich dies infolge der „Titan“-Tragödie ändern könnte.
Charles Haas von der Titanic Society sagte: „Die ,Titanic’ hat der Welt die Gefahren von Hybris und übermäßigem Vertrauen in Technologie aufgezeigt. Das tragische Ende dieser Expedition hat gezeigt, dass diese Lektionen noch gelernt werden müssen.“ Er forderte eine Debatte über Reisen zum Wrack des Dampfers „im Namen der Sicherheit“.