Panorama Ein Stern für Tante Fai

«Bangkok.» Vor ein paar Monaten wollte Bangkok die beliebten Garküchen noch verbieten. Jetzt hat eine davon sogar einen Stern. Tante Fai, die prämierte Köchin, ist eine Institution. Am Herd steht sie mit Gummistiefeln, Lippenstift – und Skibrille.
Bangkoks berühmte, so vielfältige wie überraschende Küche hat in den vergangenen Jahren nochmals ordentlich zugelegt. Galt die Metropole früher als Eldorado für billigen, köstlichen „street food“, hat sich Thailands Hauptstadt längst einen Namen unter Gourmets und Gourmands weltweit geschaffen. Sei es Pizza, Fusion cuisine oder Omakase Sushi – thailändische Köche scheinen einfach ein Händchen für alles zu haben. Das hat auch Michelin auf den Plan gerufen, den französischen Reifenhersteller, dessen Testesser nach monatelangen geheimen Inspektionen die begehrten Sterne verteilen. Gerade hat Michelin den ersten der berühmten roten Restaurantführer für Bangkok herausgegeben. 17 Lokale erhielten die begehrte Auszeichnung. Das noble „Le Normandie“ im Hotel „Mandarin Oriental“, wo Herren nur im Sakko speisen dürfen, trumpft als einziges Haus mit drei Sternen auf. Die große Überraschung des „Guide Michelin Bangkok“ ist aber der Stern für „Raan Jae Fai“ – für den Laden von Tante Fai. Begründung: „Das ,Raan Jae Fai’ ist ein Platz, in dem Taxifahrer wie Foodies in Verzückung geraten.“ Obwohl die Konkurrenz in dieser Stadt, die so viel Wert aufs Essen legt, nicht klein ist, gab es keinen Widerspruch. Die 72-jährige Supinya Junsuta kocht seit vier Jahrzehnten in ihrem Laden: ein schlichter Raum, zur Straße hin offen, sieben Tische nur, mit Holzschemeln. Die Wände sind mit grünen Billigfliesen gekachelt. An der Decke hängen Neonlampen. Dazu mühen sich zwei Ventilatoren, die warme Luft umzuschlagen – ohne großen Erfolg. Die Speisekarten sind in Plastik eingeschweißt. An der Straße parken aber auch mal Ferraris oder Bentleys, um bei Tante Fai zu essen. Ihre Gäste stehen nachts noch Schlange für die großzügig angerichteten Nudeln mit Meeresfrüchten, das Krabben-Curry und viele weitere Gerichte, die auch von Tausenden anderen Garküchen und Restaurants in Thailand zubereitet werden. Aber nicht so gut wie bei Tante Fai, wo über Holzkohlefeuer gekocht wird. Das haben die verwöhnten Michelin-Kritiker beschieden. In Bangkok ist das Tantchen längst Legende. In einem schmucklosen Rahmen an der Wand steckt ein vergilbter Ausschnitt der „Bangkok Post“ vom 2. September 1999, in dem sie schon damals als „Mozart der Nudelpfanne“ gelobt wird. Andere nennen sie die „Königin der Straßenküche“. Bekannt ist sie fast nur unter ihrem Spitznamen: Tante Fai eben. Sie dirigiert noch immer das Geschehen in der Küche, in der sie eine Skibrille trägt, wenn sie an den Woks zaubert. Um sich vor dem spritzenden Öl zu schützen, wie sie sagt. Ein Gericht kann bei ihr umgerechnet bis zu 30 Euro kosten. Das ist teuer für thailändische Straßenküche, doch günstig angesichts des Michelin-Sterns. „Natürlich sagen mir viele Leute, dass ich verrückt sei, es zu teuer bei mir sei. Ich bezahle aber meine Mitarbeiter gut und verwende die besten Zutaten. Wenn die Leute die Preise nicht mögen, können sie woanders essen“, sagt Fai. Von Michelin-Sternen habe sie zuvor zwar gehört, doch „nicht gewusst, dass es mit Kochen zu tun hat“. Jetzt sei sie „sehr stolz“ – und muss schon wieder in die Küche zurück: „Wir haben nicht viel Personal, weil ich ein bisschen schwierig und verrückt bin.“