Zeitgeschehen
Tod an der Tankstelle
Die Erntehelfer befanden sich auf dem Rückweg von den Erdbeerfeldern bei Sibari an der Ionischen Küste im Süden Italiens. Sie saßen auf den Rücksitzen eines Minivans, der an einer Tankstelle anhielt. Dort stiegen Fahrer und Beifahrer aus, führten am Zahlautomaten etwas Geld ein und ergriffen die Zapfpistole. Doch statt zu tanken, spritzten sie Benzin über das Auto und in den Innenraum, setzten das Fahrzeug in Brand und verschlossen die Türen von außen. Dann flüchteten sie.
Vier Erntehelfer – drei Afghanen und ein Pakistaner – verbrannten bei lebendigem Leibe. Nur einem Passagier, einem 35-jährigen Afghanen, gelang es, sich durch eine offen gebliebene Hecktür ins Freie zu retten. Dank seiner Aussagen und den Videobildern der Tankstelle gelang es der Polizei nach wenigen Stunden, die mutmaßlichen Mörder zu verhaften. Es handelt sich um zwei Pakistaner, sogenannte „Caporali“. Also Vermittler und Aufseher, die Arbeitsmigranten an den Straßen aufgabeln und zu den Feldern bringen. Dabei verdienen sie kräftig mit.
Ausbeutung und Gewalt auf Italiens Feldern
Laut dem überlebenden Afghanen ging dem Mord ein Streit voraus: Er und seine Kollegen hätten seit Mitte April von den beiden „Caporali“ keinen Lohn mehr erhalten. Diese hätten geantwortet, dass ihnen nichts zustehe: „Sie sagten, sie würden uns Essen und Unterkunft geben, aber kein Geld.“ Tatsächlich sorgen die „Caporali“ nicht nur für den Transport auf die Felder, sondern stellen den Erntehelfern, die meist kaum Italienisch oder Englisch beherrschen, auch Unterkünfte in armseligen Schuppen zur Verfügung – zu Wucherpreisen. Oft helfen sie den Migranten bei der Besorgung von Aufenthalts- und Arbeitsbewilligungen, womit diese noch abhängiger werden und der Willkür der „Caporali“ ausgesetzt sind.
Laut der Staatsanwaltschaft von Cosenza hat sich an der Ionischen Küste seit Jahren eine pakistanische und indische Mafia organisiert, die ihre Landsleute und Migranten aus zentral- und ostasiatischen Herkunftsländern gnadenlos ausbeutet, indem sie diese an lokale Landwirtschaftsbetriebe und Plantagenbesitzer vermittelt und dabei einen Großteil des Lohnes für sich einbehält. Offenbar sollte der brutale Vierfachmord nicht nur der Bestrafung des Aufbegehrens der vier Opfer dienen, sondern auch ein Exempel für alle anderen Erntehelfer statuieren.
Die Pakistan-Mafia am Ionischen Meer arbeitet mit der kalabresischen Ndrangheta zusammen, die oft mit lokalen Behörden und Großgrundbesitzern verbandelt ist und bei der Ausbeutung der Erntehelfer mitkassiert.
Die Ermittler erklärten am Mittwoch zwar, dass die „Ndrangheta“ mit dem Vierfachmord direkt wohl nichts zu tun habe: Ein Mord vor laufender Überwachungskamera entspreche nicht der Vorgehensweise der lokalen Clans, die ihre Opfer lieber im Stillen und ohne großes Aufsehen beseitigten. Aber es sei anzunehmen, dass die lokale Mafia von den Plänen wusste. An der Ionischen Küste bewegt sich kein Blatt ohne das Wissen der Clans. Schon gar nicht erfolgt ein Vierfachmord hinter ihrem Rücken.
Süditaliens Erntehelfer zwischen Gesetz und Realität
Das brutale Verbrechen an der Tankstelle hat in Italien einen Aufschrei ausgelöst – wie immer, wenn in Kalabrien, Sizilien, Apulien oder Sardinien auf oder neben den Feldern Erntehelfer ums Leben kommen. Erst im vergangenen Oktober hatte ein tödlicher Autounfall Schlagzeilen gemacht: Ein für fünf Passagiere zugelassener, aber mit zehn Migranten besetzter Renault geriet ins Schleudern und prallte gegen eine Mauer. Dabei starben ebenfalls vier Erntehelfer.
In Italiens Landwirtschaftsbetrieben arbeiten laut Schätzungen der Gewerkschaften rund eine Million Erntehelfer. Weniger als ein Drittel haben einen regulären Arbeitsvertrag und damit rechtlichen Schutz vor Ausbeutung. Kaum einer von ihnen erhält den Mindestlohn für Landwirtschaftsarbeiter von 50 Euro pro Tag.
Die sklavenähnlichen Arbeitsbedingungen der ausländischen Erntehelfer in Süditalien sind seit Jahrzehnten ein politisches Thema. Fast alle Regierungen der vergangenen Jahre versuchten, der Ausbeutung durch Vermittler oder Plantagenbesitzer beizukommen – etwa 2016 durch ein Gesetz gegen das „Caporalato“, also das Unwesen der Vermittler. Die Ausbeutung von Schwarzarbeitern kann seither mit Gefängnisstrafen bis zu acht Jahren bestraft werden. Doch aufgrund mangelnder Kontrollen gehen die Ausbeuter weiterhin ungestört ihren menschenverachtenden Geschäften nach.