Meinung
Wer wählt, bestimmt – nicht der, der zuhause bleibt
80 Prozent der Zweibrücker haben Marold Wosnitza nicht gewählt. Das war am Sonntag nach der Stichwahl um das Amt des Oberbürgermeisters zu hören. Es stimmt ja auch: Wosnitza hat die Stichwahl zwar mit 5700 gegenüber 4600 Stimmen gewonnen, aber von den 26.000 Wahlberechtigten sind nur 10.500 zur Wahl gegangen. So werden aus deutlichen 55 Prozent schnell nur noch 20 Prozent. Automatisch zu schlussfolgern, dem OB mangele es am nötigen Zuspruch, ist aber falsch.
Konrad Adenauers CDU wählte auch nur jeder Fünfte
Dieses Argument hört man eigentlich auch immer nur von denen, die mit dem Wahlausgang unzufrieden sind. Eine Begründung taugt aber nur dann etwas, wenn sie allgemein gilt und nicht nur dann, wenn sie einem in den Kram passt. Bei der Landtagswahl gewann Christoph Gensch von der CDU den Wahlkreis mit fast 40 Prozent der Stimmen. 16.000 der gut 61.000 Wahlberechtigten stimmten für ihn. Da hat sich auch keiner beschwert, dass ihn fast drei Viertel der Menschen im Wahlkreis nicht gewählt haben. Und als Iris Nieland bei der Bundestagswahl 2025 in Zweibrücken die meisten Stimmen holte, freuten sich die AfDler wie Bolle. Dabei holte sie damals fast das gleiche Ergebnis wie jetzt der OB: 5300 von 25.500 möglichen Stimmen. Anders gesagt: 80 Prozent der Zweibrücker haben sie nicht gewählt. Und um es auf die Spitze zu treiben: Wissen Sie, wer Bundeskanzler wurde, obwohl 80 Prozent der Deutschen ihn – besser gesagt seine Partei – gar nicht gewählt hatten? Konrad Adenauer 1949.
Aber wozu in Wahlergebnissen aus dem vorigen Jahrhundert wühlen? Entscheidend ist das ohnehin nicht. In unserem Wahlrecht zählt nicht, wie viele jemanden nicht gewählt haben, sondern das Gegenteil: „Gewählt ist, wer mehr als die Hälfte der gültigen Stimmen erhalten hat.“
Bei der Stichwahl Karl-Heinz Rummenigge wählen
Das Argument des fehlenden Zuspruchs ist an weiteren Stellen löchrig: Nur weil jemand einem Kandidaten die Stimme versagt, heißt das nicht zwingend, dass er ihn ablehnt. Vielleicht gab es einen Grund, warum jemand nicht zur Wahl gehen konnte. Vielleicht ist er mit beiden Kandidaten zufrieden. Vielleicht ist es ihm auch einfach egal. Wer wirklich seine Ablehnung ausdrücken möchte, kann zur Wahl gehen und eine ungültige Stimme abgeben. Ich erinnere mich an eine Stichwahl vor vielen Jahren, bei der mein favorisierter Kandidat ausgeschieden war und ich „Karl-Heinz Rummenigge“ auf den Wahlzettel schrieb. Der hat dann aber auch nur zwei Stimmen bekommen. Meine und die meines Cousins David.
In anderen Bereichen käme übrigens auch niemand auf die Idee, fehlenden Zuspruch automatisch als Ablehnung zu deuten. Der erfolgreichste deutsche Film im Jahr 2025 war „Das Kanu des Manitu“ mit fünf Millionen Besuchern. Möchte jemand behaupten, der Film sei ein Flop gewesen, weil ihn 75 Millionen Deutsche nicht im Kino gesehen haben?
Die geringe Wahlbeteiligung ist trotzdem ein Problem
Dass nur 40 Prozent der Wahlberechtigten überhaupt zur Wahl gingen, ist tatsächlich ein Problem. Aber nicht, weil es den Gewählten schwächen würde. Sondern weil dann eine vergleichsweise kleine Gruppe für den großen Rest bestimmt und weil das Desinteresse an Wahlen irgendwann sogar die Demokratie gefährden könnte. Es gibt Wahlsysteme, mit denen der spätere Wahlsieger eine deutlichere Mehrheit hätte, mit denen sich eine Stichwahl mit geringerer Wahlbeteiligung vermeiden ließe und bei denen es am Ende keine verlorenen Stimmen gäbe. Es würde sich sogar lohnen, unser Wahlrecht zu ändern. Aber bis dahin ist die Wahl, wie wir sie haben, das gültige System. Reden wir es nicht mit fadenscheinigen Argumenten mutwillig kaputt, nur weil uns das Ergebnis nicht passt!