Meinung
Was beim Glasfaserausbau alles schiefgeht, ist unverschämt
„Sind die Bagger weg, ist die Zukunft da“, steht auf den Plakaten der Glasfaserfirma UGG. Für manche Dörfer klingt das wie blanker Hohn. Die Bagger sind schon längst weg. Die Zukunft ist aber noch nicht da. Was da ist, sind Löcher im Garten, die zweieinhalb Jahre nicht zugeschüttet werden. Löcher in der Hauswand, wo sie nicht hingehören. Wege, die aufgerissen, aber nur halbherzig wieder verfüllt wurden.
Zu keinem anderen Thema bekommen wir so viele Beschwerden über einen solch langen Zeitraum wie zum Glasfaserausbau. Das liegt zum einen dran, dass die Kunden sehnsüchtig auf das turboschnelle Internet warten und dementsprechend ungeduldig sind. Vor allem liegt es aber daran, dass der Ausbau an allen Ecken begonnen wurde und dann stockte, dass sich verschiedene Ausbaufirmen in die Quere kommen, dass Arbeiten stümperhaft erledigt und nicht ordentlich fertiggestellt wurden und dass der Kunde sich am Ende mit drei Firmen auf einmal rumstreiten muss.
Wehe, es läuft nicht alles nach Plan
Nehmen wir die UGG, die sich im Herbst 2021 in Contwig vorgestellt hat und mit offenen Armen als der neue Heilsbringer empfangen wurde, weil sie das Glasfasernetz auf eigene Kosten in die Dörfer bringt. Wenn es einmal läuft, wie mittlerweile in Contwig, dann hört man kaum noch Beschwerden. Aber wehe, es läuft nicht alles nach Plan.
Das beginnt damit, dass die UGG – Tochter der Allianz und der Telefónica – spanische Baufirmen einsetzt, deren Arbeiter kaum Deutsch und wenig Englisch sprechen. Das wäre an sich kein Problem, aber das sind teilweise auch die Leute, die die Glasfaserkabel ins Haus legen, irgendwo Löcher bohren und am Ende Anschlussdosen in eine Kellerecke setzen, sodass die Kunden zusehen können, wie sie nun ihren Anschluss ins Wohnzimmer bekommen.
Überall halb fertig und nirgends geht’s voran
Das geht damit weiter, dass die UGG in mehreren Orten gleichzeitig loslegt, irgendwann halb fertig ist, aber nichts vorangeht, weil die Hauptleitung noch gar nicht funktioniert. Ist alles vorbereitet, kommt wieder ein Techniker der Baufirma, um die Leitungen zu überprüfen, aber wehe, es klappt nicht alles, wie es soll. Eine erboste Leserin, die seit Wochen versucht, einen funktionierenden Glasfaseranschluss zu bekommen, hat uns geschildert, was dann passiert: Dann verspricht er wiederzukommen. Tut er aber nicht. Stattdessen, so die Auskunft von UGG, ist er zurück in Spanien.
In Deutschland beginnt unterdessen eine Odyssee, wer zuständig ist. Hat Ihnen das neue Unternehmen schon einen Starttermin genannt und bereits den Vertrag mit dem alten Internetanbieter gekündigt? Dann können Sie sich darauf einstellen, dass Sie bald ohne Internet dastehen.
Drei Ansprechpartner, aber zwei sind nicht zuständig
Die Baufirma, die dafür sorgen muss, dass der Anschluss funktioniert, ist nicht erreichbar. Sie haben auch keine Nummer. Im Internet stehen keine Kontaktdaten. Also rufen Sie die UGG an, die ja schließlich den ganzen Ausbau erst ins Leben gerufen hat. Dort erreichen Sie ein Callcenter, das die üblichen Infos abspult und verspricht, einem Techniker der Baufirma Bescheid zu sagen. Sie können auch noch O2 anrufen, das ist eine Sparte der Telefónica, der die UGG gehört. O2 ist der Internetprovider. Von dem kommt die monatliche Abrechnung. Mit den Leitungen im Gehweg und dem Hausanschluss hat er aber nichts zu tun. Zu allem Überfluss bekommen Sie von der O2-Hotline auch noch eine falsche Auskunft, weil O2 auf eine andere Anschlussart setzt als die Tochter UGG.
Irgendwann meldet sich doch die Baufirma – mit unterdrückter Nummer –, um Ihnen einen Termin zu nennen. Sie sagen alles ab für diesen Nachmittag, aber es kommt keiner. Nachfragen, was los ist, können Sie nicht, Sie haben ja keine Nummer. Sie sitzen zuhause, Ihr alter Anschluss ist gekündigt, Ihr neuer funktioniert nicht. Dann ist erst mal Ostern.
Das ist eine Unverschämtheit
Was sich die Glasfaserfirmen UGG und deren Konkurrent Deutsche Glasfaser leisten, ist eine Unverschämtheit. Nicht weil es immer mal wieder Einzelne betrifft, sondern weil es so viele sind, bei denen es nicht funktioniert. Immer wieder beklagen sich Bürgermeister, dass auch sie keinen Ansprechpartner ans Telefon bekommen. Dass sie monatelang warten, bis es irgendwo voran geht. Immer wieder schreiben uns Leser aus ganz unterschiedlichen Orten, dass sie Probleme haben. Ich selbst kenne drei direkt Betroffene. Bei einem ist alles angeschlossen, aber kein Signal auf der Leitung. Einer wurde beim Ausbau schlicht vergessen und danach nicht mehr berücksichtigt. Beim dritten hat der Techniker den Anschluss in eine Ecke im Keller gesetzt, weil es für die Firma am einfachsten war, das Kabel an die Garage zu verlegen, anstatt an die Haustür. Einer der drei hat mir noch von einem Nachbarn erzählt, der den Kabelgraben selbst ausbaggern musste.
Deutschland hat den Glasfaserausbau Jahrzehnte verschlafen. Jetzt soll es auf einmal ganz schnell gehen, und die Arbeiten werden oft so schludrig erledigt, dass es eine Zumutung ist. Nicht nur für die Kunden, sondern auch für die Dörfer. Deren Bürgermeister und Gemeinderäte müssen genau darauf achten, dass am Ende keine Schäden übrig bleiben.
