Die Wochenend-Meinung Unmöglich: Ein 13-Jähriger wird ausgeraubt, und alle schauen weg

Drei Jugendliche hatten einen 13-Jährigen im Zug geschlagen und beraubt. Keiner der anderen Fahrgäste half.
Drei Jugendliche hatten einen 13-Jährigen im Zug geschlagen und beraubt. Keiner der anderen Fahrgäste half.

Wie mutig bin ich? Das ist so eine Frage, die sich wohl jeder hin und wieder mal stellt. Wäre ich im Dritten Reich aufgestanden und hätte meinem jüdischen Nachbarn geholfen, auch auf die Gefahr hin, dass ich dafür selbst verhaftet werde? Was hätte ich getan, wenn ich in der DDR groß geworden wäre und die Stasi von mir gefordert hätte, dass ich meinen besten Freund ausspioniere? Oder ein aktuelles Beispiel: Könnte ich das tun, was Marina Ovsyannikova getan hat? Im russischen Fernsehen in einer Nachrichtensendung ein Schild gegen den Ukraine-Krieg hochhalten. Ich bin mir sicher, dafür würde mir der Mut fehlen.

Oder die Verzweiflung. Die Schriftstellerin Deborah Feldman, die mit ihrem Sohn aus einer ultrastrengen jüdischen Gemeinschaft in New York geflohen ist und darüber das Buch „Unorthodox“ schrieb, mag es nicht, wenn man sie als mutig bezeichnet. Sie sei gar nicht mutig gewesen, sondern verzweifelt, sagt sie immer wieder in Interviews.

Manchmal muss man nicht mal besonders mutig sein

Aber es gibt auch Situationen, wo man gar nicht verzweifelt oder besonders mutig sein muss, um anderen zu helfen. Wo ein wenig Zivilcourage und Aufmerksamkeit einen großen Unterschied machen. Über solch einen Fall – wo leider die Zivilcourage gefehlt hat – haben wir diese Woche berichtet. Ein 13-Jähriger will mit dem Zug nach Hause fahren und wird von drei etwas älteren Jugendlichen drangsaliert. Sie pöbeln ihn an. Sie bedrohen ihn. Sie schlagen ihn. Sie nehmen ihm sein Geld ab – 9 Euro waren es am Ende. Sie zwingen ihn, weiter zu fahren, als er möchte. Im Zweibrücker Bahnhof. Im Zug. Nach dem Aussteigen. Und das alles um die Mittagszeit.

Was mich hier so sprachlos macht, ist, dass das über eine halbe Stunde so geht, in einem Zug zur Mittagszeit, und dass keiner der übrigen Fahrgäste etwas davon mitbekommen will oder gar einschreitet. Dass keiner einem 13-Jährigen hilft, sondern alle lieber wegschauen. Dabei braucht es hier nicht mal so viel Mut, sondern nur ein klein wenig Überwindung – wenn es schon keine Selbstverständlichkeit ist, dass man hier einschreitet. Und selbst wenn ich Angst vor den drei Tätern habe, dann spreche ich drei, vier, fünf andere Fahrgäste an, dass sie mitkommen und sich einfach nur dazustellen sollen. Wir reden hier nicht von einer verlassenen, verwinkelten U-Bahn-Station an einem dunklen Donnerstagabend, sondern von einem Regionalzug zur Mittagszeit.

Stellen Sie sich vor, Sie selbst bräuchten Hilfe

Und wenn ich schon nicht so viel Anstand habe, einem fremden Jungen einfach zu helfen, dann hilft vielleicht dieser Gedanke: Stellen Sie sich vor, Sie sitzen im Zug, und es steigen drei Betrunkene ein. Sie setzen sich zu ihnen, zünden sich Zigaretten an, fangen an rumzupöbeln, wollen Geld von Ihnen und lassen Sie nicht mehr aussteigen. Würden Sie sich nicht auch wünschen, dass wenigstens einer der anderen Fahrgäste Ihnen beisteht? Anstatt aufs Handy zu glotzen und so zu tun, als ginge ihn das alles gar nichts an, und froh zu sein, dass es nicht ihn erwischt hat?

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