Meinung RHEINPFALZ Plus Artikel Stiefkind Inklusion oder das Comeback der Förderschule

Wegen der vielen Anmeldungen hat die Canadaschule Container als Klassenräume aufgestellt.
Wegen der vielen Anmeldungen hat die Canadaschule Container als Klassenräume aufgestellt.

Die Canadaschule boomt, dabei sollten Förderschulen abgeschafft werden. So lange die Regelschulen unzureichend ausgestattet sind, ist das aber politisches Wunschdenken.

Die Canadaschule platzt aus allen Nähten. Ein Teil der Schüler wird bereits in Containern unterrichtet, die bislang gemietet sind, die die Stadt aber jetzt kaufen will. Plus zusätzliche Container, die die Lage überbrücken sollen, bis reguläre Erweiterungsbauten stehen. Das ist eine bemerkenswerte Entwicklung für die Förderschule, von der es vor 15 Jahren noch hieß, sie sei ein Auslaufmodell.

2011 hatte die Schule gerade noch an die 70 Schüler, wenige Jahre zuvor waren es regelmäßig bis zu 150 gewesen. Der Rückgang war in erster Linie der Einführung der so genannten dezentralen Schwerpunktschulen geschuldet: Auch beeinträchtigte Kinder werden an Regelschulen unterrichtet, an die die Canadaschule Kolleginnen und Kollegen abordnet. Es geht um Inklusion, ein integratives Bildungssystem, in dem Kinder mit und ohne Förderbedarf gemeinsam unterrichtet werden und in dem Eltern die Wahl haben. Die Förderschulen sollten nach und nach in den Regelschulen aufgehen, so der Plan der Landespolitik.

In den Regelschulen läuft’s nicht rund

Doch er ist nicht aufgegangen. Inzwischen entscheiden sich viele Eltern betroffener Kinder wieder bewusst für die Förderschule mit ihren Vorteilen wie kleinere Klassen oder intensiveres Kümmern um einzelne Kinder. Manche haben schlechte Erfahrungen gemacht in Regelschulen, in denen sich Förderkinder nicht wohlfühlten, keinen Anschluss fanden oder darunter litten, anderen Lernstoff zu bearbeiten als der Rest der Klasse und sich deshalb dumm vorkamen.

Die Gründe, warum Förderschulen wieder mehr Zulauf haben – an der Canadaschule hat sich die Schülerzahl in den vergangenen fünf Jahren auf 160 verdoppelt – sind vielfältig. So steigt etwa die Anzahl der Kinder, die als förderbedürftig diagnostiziert werden. Die schulische Inklusion leidet aber vor allem an schlechter Umsetzung. Es fehlt Fachpersonal, Lehrkräfte fühlen sich schlecht oder gar nicht vorbereitet für das Unterrichten gemischter Klassen, Aus- und Fortbildungen finden nicht statt oder werden als mangelhaft bezeichnet. Auf dem Papier werden Regelschullehrer im Unterricht von Sonderpädagogen unterstützt. Oft genug ist das aber nicht der Fall, und die Regelschullehrer müssen alleine schauen, wie sie allen Kindern gerecht werden können. Manche Schulen sind baulich und/oder von der Ausstattung her nicht geeignet.

Fraglicher freier Elternwille

Die Inklusion ist politisch gewollt und richtig, was Teilhabe, Gerechtigkeit und Chancengleichheit angeht. Aber sie macht Arbeit und kostet Geld. Der Förderbedarf fällt ja nicht weg, sondern die Förderung muss an der Regelschule gewährleistet sein, etwa in Form verlässlicher Assistenzen. Wenn das alles hinten und vorne nicht klappt, ist es vielleicht auch nicht mehr ganz der freie Wille der Eltern, ihr Kind doch lieber auf eine Förderschule zu schicken. Es bleibt ihnen nichts anderes übrig, wenn es in der Regelschule nicht läuft.

Die Politik hat in Sachen schulische Inklusion viel versprochen, lässt Schüler, Eltern und Lehrer aber mit den ungelösten Problemen im Regen stehen. Dass die Canadaschule wieder einen so großen Zulauf hat, ist deshalb auch ein Zeichen einer gescheiterten schulischen Inklusion in Zweibrücken und dem Umland.

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