Zweibrücken RHEINPFALZ Plus Artikel Keine Behandlung trotz Brustschmerzen und Atemnot

Jamie Wendel und Mutter Robina fühlten sich am Samstag vom Gesundheitssystem im Stich gelassen.
Jamie Wendel und Mutter Robina fühlten sich am Samstag vom Gesundheitssystem im Stich gelassen.

Als der 18-jährige Jamie Wendel aus Battweiler am Samstagmorgen aufstand, hatte er Atembeschwerden und Druck auf der Brust. Was folgte, war laut seinen Eltern eine Odyssee durch das Gesundheitssystem. Dessen Vertreter sagen, es sei alles korrekt gelaufen.

Da eine Kollegin Jamies 14 Tage zuvor an Covid-19 erkrankt sei, habe sie auch eine Corona-Infektion ihres Sohnes in Erwägung gezogen, erzählt Robina Wendel. Weil Wochenende war, habe sie die 116117 angerufen, die Nummer des Ärztlichen Bereitschaftsdienstes, die man wählen soll bei Anrufen wegen Corona-Verdachts außerhalb der Dienstzeiten des Hausarztes und des Gesundheitsamtes. 45 Minuten lang habe sie immer wieder versucht, dort anzurufen, stets sei nur die Ansage gekommen, dass die Leitungen überlastet seien. Leser hatten sich in der Vergangenheit schon mehrfach beschwert, dass man bei der 116117 nie durchkomme.

Für den Ärztlichen Bereitschaftsdienst und die zentrale Telefonnummer 116117, die ohne Vorwahl gewählt wird, ist die Kassenärztliche Vereinigung (KV) zuständig, die den sogenannten Sicherstellungsauftrag vom Land übertragen bekommen hat. Für die KV Rheinland-Pfalz gilt dieser Auftrag als erfüllt, wenn die Ärztliche Bereitschaftsdienstzentrale – in Zweibrücken ist sie im Nardini-Klinikum ansässig – „ansprechbar“ ist, auch wenn es sehr lange dauert, bis man durchkommt. Das teilte die Stadt auf Anfrage mit.

Rein und kurz darauf wieder raus

Dem Ehepaar Wendel dauerte es jedenfalls zu lange, es machte sich Sorgen um den Sohn. Ihr Ehemann habe den 18-Jährigen, der über Schmerzen in der Brust klagte, schließlich ins Auto gepackt und sei mit ihm ins Zweibrücker Krankenhaus gefahren. Am Empfang habe man gesagt, der Sohn solle zum Ärztlichen Bereitschaftsdienst im Erdgeschoss gehen. Ohne den Vater habe sich der 18-Jährige dorthin begeben. Kurz darauf sei er wieder rausgekommen.

Als der 18-Jährige der Ärztin des Bereitschaftsdienstes das mit der vor Kurzem an Corona erkrankten Kollegin erzählt habe, habe die Ärztin erklärt, unter diesen Umständen dürfe er nicht reinkommen, sie dürfe ihn nicht untersuchen, er solle am Montag beim Hausarzt vorstellig werden, so Robina Wendel. Da sei dem Vater der Kragen geplatzt. Mit dem Sohn sei er noch mal zum Empfang zurückgegangen und habe mit dem Verweis auf Schmerzen und Atemnot darauf bestanden, dass ein Arzt den jungen Mann untersucht.

Noch mal rein, noch mal raus

Die Anmeldung habe erneut beim Bereitschaftsdienst angerufen, man habe Vater und Sohn noch mal dorthin geschickt, diesmal sei der Vater mitgegangen. Die Ärztin sei zurückgekommen und habe wieder erklärt, sie dürfe Patienten mit Corona-Verdacht nicht behandeln, man müsse das unter der 116117 erst telefonisch klären. Robina Wendel: „Da war aber ja keiner rangegangen, und unserem Sohn ging es schlecht.“ Die Ärztin habe den 18-Jährigen heimschicken wollen, der Vater habe vehement auf einer Untersuchung bestanden.

Auch in der Notaufnahme keine Untersuchung

Da habe es geheißen, in diesem Fall müsse er in die Ambulanz, um stationär aufgenommen zu werden, andernfalls sei kein Corona-Test möglich. Zuvor aber hieß es: Noch mal zurück zur Anmeldung. Jamie Wendel kam dann laut seinen Eltern in ein Isolationszimmer in der Notaufnahme. Eineinhalb Stunden später habe er angerufen: Die Eltern sollen ihn abholen, ein Arzt habe gesagt, er solle montags zum Hausarzt gehen. Der Arzt habe mit ihm gesprochen, ihn aber nicht untersucht.

Robina Wendel sagt, daraufhin habe sie zum Hörer gegriffen, im Krankenhaus angerufen und sich beschwert. Nun erst seien ein Corona-Schnelltest und ein Bluttest veranlasst worden, und die Lunge sei geröntgt worden. Der Corona-Test sei negativ gewesen, die anderen Werte unauffällig. Letztlich, so die Eltern, sei bei Jamie Wendel ein blockierter Brustwirbel festgestellt worden, allerdings nicht im Zweibrücker Krankenhaus. Ihm gehe es inzwischen auch wieder gut.

Mutter: „Man ist völlig aufgeschmissen“

Dennoch, so die Eltern, seien sie fassungslos darüber, wie sie am Samstag behandelt oder besser gesagt nicht behandelt wurden. „Wenn noch mal so was ist, rufen wir gleich einen Krankenwagen, dann muss uns jemand helfen“, sagt Robina Wendel. Ihr Fazit: „Wenn man heutzutage Corona oder eine andere Krankheit mit ähnlichen Symptomen hat, hilft einem niemand. Man ist völlig aufgeschmissen.“

Vom katholischen Krankenhaus Zweibrücken kam auf Anfrage folgende Stellungnahme: „Der Patient kam in unsere Zentrale Patientenaufnahme und wurde dort vom Dienstarzt der Inneren Abteilung untersucht. Anschließend wurden die Befunde mit dem zuständigen Facharzt im Hintergrunddienst besprochen. Nachdem auch ein Corona-Schnelltest negativ war, bestand keine Indikation für eine stationäre Aufnahme. Der Patient wurde in die hausärztliche Weiterbehandlung entlassen.“

Lesen Sie dazu die Wochenend-Meinung von Redaktionsleiter Georg Altherr

x