Blieskastel RHEINPFALZ Plus Artikel Im Kino wird die Saarpfalz zum Eldorado der Toleranz

Wolfgang Reeb spielt in „Zeit der Monster“ die Hauptrolle der Amanda von Hohenstüt. Dabei kommt es auch zu spektakulären Szenen
Wolfgang Reeb spielt in »Zeit der Monster« die Hauptrolle der Amanda von Hohenstüt. Dabei kommt es auch zu spektakulären Szenen in Blieskastel.

Dem gebürtigen Kaiserslauterer Wolfgang Reeb ist ein Meisterstück gelungen. Als Hauptdarsteller holte der 66-Jährige eine wilde Trash-Filmproduktion in das beschauliche Saarland. Blieskastel, Neunkirchen und Saarbrücken bieten dabei die Bühne für einen Transvestitenkrieg.

Wenn in den ersten Sequenzen von „Zeit der Monster“ Wolfgang Reeb in der Rolle der Amanda von Hohenstüt durch Blieskastel läuft, taucht Regisseur Tor Iben die Saarpfalzstadt in eine Szenerie, die man aus ZDF-Sonntagskinoproduktionen kennt. Ein Familienfilm ist der erste deutsche Queer-Kinofilm aber bei weitem nicht. Sondern so etwas wie ein schräger Heimatfilm. Dessen Produktion hat Wolfgang Reeb samt Regisseur ins Saarland geholt.

In Saarbrücken betreibt der gebürtige Kaiserslauterer Reeb den Kunst- und Kulturclub „Die Winzer“. „Ich schaffe hier ein Biotop, wo alle herzlich willkommen sind“, sagt der 66-Jährige über sein gastliches Haus. Reebs Leidenschaft gilt unter anderem der Gemeinschaft von Schwulen, Lesben, Heteros und Transen. „Da bin ich besonders dran. Daran, dass die Transen sagen, ich kann hier an einen Ort kommen, wo ich mich wohl fühle. Wo ich sicher bin. Wo ich sein kann, wie ich bin. Und wo ich geachtet werde. Ich war schon mit zwölf in Kaiserslautern in der Schwulenszene. Ich wollte mich damals finden. Wenn in meinen Kulturclub Transen kommen, oder Transgendermenschen, die werden herzlich willkommen geheißen. Wenn da jemand was dagegen sagt, der muss direkt raus.“

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Hat unter anderem in Blieskastel einen schrägen Heimatfilm gedreht: Regisseur Tor Iben.
Blieskastel / Berlin

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Gastauftritt des Shantychors Fischbach

„Zeit der Monster“ lebt von musikalischen Einlagen. Häufig mit Edda Petri als Sängerin. Reeb und die saarländische Schauspielerin kennen sich aus dem Neunkirchener Kutscherhaus. Die Musik im Film ist aber keine reine Travestieshow. Eine der schönsten Singszenen gestaltet der Shantychor Fischbach mit. Natürlich gedreht im „Die Winzer“.

Hier, wie in der Filmkneipe von Amanda von Hohenstüt, werden Grenzen eingerissen. Woher die Menschen kommen, welcher Sexualität sie sind, ist unbedeutend. Blieskastel, Neunkirchen und Saarbrücken werden in „Zeit der Monster“ zum Eldorado der Toleranz. Und man staunt darüber, an welch schönen Flecken der Film entstanden ist. Man beginnt, das Alltägliche mit anderen Augen zu sehen.

An der Seite von Silvia Bervingas im Tatort gespielt

Das Drehbuch des Regisseurs Tor Iben beruht auf einer Idee von Reeb. Iben, ein schwuler Regisseur, sei der Einzige, der diese Idee habe adäquat umsetzen können, meint der Hauptdarsteller. Als Kleindarsteller hat Reeb es zuvor bis in den Tatort gebracht. In „Melinda“, in der Szene, als Kommissar Stellbrink auf Margot Müller trifft, gespielt von der Zweibrückerin Silvia Bervingas, hat Reeb eine tragende Rolle. Nun ist er erstmals Hauptdarsteller in einem Film, der nach Reebs Einschätzung einzigartig ist. „Das gab es ja bisher nicht, dass man in Deutschland einen Film mit Transvestiten dreht, in dem keine Demaskierung stattfindet.“ Es geht in keiner Sekunde des Films darum, warum die Hauptdarsteller sind, wie sie sind. Niemals sieht man sie in ihrem Geschlecht als Mann. Es geht ausschließlich darum, was aus ihnen wird.

Wenn man den Abspann zum Film liest, staunt man, wie viele Unterstützer er gefunden hat. Wie haben Reeb und Iben es nur geschafft, dass sich die regionale Wirtschaft und die Politik hierfür so sehr engagieren? „Das waren meine Kontakte. Das ging vor Jahren los. Schon mit dem ehemaligen Neunkircher Oberbürgermeister Jürgen Fried. Dem habe ich das Projekt erklärt. Er ist Vorsitzender der Sparkasse gewesen. So haben wir zum Beispiel Geld von der Sparkasse bekommen. Das ganze Saarland, so viele Menschen haben mitgemacht“, freut sich Reeb, der selbst wiederum das Max-Ophüls-Festival unterstützt. „Ich habe hierfür schon Mitglieder und zehn Paten geworben“, berichtet der auch anderweitig, vielfältig in der Öffentlichkeit Engagierte.

Vom Liebesfilm zum Drama

Was als völlig verrückter Liebesfilm beginnt, mündet in ein Drama. Justine de Brest, gespielt von Nina Queer, ist die Gegenspielerin zu Amanda von Hohenstüt. Sie erinnert an Joan Collins aus der Fernsehserie „Denver Clan“. Justine de Brest treibt Amanda in Richtung Abgrund. Zuerst gibt es Kuchen für Polizisten. Wenig später fliegen Kugeln.

Dass der Film provozieren könnte, nimmt der Hauptdarsteller gerne in Kauf. „Wenn ich mein Leben angenehm gestaltet hätte, dann wäre ich heute bei der Polizei. Ich will mein Leben nicht angenehm leben. Ich will den Leuten zeigen, dass Transsexualität immer noch ein Problem ist.“

Start beim Ophüls-Festival

Wer den Film im Kino sehen möchte, kann das hoffentlich im Rahmen des Max-Ophüls-Festivals. Wenn es denn wegen Corona überhaupt im kommenden Jahr stattfinden kann. Seit wenigen Tagen steht aber fest, dass „Zeit der Monster“ als Video on Demand für Amazon-Prime-Kunden verfügbar sein wird. „Es sind noch ein oder zwei andere Portale in Planung. Für fünf Euro im Stream. Wenn man den Film kauft, dann für zehn Euro, glaube ich. Das steht noch nicht genau fest“, bittet Reeb um ein wenig Geduld.

Eines kann er indes schon verbindlich ankündigen: „Wir haben einen Entwurf eines Drehbuchs für den zweiten Teil des Films.“ Man darf also gespannt darauf sein, wie sich die Saarpfalz als Drehort noch entwickelt.

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