Zweibrücken Erinnerungen eines Schülers an den Zweibrücker Maler W. D. Schulz
Wahrscheinlich ist er der beliebteste Zweibrücker Maler aller Zeiten und schlägt seine berühmten Kollegen – Vater und Sohn Mannlich, Trautmann und Maler Müller – um Längen. Zumindest was die Anzahl der Gemälde betrifft. Nicht nur, dass nach dem Erwerb von 41 Aquarellen dieser Tage sich nun mehr als 700 Werke im Stadtmuseum befinden. Auch in vielen Zweibrücker Haushalten hängt er im Wohnzimmer und ist zahlreich in Kalendern, Almanachen und Jahrbüchern vertreten. Die Rede ist von W. D. Schulz, dem bildnerischen Chronisten unserer Stadt und Zeichenlehrer am Helmholtz Gymnasium, als dieses noch Oberrealschule und Naturwissenschaftliches Gymnasium hieß.
Mit „W. D. Schulz“ signierte er seine Bilder und unterschrieb so die Zeugnisse. Die Vornamen Wilhelm Dagobert kannten seine Schüler jedoch nicht. Die Generationen, die vor und nach dem Krieg den Bleistift bei ihm spitzten, nannten ihn „Spitz“ und redeten ihn mit „Herr Professor“ an, so gehörte sich das damals.
Woher der Name „Spitz“ wohl kommt
Der Bleistift hieß HB Nummer 2 – ein anderer kam nicht in Frage. Blau war er, mit dunkler Haube am einen Ende und einer nadelspitzen Spitze am anderen. Spitz achtete darauf, dass seine Schüler ihre Bleistifte mehrmals die Stunde durch den Bleistiftspitzer drehten, sodass der Graphit staubte, sich zierliche, dünne Holzkrönchen abschälten und der Stift ständig schrumpfte. Die HB-Stifte wurden unweigerlich zu Tode gespitzt. Möglich, dass Spitz daher seinen Spitznamen hatte. Oder aber, weil zwei oder drei dieser sauber angespitzten Zeichengeräte stets in der Brusttasche seiner Pfeffer-und-Salz-Joppe steckten und ihre Spitzen nach oben in Richtung Gesicht zeigten. In der gedachten Verlängerung trafen sie dort auf einen anderen spitzen Gegenstand: die Nase des Zeichenlehrers Professor Schulz.
Diese Nase schnupperte skeptisch in die Welt. Ihr schmaler Rücken balancierte eine Brille mit runden Gläsern. Auch das Gesicht war schmal und asketisch – ein Hermann-Hesse-Kopf mit strengen Zügen und sanft zugleich. Wenn er einem Schüler über die Schulter schaute, blickten die Brillengläser streng, die Augen dahinter schmunzelten. Ein leichtes Nicken oder Schütteln des Kopfes – mehr gab es nicht.
Der gute Frieden der Kunst und Muse
Das Refugium der Bildenden Kunst war der Zeichensaal hoch oben unterm Dach. Dort wohnte die schöne Muse zwischen den Sparren und blinzelte hinab auf die Rücken, die sich über die Pulte mit den Zeichenblöcken beugten. Es war eine friedliche Region dort oben, ein neutrales Gebiet ohne Prüfungsstress und Klassenarbeiten, ohne Verweise und Eintragungen ins Klassenbuch. Es gab keine Strafarbeiten, die Schüler mussten vor diesem stillen Professor keine Angst haben und verschonten ihn dafür vor Schikanen und Streichen. Es herrschte der gute Frieden der Kunst und Muse.
Die Farben in den Malkästchen aus weißem Blech hatten exotische Namen: Das Rot hieß Karmin und Siena, das Blau Kobalt, das Braun Umbra. Das Wasser sei so wichtig wie die Farben, lehrte der Professor, und seine Schüler rührten das Nass ins Karminrot und Umbrabraun, bis es genug war. Erst das Wasser macht die Farbe lebendig, wurden sie ermahnt. Er selbst war ein sparsamer Maler, der gerne verdünnte, kein Schwelger, kein Im- und kein Expressionist.
„Seid sorgsam mit der Farbe, aber nicht mit dem Wasser!“ / „Es heißt Aquarell, nicht Aquagrell!“ / „Das Bunte muss sich erst im Wasser freischwimmen.“
Das war seine Farbenlehre im Unterricht und in seinen eigenen Werken, die das Leben in der barocken Stadt festhielten, die es heute nur noch auf diesen Bildern gibt. Es ist nicht mehr als Recht, dass diese Stadt es ihrem zeichnenden Chronisten W. D. Schulz durch die ehrende Bewahrung seines Werkes dankt, so wie ihm seine Schüler mit ihren Erinnerungen danken.