Zweibrücken Die Zeit nutzen statt nur absitzen
Von der Welt draußen trennten ihn diverse Schleusen, doch Herbert Mertin genoss gestern im Zweibrücker Gefängnis „ein Stück Freiheit“. Es gefalle ihm, erzählte der Justizminister bei der Einweihung des neuen Gebäudes, mal nicht erreichbar zu sein. Handys waren, wie immer im Gefängnis, nicht erlaubt. Gut für Mertin, gut für Philipp Walkenhorst: Der Hochschulprofessor hatte bei seinem Festvortrag im Gefängnis aufmerksame Zuhörer.
Walkenhorst sprach, weil das Gefängnis gestern auch ein Jubiläum feierte: Das Bildungszentrum in der Justizvollzugsanstalt (JVA) wird 40 Jahre alt. Walkenhorst hat an der Uni Köln den Lehrstuhl für Erziehungshilfe und Soziale Arbeit inne und hielt vor rund 150 Gästen und der Helmholtz-Big-Band ein anspruchsvolles und packendes Referat, in dem er sich auch an die 300 Bediensteten der JVA wandte: „Nutzen Sie Ihren Status nicht aus.“ Auch Gefangene müssten Wertschätzung erfahren, das sei wichtig für ihre weitere Entwicklung. Gefängnisse leisteten wichtige Bildungsarbeit und damit Hilfe für das Leben nach der Haft. Bildung sei wichtig, „um sich in der Welt zu orientieren, um zu überleben, um der Gesellschaft nützlich zu sein, um seinen Lebensunterhalt selbst und legal zu bestreiten“ und auch schwierige Phasen wie Arbeitslosigkeit auszuhalten, ohne erneut straffällig zu werden, so der Hochschulprofessor. „Wiedereingliederung ist ein Ziel, das der Strafgefangene allein nur schwer erreichen kann“, sagte Reinhold Petermann, Geschäftsführer des Berufsfortbildungswerks, mit dem das Gefängnis seit 1976 zusammenarbeitet. 4000 Menschen seien seither in der JVA ausgebildet worden. Derzeit können Häftlinge in 13 Berufen den Facharbeiterabschluss machen. In dem neuen Gebäude, das 12,5 Millionen Euro gekostet hat, sind mehrere Gefängnisbetriebe untergebracht: die Schneiderei und Polsterei, die Buchbinderei und die Schuhmacherei, zudem die Bücherei und die Gefängnisküche, in der ebenfalls Häftlinge arbeiten (wir berichteten am Donnerstag). Mehr als sechs Jahre wurde an dem 2200-Quadratmeter-Haus gebaut. Holger Basten bedankte sich als Geschäftsführer des Landesbetriebs Liegenschafts- und Baubetreuung für die Geduld der Zweibrücker, als die Kesselbachstraße während der Arbeiten gesperrt war. Überhaupt, die Zweibrücker: Zwar wirke die JVA wie eine Burg, doch sei sie Teil eines filigranen Netzes, erklärte Gefängnisleiter Jürgen Buchholz. „Alles hängt mit allem zusammen. Bewegt man einen Faden, bewegt man alle Fäden“, sagte er angesichts der Verflechtungen seines Hauses mit Polizei, Staatsanwaltschaft, Gerichten und weiteren Teilen des öffentlichen Lebens in Zweibrücken. Justizminister Mertin erinnerte an die hohen Erwartungen, welche die Gesellschaft an Gefängnisse richte. Die Arbeit, die in der Zweibrücker JVA geleistet wird, um Häftlinge auf das Leben nach der Haft vorzubereiten, sei beispielhaft. „Und dafür möchte ich mal Danke sagen.“