Meinung RHEINPFALZ Plus Artikel Der Verlass aufs Ehrenamt ist eine tickende Zeitbombe

Ingeborg Oberkircher wies zuletzt Mitte April auf Schäden am und im Haus hin.
Ingeborg Oberkircher wies zuletzt Mitte April auf Schäden am und im Haus hin.

Der Fall Melanchthonheim ist ein trauriges Beispiel dafür, dass der Sozialstaat zu viel auf den Schultern Freiwilliger ablädt. Es droht noch mehr Zündstoff dieser Art.

Ehrenamtliches Engagement ersetzt nicht den Sozialstaat – ein Satz, der sich in Zweibrücken derzeit drastisch bewahrheitet. Knapp 30 Mieter sollen Knall auf Fall raus aus dem Melanchthonheim, eine bunte Mischung vom unteren Rand der Gesellschaft: mit unterschiedlichen Nationalitäten und Religionen, zum Teil mit erheblichen Sprachschwierigkeiten, zum Teil mit Suchtproblemen, Bürgergeld-Empfänger, Menschen, die unter gesetzlicher Betreuung stehen, weil sie ihre Angelegenheiten nicht selbst regeln können. Da braucht es nicht viel Fantasie, um sich vorzustellen, dass die Suche nach einer Unterkunft auf eigene Faust und innerhalb von nicht mal zwei Wochen scheitern wird.

Was das mit dem Ehrenamt zu tun hat? Nun, der Vermieter ist der gemeinnützige Melanchthonverein, und der hat in der Vergangenheit mehrfach darauf hingewiesen, dass ihm die Sache über den Kopf zu wachsen droht. Die Ehrenamtler, allen voran das Ehepaar Oberkircher, beide über 80 Jahre alt, haben um Hilfe gebeten, bei der Stadt, bei der Landeskirche. Doch sie blieben auf ihren Problemen sitzen, nicht nur auf den finanziellen. Jetzt ist die tickende Zeitbombe explodiert. Da wurde wohl doch zu sehr darauf vertraut, dass das Ehrenamt die Sache schon wuppt und als erfreulichen Nebeneffekt den Sozialstaat entlastet.

Es drohen weitere Fälle. Was wäre zum Beispiel, wenn die Ehrenamtler von der Zweibrücker Tafel den Bettel hinschmeißen? Weil sie nicht mehr können oder auch nicht mehr wollen. Auch ihr freiwilliges Engagement wird inzwischen von vielen als stabile Institution angesehen, wenn nicht gar als Selbstverständlichkeit. Das ist es aber ganz und gar nicht, das sollte man sich ab und zu vor Augen führen. Oder man bekommt es vor Augen geführt wie aktuell beim Zweibrücker Melanchthonheim.

Ein wenig fühlt man sich auch an die Flüchtlingskrise von 2015 erinnert. Auch da stopften anfangs sehr viele ehrenamtliche Helfer hochmotiviert, voller Elan und selbstredend unentgeltlich die Löcher, die Staat, Kommunen und hauptamtliche Karitative gar nicht stopfen konnten. Am Ende waren etliche Ehrenamtler ausgebrannt, erschöpft und ernüchtert. Zum einen, weil die Arbeit viel aufreibender war, als viele sich das vorgestellt hatten. Zum anderen aber auch, weil der Sozialstaat ihnen zu viel aufgebürdet hatte. Die Überforderung Ehrenamtlicher zu erkennen und sie zu entlasten, gehört auch zu dessen Aufgaben. Im Kleinen wie im Großen.

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