Meinung
Dass die Stadt deshalb nicht bezahlen kann, ist ein Unding
Erinnern Sie sich noch an die Angst vor dem „Millennium Bug“, als alle Welt dem Jahreswechsel 1999/2000 entgegenzitterte? IT-Fachleute unkten, bald würden überall auf dem Globus die Computer verrückt spielen. Lebenswichtige Rechnersysteme brächen zusammen, weil sie mit dem Wechsel auf eine Jahreszahl nicht klarkämen, die mit 000 endet. Selbst Flugzeugabstürze, versehentliche Atomraketenstarts und einen verheerenden Börsencrash hielt man für denkbar. Die NASA beorderte kurz vor Januar sicherheitshalber ein Space-Shuttle vorzeitig zurück zu Mutter Erde. Doch als das neue Jahrtausend dann anbrach, blieb die Apokalypse aus.
In diesen Tagen mag man sich im Zweibrücker Rathaus an das Katastrophen-Szenario vor 26 Jahren erinnert fühlen. Zwar droht diesmal bei Weitem kein Weltuntergang. Aber dass die Stadtverwaltung wegen eines Systemwechsels in der IT derzeit ihre Gläubiger wochenlang vertrösten muss, erwischt so manches Unternehmen kalt.
Seit Weihnachten arbeitet die Stadt Zweibrücken mit einer neuen Software für ihr Rechnungswesen. Bei der Umstellung soll es noch bis mindestens Ende nächster Woche gewaltig ruckeln. Viele Gläubiger, deren Rechnungen nach dem Startschuss für die neue Software im Rathaus eingegangen sind, warten weiter auf ihr Geld. Die Krux: Die umgekrempelte Technik kann einen Großteil der Forderungen noch nicht so bearbeiten, wie sie sollte. Hatten sich bei der Verwaltung zu Spitzenzeiten bis zu 1600 unbezahlte Rechnungen gestapelt, ist es den Mitarbeitern bis zur Wochenmitte gelungen, diesen Wust immerhin auf 950 Forderungen zu verringern. Auch Stadtkämmerin Monika Urbatsch zeigt sich entsetzt. Sie hofft, dass die neue Software jetzt endlich ins Laufen kommt und das Problem in den nächsten Tagen abgestellt werden kann.
Manch mittelständischer Handwerksbetrieb, der im städtischen Auftrag Straßen repariert, Gebäudetechnik auf Vordermann gebracht oder Material geliefert hat, muss jetzt seine Lieferanten um Zahlungsaufschub bitten und zusehen, wie er seine Mitarbeiter bezahlt. Weil fest eingeplante Gelder von der Stadt ausbleiben, sehen sich einige Einzelpersonen und Firmen unverschuldet in ihrer Existenz gefährdet. Und bei der Stadtverwaltung weiß im Moment noch niemand, welches Ausmaß an Forderungen nach Mahngebühren und Verzugszinsen demnächst auf sie zukommt.
War der „Millennium Bug“ seinerzeit eine Katastrophe mit Ansage, die gottlob ausblieb, so ist der aktuelle Zweibrücker Software-Ärger für die Betroffenen, die für gute Arbeit jetzt auf ihr Geld von der Stadt warten, unerwartete bittere Realität. Für sie ist es ein schwacher Trost, dass man selbstverständlich auch im Rathaus weiß, dass die Forderungen schnellstens bedient werden müssen. Und dass sich so etwas bloß nicht wiederholen darf.