Zweibrücken
Das denken russische Künstler über den Krieg in der Ukraine
Larissa Staedtler (67) macht es kurz: „Ich stehe auf einer neutralen Position wie die Schweiz“, sagt die Malerin aus Omsk, einer Großstadt in Sibirien. Dass die Schweiz sich den Sanktionen der EU angeschlossen hat, weiß sie wohl noch nicht. Die studierte Architektin und Bauingenieurin lebt seit 29 Jahren in Zweibrücken, sie ist mit einem Deutschrussen verheiratet und hat Freundinnen in Russland. Sie denkt gerne an ihr Heimatland.
Ein Kunstwerk für die Ukraine
Eugen Waßmann (71) dagegen bezieht ganz klar Position: „Meine Meinung habe ich auf Facebook schon mit einer künstlerischen Arbeit gesagt: mit Glaskunst. Das Werk heißt ,Ein (mein) Herz für die Ukraine’.“ In Russland leben noch Verwandte seiner Frau, mit denen er Kontakt hält. „Bestimmt haben sie andere Informationen über den Krieg als wir, das sieht man und das hört man. Sie wissen, dass auch ihre Söhne und ihre Soldaten getötet werden für nichts. Es sind russische Soldaten umgekommen und jetzt steigen auch die Weißrussen in den Krieg ein“, sagt der Bildhauer und Maler, der 1950 in Kopejsk im Ural geboren wurde und 1991 nach Deutschland kam.
„Die Erklärung, warum Putin einen Krieg anzettelt, ist seine Haltung: Russland ist eine Großmacht – und ich habe ein Recht auf den Krieg! Er bezeichnet es als Operation, obwohl es Krieg ist. Ich bin gegen diesen Krieg mit all meiner Seele und all meinem Verstand.“ Waßmann weiß, wie die Leute in Russland ticken – und wie gut die Propaganda Putins wirkt. „Es soll alles wieder zurück an den Anfang des 20. Jahrhunderts, vor Lenin und vor der Revolution. In der Propaganda heißt es: Die Amerikaner waren im Krieg in Vietnam und in Afghanistan. Ja, das waren sie, aber fast überall waren auch die Sowjets. Krieg führt man nicht. Er ist unmenschlich.“
Die Eltern wurden verschleppt
Waßmann ist deutschstämmig. „Die Eltern waren im Zweiten Weltkrieg verschleppt worden in den Ural, ins Arbeitslager. Nach dem Krieg durften sie nicht zurück in ihre Heimat, und dann waren sie so russifiziert, dass sie nicht mehr zurück wollten. In der Familie haben wir immer Deutsch gesprochen. Wir, die Jungen, sind zurückgegangen wegen der Demokratie und des Wohlstands.“
Waßmann ist Mitglied im Zweibrücker Kunstverein, er stellt oft in der Region aus, er unterrichtet an der Zweibrücker Jugendkunstschule und wohnt in Bexbach. Sein „Herz für die Ukraine“ ist 30 Zentimeter hoch. „Begonnen habe ich es vorher, als der Krieg ausgebrochen ist, habe ich es fertig gemacht und betitelt. Wegen des Fotos des Kunstwerks auf Facebook haben mich einige meiner früheren Freunde in Russland, sehr gute Künstler, auf Facebook entfreundet. Die Macht der Desinformation im Putinschen Russland ist groß“, meint er.
Die Freundin ist pro Putin
Natalia Jelankina (62): „Ich bin auf der Seite der Ukrainer, ich bin gegen Krieg. Meine Cousine wohnt in Russland, und ich habe eine Freundin da. Wir sind in Verbindung über Whatsapp, aber ich habe sie gelöscht, weil sie pro Putin ist. Als ich ihr Fotos von den Demonstrationen gegen Putin in Berlin und Prag geschickt habe, meinte sie: Wir müssen Bomben werfen auf diese Leute. Das ist die Propaganda im Fernsehen. Sie will die Wahrheit nicht hören und ich habe keinen Nerv mehr, mit ihr zu diskutieren“, sagte die Malerin, die aus St. Petersburg stammt, wo sie auch Kunst studierte.
Nach Deutschland kam sie vor 20 Jahren, nicht nur weil ihr Mann Deutscher ist. „Ich bin in Deutschland wegen diesem Regime. Auch vor Putin war ich schon auf der Straße und habe protestiert. Mein Ex-Mann in Russland war auch gegen das Regime. Ich schlafe schon jede zweite Nacht nicht mehr. Es ist so schlimm“, sagt sie mit trauriger Stimme.
Die Leute in Russland müssten auf die Straße gehen, sagt sie. Ihre Tochter Anna, auch Malerin, die in München ist, ermutigte sie, dort auf die Straße zu gehen. „Viele Russen sagen, dass sie auf der Seite von Putin stehen. Er ist seit 20 Jahren an der Macht. Ich habe Angst, dass es einen Atomkrieg gibt.“
Künstler sind der Nerv der Gesellschaft
Putin habe keine Wahl mehr, weil er schon so oft Krieg geführt habe: in Afghanistan, Tschetschenien, Georgien, auf der Krim. „Er ist ein kranker Mensch. Vor zehn Jahren sagte er schon, dass sein Lieblingsbuch ,Mein Kampf’ ist.“ 1993 habe er gesagt, die Polen seien Schuld und keiner habe ihn gehört. „Wir in Europa haben auch gesagt, alles ist gut. Jetzt stehen wir vor dem Weltkrieg.“ Viele Russen sagen, dass sie nicht genau wissen, was passiert und dass sie es auch nicht wissen wollen. Das macht Jelankina wütend: „Man muss eine Position haben. Künstler sind der Nerv der Gesellschaft! Wir müssen reagieren, egal ob wir malen oder singen. Wir müssen gegen den Putinismus protestieren.“
Seit dem 24. Februar malt die Homburgerin Natalia Jelankina – auch sie ist Mitglied im Zweibrücker Kunstverein und unterrichtet an der Jugendkunstschule – anders. Dunkler. „Mein letztes Bild zeigt einen dunklen Wald mit einem Lichtstrahl, das Licht ist die Hoffnung in unserem Leben. Hoffnung braucht man.“