Zweibrücken Zweibrücker Katastrophentourismus: Polizei rudert zurück
„Katastrophentourismus in Kleinblittersdorf nach Unwetter“. Diese nicht uninteressante Pressemitteilung schickte vor einer Woche ein Ordnungshüter im Saarland in die Welt. Der Inhalt war so unerhört, dass sie sich in Windeseile verbreitete. Bundesweit entsetzte man sich über die Kaffeefahrt von Zweibrücker Senioren „ins Katastrophengebiet“. Allein: Die Geschichte war falsch.
Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen. Das können die Mitglieder des Historischen Vereins Zweibrücken bestätigen. Sie unternahmen vergangenen Samstag eine Studienfahrt ins Elsass. Und sie waren noch nicht richtig zurück, da wurden sie im Rundfunk und im Internet bundesweit als Katastrophentouristen beschimpft, die sich am Unglück anderer labten.
Polizei: Fehlinformation
Nichts davon entsprach der Wahrheit. Das räumte jetzt erstmals die Saarbrücker Polizei unumwunden ein. „Wir sind einer Fehlinformation aufgesessen“, sagte gestern auf Anfrage Peter Groß, der Leiter der Polizeiinspektion Sankt Johann. Seine Wache hatte die unglückselige Meldung am vergangenen Samstag um Punkt 19 Uhr per E-Mail verbreitet.
Vorwürfe: "Gaffer" und "Geier"
Die Polizei berichtete das Folgende: Eine Gruppe von 30 bis 40 Senioren aus Zweibrücken habe an jenem Tag gegen 9 Uhr per Bus das Katastrophengebiet an der deutsch-französischen Grenze aufgesucht, das in den Tagen zuvor nach heftigem Unwetter so überschwemmt worden war, dass viele Anwohner Hab und Gut verloren. Es sei sogar zu Plünderungen gekommen. Der Bus aus Zweibrücken sei durch die verschlammten Straßen gefahren, ein Insasse habe sich erkundigt, ob man nun auch tatsächlich in Bliesransbach sei. Statt bei den Aufräumarbeiten zu helfen, sei die Gruppe seelenruhig durch die Straßen geschlendert und habe sich sogar zum Kaffeetrinken niedergelassen. Eigentlich habe die Gruppe in die Eifel fahren wollen, die Reiseleitung habe den Bus aber spontan ins Katastrophengebiet umgeleitet. „Gaffer“, „Geier“, „unverschämt“ hallte es sofort aus den sozialen Medien in Richtung Zweibrücken – und das waren noch die milderen Ausdrücke. Der Saarländische Rundfunk übernahm die Meldung schnell, ebenso Boulevardmedien per Internet, andere stiegen ein. Der Bürgermeister von Kleinblittersdorf empörte sich im Radio, auch im SWR, über die Zweibrücker. In der Montagausgabe brachte auch die RHEINPFALZ einen Zweispalter. Alle verließen sich auf die Angaben der Polizei – und alle wurden geleimt.
Zunächst keine Stellungnahme vom Busunternehmen
Zumal zunächst vom Bus-Unternehmen keine Stellungnahme zu erhalten war. Natürlich hatte die RHEINPFALZ am Sonntag versucht, mit dem Inhaber zu sprechen, ihn aber trotz wiederholter Versuche telefonisch nicht erreicht. Die Redaktion rätselte, um welche Reisegruppe es sich gehandelt haben könnte. Die Polizei konnte keine näheren Angaben machen – und zu den Senioren zählt jeder vierte Einwohner der Stadt.
Montag Aufklärung durch Verein
Erst am Montag kam heraus, wie es wirklich war: Der ehrwürdige Historische Verein hatte eine lange geplante Studienfahrt ins Krumme Elsass unternommen – und auf der Hinfahrt gegen 9 Uhr eine geplante Toilettenpause in Kleinblittersdorf eingelegt. Die Reiseleiterin aus Saarbrücken kannte ein Café in Kleinblittersdorf, das zu dieser Zeit geöffnet hat, eine Gruppe mit Kaffee bewirten kann und über eine Toilette verfügt. Als die Gruppe das Café ansteuern wollte, war die Zufahrt zum Ort gesperrt. Weil die Reiseleiterin sich verpflichtet fühlte, die Vereinbarung mit dem Café einzuhalten, das sich auf den Zwischenstopp der Gruppe vorbereitet hatte, wählte der Busfahrer eine andere Zufahrt und brachte die Gruppe zum Café. Einige ließen sich dort nieder, tranken etwas, speisten eine Kleinigkeit, suchten die Toilette auf oder vertraten sich die Beine. Andere blieben im Bus sitzen. Natürlich bemerkte die Gruppe, wie es in Kleinblittersdorf aussah, dass Schlamm die Straßen bedeckte, dass unbrauchbar gewordenes Gerät und Möbel an der Straße stand und dass viele Einwohner Hof oder Einfahrt reinigten.
Prominente Zweibrücker an Bord
Aber niemand ergötzte sich an der Not der Menschen oder machte ungehörige Aufnahmen. Dies betonte Max Krumbach, früher Dekan und Pfarrer, heute Vorsitzender des Historischen Vereins. Zu den Insassen des Busses zählten auch ein pensionierter Leitender Oberstaatsanwalt und andere prominente Zweibrücker. Einer von ihnen erzählte, dass bei der Ausfahrt aus Kleinblittersdorf der Weg mit Barken abgesperrt gewesen sei. Daraufhin hätten einige Insassen diese kurz weggeräumt, der Bus habe die Stelle passiert, dann habe man die Sperre wieder hingestellt und sei weitergefahren.
Ruf Zweibrückens hat im Saarland gelitten
Die Nachricht, wie es wirklich war – die RHEINPFALZ berichtete am Dienstag ausführlich – drang im Saarland allerdings nicht durch. Wann immer sich Zweibrücker in dieser Woche im tiefen Saarland zu erkennen gaben, wurden sie auf ihre Mitbürger angesprochen. Nicht nur über die herkömmlichen Medien, sondern vor allem auch über Facebook und Mundpropaganda war die Geschichte verbreitet und am Leben erhalten worden.
Polizei: Zuerst abgewiegelt, dann Fehler eingeräumt
Als die RHEINPFALZ sich gestern beim Landespolizeipräsidium Saar erkundigte, welche Lehren man aus dem Vorgang gezogen habe, lautete die Antwort zunächst: „Das stimmt doch eigentlich alles. Das ist der Polizei so mitgeteilt worden.“ Und: „Wir haben das intern aufgearbeitet.“ Welches Ergebnis die Aufarbeitung hatte, konnte der Sprecher nicht sagen. Er verwies auf die zuständige Inspektion im Saarbrücker Stadtteil Sankt Johann. Dessen Leiter, Peter Groß, sprach dann allerdings Klartext. Er sagte, seine Beamten seien „einer Fehlinformation aufgesessen“. Am nämlichen Samstag seien Beamte wegen der Folgen der Überschwemmung vor Ort gewesen. Dort seien sie von einer Anwohnerin angesprochen worden, die angab, Opfer von Plünderern geworden zu sein. Diese Frau habe die Geschichte von den Katastrophentouristen erzählt. Groß sagte gestern: „Sie hat das schlüssig erzählt, ein Kollege hat das aufgenommen und keine Zweifel gehabt, dass die Angaben nicht stimmen könnten.“ Und so sei die Geschichte in den Pressebericht gelangt. Groß sagte, natürlich hätte man beim Reise-Unternehmen nachfragen können, „aber wenn man keine Zweifel hat, dann fragt man nicht nach“.
Über Motive will Groß nicht spekulieren
Und dann bestätigt Groß auch, dass die ursprüngliche Ortsangabe Bliesransbach falsch war. Bliesransbach war von dem Unwetter und seinen Folgen noch schlimmer als das benachbarte Kleinblittersdorf getroffen worden. Über die Motive der Frau, die das Märchen von der Kaffeefahrt der Katastrophentouristen per Facebook und via Polizei in die Welt gesetzt hatte, wollte Groß nicht spekulieren.
Von Polizei genanntes Café existiert nicht
Unklar blieb bis gestern, in welchem Café genau die Zweibrücker ihren Zwischenstopp eingelegt hatten. Teilnehmer sprachen vom Café Barbarossa. Die RHEINPFALZ fragte dort nach. Eine Mitarbeiterin sagte, sie glaube das nicht, aber sie habe an jenem Tag auch nicht gearbeitet. Das Eiscafé Kaos teilte mit, an jenem Samstag keine Gruppe aus Zweibrücken bewirtet zu haben. Die Polizei nannte „Eckerts Backstubb“. Eine solche findet sich aber weder im Telefonbuch noch im Internet. Auch die Reiseleiterin aus Saarbrücken, die den Termin in dem Café vereinbart hatte, war bisher telefonisch nicht zu erreichen.