Meinung
Warum die Bahn manchmal besser ist als ihr Ruf
Eigentlich stimme ich ungern ins Geschimpfe über die Deutsche Bahn ein. Eigentlich bin ich nämlich ganz gern in ihren S-Bahnen unterwegs, die ich nicht immer, aber oft für den Weg zur Arbeit nutze. Lesen, telefonieren, nachdenken, auf dem Weg zum Bahnhof ein bisschen die Beine vertreten – eigentlich optimal. Ich gestehe aber auch, dass ich das Geschimpfe über die Bahn dennoch nachvollziehen kann. Die unangekündigten Ausfälle, die nicht zu beherrschenden Verspätungen, die verpassten Umstiege und die falschen Ansagen am Gleis sind einfach eine Katastrophe, vor allem wenn man Termine wahrnehmen muss.
Dass Bahnfahren auch lustig sein kann, belegt nicht nur die eine oder andere Begegnung am Bahnsteig. Es gibt auch eine eigene Kategorie von vorwiegend flachen Witzen, die rund um das Staatsunternehmen und seine Verspätungen entstanden ist. Kennen Sie den? „Sie haben ja eine Kinderfahrkarte“, fragt der Schaffner den Mittvierziger und runzelt die Stirn. Die dreiste Antwort: „Da können Sie mal sehen, wie viel Verspätung der Zug wieder hatte!“
Anlass zum Grinsen
Insofern habe ich mir ein Grinsen nicht verkneifen können, als am Freitag vor einer Woche, dem 29. Mai, eine Nachricht der Bahn ins Redaktionspostfach flatterte. Überschrift: „Zugausfälle und Ersatzverkehr zwischen Schifferstadt und Germersheim bei den Linien S 3, S 4 und RE 4“. Drei Tage lang sollte somit Speyer nicht per S-Bahn und Regionalexpress erreichbar sein – es lebe der Schienenersatzverkehr! Das Problem: Die Streckensperrung für eine Gleiserneuerung wurde für 2. bis 4. Mai angekündigt, also leider drei Wochen zu spät. Sie hatte damals auch tatsächlich stattgefunden. Vermutung aus leidvoller Redaktionserfahrung: Die Meldung der DB war vorgeplant worden, aber die Verantwortlichen hatten sich beim Monat verklickt. Was am 29. April sinnvoll verschickt gewesen wäre, kam leider erst am 29. Mai an. Kein schlechter Witz, sondern eine auch nach Bahn-Maßstäben happige Verspätung ...
Wenn man die Dinge nicht ändern kann, kann man über solche Missgeschicke durchaus schmunzeln. Das ist übrigens eine Einstellung, die für Bahn-Kunden von Vorteil sein kann – und in diesem Sinn betone ich jetzt auch, dass die Bahn aus meiner Sicht besser ist als ihr Ruf: Gerade mit Ein- und Ausstieg in Speyer ermöglicht sie angenehmes Reisen. Ein dickes Plus: Die überwiegend gepflegten Züge halten innenstadtnah. Es gibt ein üppiges Angebot an Anschlussbussen, die aber viele gar nicht nutzen, zumal auch Taxis (leider keine Leihfahrräder mehr) bereitstehen und der Fußweg oft nicht weit ist. Zum Glück wurden in der Nachkriegszeit die Pläne nie umgesetzt, den Speyerer Bahnhof an den Stadtrand zu verlegen.
Geld steht bereit
Dass die Station in der Bahnhofstraße seit Jahren zu einem Programm gehört, in dem Geld für ihre Modernisierung bereitgestellt wird, ist ein weiterer Vorteil. Es gab schon neues Mobiliar, neue Dächer, neue Aufzüge, eine neue Optik in der Wartehalle, und aktuell wird gerade in der Unterführung gearbeitet. Die Stadt will ihrerseits unterstützend investieren. Sie hat zum Beispiel im ehemaligen Kiosk ein Toilettenhäuschen errichtet und noch weitere – wenn auch schon abgespeckte – Pläne.
Pläne gibt es seit mehr als zwei Jahrzehnten auch für einen zusätzlichen Bahnhaltepunkt Speyer-Süd, der schon mehrfach beschlossen wurde, aber politisch nicht umgesetzt wird. Der Elan dafür ist im Stadtrat längst völlig verpufft – was ich nach wie vor für schade halte: Hier wird kurzsichtig eine große Chance vertan, den öffentlichen Nahverkehr zu stärken und Speyers Straßen zu entlasten. Ich bin mir sicher, dass die Fahrgast-Zahlen weiter steigen würden und ein solches Infrastrukturangebot zwischen Hirsch- und Hasenstraße mehr Vor- als Nachteile hätte. Es würde ähnlich reibungslos funktionieren wie der spartanisch ausgestattete Bahnhaltepunkt Nord/West, der ein Segen für hunderte Speyerer sowie Einpendler ist.
Kein Wunschkonzert
Sei’s drum – dass das Bahnfahren kein Wunschkonzert ist, habe ich schon betont. Vielleicht gibt es ja mal wieder andere politische Meinungen zum Haltepunkt. Für den öffentlichen Nahverkehr ausgegebenes Geld kommt vielen zugute, wenn die Angebote bedarfsgerecht sind. Bei Speyers überdimensioniertem Stadtbusverkehr gibt es genau an diesem Kriterium Zweifel, aber auch hier ist noch nicht aller Tage Abend. Man könnte auch sagen: der Zug noch nicht abgefahren. Ob es sich lohnt, mal in den Fahrplan zu schauen? In den Fahrplan oder in die „unverbindliche Abfahrtsempfehlung mit Gleisvorschlag“, wie Bahn-Insider gerne witzeln. In diesem Sinne: Bitte halten Sie Abstand von der Bahnsteigkante und betreten Sie den gekennzeichneten Bereich erst nach Halt des Zuges!