Speyer RHEINPFALZ Plus Artikel So ticken die AfD-Hochburgen in Speyer

Spuren einer Wahl: Linken-Plakat am Boden in Speyer-West. Die Partei schnitt in dem Viertel mit 9,9 Prozent respektabel ab.
Spuren einer Wahl: Linken-Plakat am Boden in Speyer-West. Die Partei schnitt in dem Viertel mit 9,9 Prozent respektabel ab.

21 Prozent stadtweit bei der Bundestagswahl sind der bisherige Spitzenwert der AfD in Speyer. In einigen Vierteln ging es weit darüber. Manche verwundert das, andere nicht.

In Speyer-West sind die Leute freundlich. Obwohl sie zu einem Termin muss, nimmt sich die Frau Zeit. Nein, das Wahlergebnis habe sie nicht gewundert, sagt die dem Reporter. Sie wohne hier „schon immer, 56 Jahre“ und habe beobachtet, wie auch in Speyer-West etwa die früher so starke SPD kleiner und die AfD größer wurde. Dass sie die AfD gewählt hat, sagt sie nicht („Ich mach’ da mein eigenes Ding“), aber eine Regierungsbeteiligung der Partei fände sie nicht falsch: „Die sollen ruhig mal drankommen.“

Wenn der bundesweite Aufwärtstrend anhält und die „Brandmauer“ bröckelt, könnte sie davon gar nicht mehr so weit entfernt sein. 21,1 Prozent an Zweitstimmen – in absoluten Zahlen rund 6000 Kreuze – holte sie in Speyer. Das war eine Verdopplung gegenüber 2021. Ohne Briefwahl, nur auf die Urnenstimmen bezogen, kam sie in Speyer-Nord sogar auf 38,8 Prozent, nördlich der Autobahn auf 40,3 Prozent, lag im Neuland mit 27 Prozent vorn und in West südlich des Woogbachs, im Quartier der freundlichen 56-Jährigen, mit 37,1 Prozent.

Mangel an Wohnraum beunruhigt

Gegen Migranten habe sie nichts, betont die Speyererin, die das Miteinander der Kulturen im Stadtteil kennt: „Wir müssen alle kommunizieren.“ Ihr Thema, bei dem „dringend angepackt“ werde müsste, ist der Mangel an Wohnraum. „Der betrifft nicht nur Flüchtlinge, sondern auch Obdachlose.“ In Speyer müsse ein Wohnhaus für diese Zielgruppe gebaut werden. Wer künftig die großen Linien vorgibt in Berlin? Die Frau zuckt mit den Schultern, bevor sie ihren Trolley weiterzieht in Richtung Burgfeldschule: „Wir können doch eh nichts ändern.“

So ähnlich klingt auch der Mann, der zwei Straßen weiter eigentlich gar nicht über Politik reden will – was er dann doch tut: „Alle versprechen sie viel vor der Wahl, danach halten sie nix davon und schauen nur, dass sie ihre Schäfle ins Trockene bringen.“ Sein Kreuz gesetzt habe er am Sonntag trotzdem: „Ich habe gewählt, ja.“

Die große Politik und die eigene kleine Welt bringen auch in Speyer nicht alle zusammen. „Ich habe keine Ahnung von Politik, ich weiß nicht mal, wer die Wahl gewonnen hat“, so ein Passant am Nahversorgungszentrum Lessingstraße. Eine Verkäuferin der dortigen Bäckerei hängt mit ihrem Handy in einer Warteschleife fest. Nein, Politik sei kein Thema im Geschäft, sagt sie. „Das Wahlergebnis hat mich aber nicht verwundert.“

Genauer hingeschaut hat der Senior, der sich von der anderen Straßenseite nähert. Er kann dem Wahlresultat etwas Positives abgewinnen: „Ich bin froh, dass die Grünen nicht mehr dabei sind und dass die FDP nicht mehr dabei ist. Der Rest ist mir egal.“ Welche Regierung ans Ruder kommt, ist für ihn weniger wichtig. „Ich weiß nicht, ob es jetzt besser wird.“

Neue Töne im Westen

Engagierten Speyerern machen die Ergebnisse Sorgen. Markus Lamm ist katholischer Pastoralreferent und organisiert soziale Angebote in St. Hedwig. Er kommt mit den Leuten ins Gespräch und weiß, was sie bewegt. Der Austausch laufe nach wie vor zivilisiert, er spüre aber schon, dass sich das Klima verändert, sagt Lamm. Bei der Podiumsdiskussion vor der Wahl, die er zusammen mit Gewerkschaftern verantwortete, war zum Beispiel wie in der Vergangenheit kein AfD-Vertreter eingeladen. „Da wurde jetzt mehrfach, aber freundlich angefragt, warum das so war. Die AfD sei doch ebenso demokratisch gewählt.“

Diesen Einwand könne er verstehen, sagt Lamm. Mit anderen neuen Tönen tue er sich viel schwerer: „Eine Frau, die seit 40 Jahren hier ist und nur gebrochen Deutsch spricht, wird auf der Straße zunehmend verbal angegangen: Sie nutze den Sozialstaat aus und Ähnliches.“ Da merke man dann, dass Speyer-West ein sozialer Brennpunkt sei und in der komplexer werdenden Welt immer öfter die einfachen Parolen der AfD verfangen.

Nachbarschaftshilfe funktioniert

Auch Oliver Pastor schüttelt den Kopf. Er ist im Vorstand der Baugenossenschaft GBS als sozialdemokratisch geprägtes Traditionsunternehmen und Anbieter von mehr als 1600 Wohnungen in Speyer. „Das ist mir völlig schleierhaft“, sagt er über die Wahlergebnisse in deren „Kernland“. Er habe im Stadtteil West auch zuletzt keine offene Ausländerfeindlichkeit erlebt, betont Pastor – im Gegenteil: „Bei uns wird Integration gelebt, weil das Prinzip der Nachbarschaftshilfe mit vielen Kulturen funktioniert.“

Nicht viel anders sieht es in Speyer-Nord aus. Dort leitet Jana Schellroth seit zwei Jahrzehnten das Mehrgenerationenhaus und nimmt die Kaffee- und Frühstückstreffs als sehr friedlich wahr. Dass sie überwiegend zufriedene Bewohner erlebe und gleichzeitig Wahlergebnisse mit starker Tendenz ins Extreme, empfinde sie als „bedrückend“. Dabei sei in Speyer die Welt noch in Ordnung im Vergleich zu ihrer thüringischen Heimat, wo sie gerade in Urlaub war: „Dort erlebe ich eine ganz andere, aufgehitzte Stimmung. Dort gewinnen Rechte in einer Art und Weise die Oberhand, wie ich sie hier in Speyer nicht erlebe.“

Migrationsthema im Norden

Auch Rita Hagel ist erschrocken über das gute Wahlergebnis der AfD in Speyer-Nord. Überrascht habe sie es jedoch nicht, berichtet die SPD-Frau, die sich seit vielen Jahren in der Siedlergemeinschaft engagiert und ihr Ohr am Puls des Stadtteils hat. Sie hat Erklärungsansätze: Sukzessive habe die AfD ihre Wählerbasis in Nord ausgebaut, Vertreter der Partei seien dort oft unterwegs. Gerade das in Nord offensichtliche Thema Migration spiele der AfD in die Hände – und das in einem Stadtteil, der von Anbeginn an von Einwanderung geprägt sei.

Und die AfD-Führung im einst politisch roten Neuland? „Schwer zu erklären“, sagt Frank Scheid, Vorsitzender des Stadtteilvereins Süd. Einen Ansatz hat er doch: Er sei überrascht gewesen, wie schnell sich im Stadtteil Widerstand formierte, als die Stadt 2022 über den Bau von Flüchtlingscontainern nachdachte. „Da habe ich gemerkt, dass die Stimmung ein bisschen kippen könnte.“ Auch ein alteingesessener Neuländer gibt sich „schockiert“ vom Erfolg der AfD in seiner Wohngegend – und noch ratloser als Scheid: „Man lebt doch gut hier im Neuland. Eine ruhige Nachbarschaft, von Problemen mit Migranten weiß ich nichts.“ Im Viertel lebten mittlerweile viele Akademiker, der Zusammenhalt sei gut: „Warum sich das so entwickelt hat, ist mir ein Rätsel.“

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