Speyer Römerberg: Wenn die Kanzlerin in der Küche steht

Post aus dem Kanzleramt: Ein Foto, das Merkels Mitarbeiter mit Thomas und Nong Walter geschossen haben, bekamen die beiden Römer
Post aus dem Kanzleramt: Ein Foto, das Merkels Mitarbeiter mit Thomas und Nong Walter geschossen haben, bekamen die beiden Römerberger mit Dankesworten der Kanzlerin zugeschickt.

Grosse Themen, kleine Welt: Am 1. Juli 2017 wird Helmut Kohl in Speyer beigesetzt. Unter den Gästen ist auch Bundeskanzlerin Angela Merkel. Auf dem Weg zur Trauerfeier legt Merkel in Römerberg im Restaurant „Zum Engel“ von Thomas Walter eine Pause ein. Für Walter nicht die erste Begegnung mit einem Promi. Auch für Kohl hat er schon gekocht.

«RÖMERBERG.»„Ich wollte gerade schwungvoll in den Hof meines Restaurants hineinfahren, als ich von einem schwarz gekleideten Herrn gestoppt wurde“, erinnert sich Thomas Walter an den Tag, an dem die Welt zwar nach Speyer, aber nicht unbedingt nach Römerberg blickte. Walter begann gerade, dem Mann die Leviten zu lesen, als seine Schwester gelaufen kam und berichtete, dass die Bundeskanzlerin im Restaurant-Innenhof sitzt. „Ich habe gesagt: Das kann nicht sein, das ist bestimmt ein Double“, sagt der 55-Jährige. Doch ein Blick auf die Riege an Personenschützern und Polizisten sowie etliche Limousinen belehrte den Berghausener eines besseren. Thomas Walter hat 26 Jahre im Ausland, die meiste Zeit in Südostasien, gelebt. Als Koch und Hotelbetreiber hat er dort etliche Promis kennengelernt, wie er sagt – Nelson Mandela zum Beispiel oder Prince Charles und Camilla. Das unverhoffte Zusammentreffen mit der Bundeskanzlerin habe ihn daher nicht nervös gemacht, berichtet er. Merkel war gerade auf dem Weg vom Trauerakt für Helmut Kohl im Europäischen Parlament in Straßburg nach Speyer, wo der Altkanzler bestattet wurde. „Sie hat gefragt, ob es okay wäre, wenn sie sich hier ein bisschen ausruht“, erinnert sich Walter.

Kanzlerin möchte nur Kaffee und Wasser

Der Römerberger hatte keine Einwände, auch wenn sein Lokal eigentlich erst abends geöffnet hat. „Wir hatten nichts vorbereitet. Ich habe ihr trotzdem einen Salat und frischen Fisch angeboten, sie wollte aber nichts“, berichtet er. Letztlich habe Merkel nur zwei Tassen Kaffee und Wasser bei ihm getrunken, wodurch sich Walter aber nicht in seiner Kochehre gekränkt sieht. Rund eine dreiviertel Stunde habe er mit der Bundeskanzlerin in seinem Hof geplaudert. Um seine Erlebnisse während seines langjährigen Auslandsaufenthalts sei es gegangen und um sein Slow-Food-Konzept – einer Gegenbewegung zum schnellen Fast Food. Politik sei kein Thema gewesen. Zwischendurch sei Merkel auf die Straße gegangen und habe einem Römerberger Paar gratuliert, dass wenige Meter weiter gerade seine Hochzeit feierte.

Nach anderthalb Stunden verabschiedet

So nett der Plausch auch war, selbst von einer Bundeskanzlerin lässt sich Thomas Walter nicht zu lange von seiner Arbeit abhalten: „Ich stand ziemlich unter Zeitdruck an dem Tag, weil wir für den Abend 70 Reservierungen hatten. Ich habe dann irgendwann gesagt, dass ich jetzt in die Küche müsse“, berichtet Walter. Die Kanzlerin nahm’s gelassen. Wenig später habe sie dann doch wieder neben ihm gestanden. „Sie wollte auf die Toilette und hat die falsche Tür genommen“, erinnert sich der Koch. „Ich habe gerade Burger gemacht. Sie hat gefragt, ob das Pfannkuchen sind.“ Nach rund anderthalb Stunden hatte sich Angela Merkel offenbar genug in Römerberg entspannt, schließlich stand noch die Trauerfeier für Helmut Kohl im Speyerer Dom auf dem Programm. „Sie hat dann ihre Geldbörse herausgeholt und wollte bezahlen“, erzählt Walter, der die Bundeskanzlerin dann doch nicht um ihr Kleingeld erleichtern wollte und die Getränke spendierte. Doch wie kam es eigentlich, dass die Frau, die regelmäßig zur mächtigsten der Welt gekürt wird, gerade im Römerberger „Engel“ ihren Akku aufgeladen hat? Thomas Walter hat da seine eigene Theorie: Zur Kohl-Beerdigung hatten sich in seinem Hotel auch Gäste aus Berlin eingemietet. Als er einem davon im Nachhinein von dem überraschenden Besuch erzählte, habe dieser nur gegrinst und gesagt, dass er bis vor einem halben Jahr bei Merkel im Kanzleramt gearbeitet habe. Wahrscheinlich habe der Gast ihr den Tipp gegeben, dass sie hier relativ unbehelligt eine Pause während des anstrengenden Tagesprogramms einlegen kann, vermutet der Berghausener.

Koch muss Gerüchte ausräumen

Politisch sei er kein Fan von Angela Merkel, sagt Thomas Walter, Eindruck hat sie bei ihm trotzdem hinterlassen: „Macht sie alles richtig? Sicher nicht. Aber ich zolle ihr Respekt. Man merkt im Gespräch schon, dass sie eine absolute Respektsperson und eine Powerfrau auf Weltniveau ist. Sie kommt ganz anders rüber als im Fernsehen“, sagt er. Unangemessen findet er daher auch so manchen Kommentar von Merkel-Gegnern, der sich bei Facebook fand, wo Walter und seine Frau Nong ein Foto vom Besuch der Kanzlerin posteten. Auch im echten Leben werde er immer wieder auf den Merkel-Besuch angesprochen und musste dabei auch dem ein oder anderen Gerücht widersprechen: zum Beispiel, dass wegen Merkel das Restaurant geräumt wurde, oder dass sie in Römerberg Cordon bleu gegessen habe. Eine wahre Geschichte hat Thomas Walter aber noch auf der Pfanne. Während seiner Zeit in Asien habe er in den späten 1980er-Jahren für den Sultan von Brunei gekocht, auch für dessen Staatsgäste. Einmal sei – und so schließt sich der Kreis – auch Helmut Kohl zu Gast gewesen. Der 55-Jährige erinnert sich noch gut, wie der Hüne Kohl auf den eher klein gewachsenen Walter hinunterblickte. „Wo kummscht Du her?“, habe der Oggersheimer ihn auf Pfälzisch gefragt. „20 Kilometer von da, wo Du herkommst, aus Berghausen“, habe er ihm geantwortet. „Die Geschichte habe ich auch Frau Merkel erzählt“, sagt Walter. „Da hat sie gelacht.“

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