Haßloch / Waldsee
Prozess in Frankenthal: 70-Jähriger wegen schwerer Brandstiftung angeklagt
Ein 70-Jähriger soll Anfang August vergangenen Jahres den Anbau eines Hauses in Haßloch und zwei Tage später das Vordach eines Wohnwagens auf dem Campingplatz „Auf der Au“ in Waldsee angezündet haben. In einem am Dienstag begonnenen Prozess vor der Zweiten Großen Strafkammer des Landgerichts Frankenthal wirft ihm Staatsanwalt Simon Braun deshalb schwere Brandstiftung vor.
„Ich kann mich an nichts erinnern“, sagte der Mann, der in etwa zwei Wochen 71 Jahre alt wird, seit August in Untersuchungshaft sitzt und zuvor auf der Straße gelebt hatte, zu den Vorwürfen der Anklage. Auch mehrfache Nachfragen des Vorsitzenden Richters Jürgen Häbe brachten nur vage Erinnerungsbruchstücke an den Vorfall in Haßloch zutage.
Als im August vergangenen Jahres eine Richterin darüber entscheiden musste, ob der Mann in Untersuchungshaft kommt, hatte sein Rechtsanwalt Hanns Larcher gesagt, sein Mandant habe in dem Anbau übernachtet und ein Feuer angezündet, um sich zu wärmen. Auf die Frage Häbes, ob das stimme, antwortete der Angeklagte: „Ich weiß es nicht.“ „Alles, was ich weiß, sage ich ehrlich“, versicherte der 70-Jährige.
„Wie kommschd du da rauf?“
„Da weiß ich nichts“, war das Einzige, was der Angeklagte zu dem Brand auf dem Campingplatz sagen konnte. Nach einem sogenannten Rechtsgespräch, bei dem sich Kammer, Staatsanwaltschaft und Verteidigung hinter verschlossener Tür berieten, teilte Häbe mit, dass dieser Teil der Anklage vorläufig eingestellt werde. Der Vorfall falle bei der Höhe einer Strafe nicht entscheidend ins Gewicht, nannte Häbe als Grund.
Er sei am 3. August um 4.30 Uhr aufgewacht, weil er auf die Toilette musste, erzählte der 64-jährige Haßlocher, dem das Einfamilienhaus gehört, dessen Anbau in Brand geraten war. Vom Bad aus habe er gesehen, dass der Anbau brennt. Er habe seiner Ehefrau zugerufen, sie solle die Feuerwehr alarmieren, sei die Treppe hinuntergerannt und habe versucht, mit dem Gartenschlauch zu löschen. Doch nach kurzer Zeit habe die elektrisch betriebene Wasserzufuhr versagt. Er habe daraufhin das Auto und die Fahrräder in Sicherheit gebracht und sei zum Anbau zurückgekehrt.
Kosten von über 300 000 Euro entstanden
„Plötzlich ging oben die Luke auf, da stand jemand und hat gesagt: ,Wie komme ich denn da runter?“, berichtete der Haßlocher. „Wie kommschd du da rauf?“, habe er als erste Reaktion entgegnet. Dann habe er dem Mann geholfen, aus der rund zwei Meter über dem Boden gelegenen Luke hinabzusteigen. Zu diesem Zeitpunkt sei bereits alles sehr heiß gewesen. Er gehe davon aus, dass der Mann eine Rauchgasvergiftung hatte. Jedenfalls habe der „nicht mehr alles mitgekriegt“. Er habe ihn durch den Hof geführt und dann der Polizei übergeben.
Das Haßlocher Ehepaar berichtete, dass in dem zweistöckigen Anbau zahlreiche Utensilien gelagert gewesen seien. „Ich werfe nichts weg“, sagte der 64-Jährige. „Da war nicht viel Platz, um ein Lagerfeuer zu machen.“ Nach Angaben seiner Ehefrau steht die endgültige Höhe des Sachschadens noch nicht fest. Der Anbau werde neu errichtet, bislang seien Kosten von über 300.000 Euro entstanden. Zwei Nachbarhäuser seien an den Fassaden in Mitleidenschaft gezogen worden. Wahrscheinlich würden die Versicherungen den Schaden übernehmen.
Jemand muss das Feuer gelegt haben
Ein von der Kriminalpolizei Neustadt beauftragter Brandsachverständiger schloss in seinem Gutachten aus, dass der Brand durch einen Fehler an den elektrischen Anlagen oder einen sonstigen technischen Defekt entstanden ist. Jemand müsse das Feuer gelegt haben. Wie lange es gedauert hätte, bis der Brand übergegriffen hätte, lasse sich nicht sagen, so der Sachverständige.
Der Angeklagte konnte sich nicht nur an die Brände nicht erinnern, er hatte auch große Mühe, aus seinem Leben zu berichten. Sicher ist, dass er in Haßloch geboren und aufgewachsen ist. Er habe eine Ausbildung abgeschlossen, sei im Alter von 22 Jahren nach Mannheim gegangen, habe einige Jahre bei der BASF gearbeitet, dann im Autohandel, sei „fast 25 Jahre verheiratet gewesen“ und habe fünf Kinder, erzählte der 70-Jährige. Immer wieder erwähnte er die Scheidung im Jahr 2015 und kämpfte dabei mit den Tränen. Mehrfach berichtete er auch, dass er in christlichen Gemeinschaften „seinen Glauben ausgelebt“ habe.
Seit wann er auf der Straße lebt, konnte der Mann nicht sagen. Zeitweise habe er viel Alkohol getrunken und „gekifft“, um „aus der Wirklichkeit zu fliehen“. „Ich bin abhängig von dem, was Gott will. Der Mensch kann nicht entscheiden, Gott entscheidet“, sagte der Angeklagte. Beim Haßlocher Ehepaar entschuldigte er sich und wünschte ihnen „Gottes Segen“. Der Prozess wird am Montag, 9. Februar, um 10 Uhr fortgesetzt.