Speyer RHEINPFALZ Plus Artikel Patricks Woche: Neue Namen für das Stadtbild

frauenstraßennamen

Wer sollte in Speyer wie zu Ehren kommen? Straßennamen, Denkmale, Grabstätten – dazu gibt es unterschiedliche Meinungen.

Keine Sorge: Friedrich Merz muss nicht bemüht werden, wenn es hier um das Stadtbild geht. Es wird nicht kanzlermäßig-zweifelhaft sortiert, wer nach Speyer gehört und wer nicht. Es geht vielmehr um den Rahmen, den die Domstadt bildet. Deren Kernbereich wird künftig trotz kritischer Stimmen zum Stadtdenkmal; das ist ein Aspekt. Zum anderen strukturieren ihre Straßen und Plätze den öffentlichen Raum, in dem das Leben tobt. Wie sie benannt werden, hat deshalb eine politische Komponente.

In früheren Jahren gab es in Speyer sogar einen eigenen Ausschuss für Straßenbenennungen. Inzwischen ist der Kulturausschuss des Stadtrats dafür zuständig – und hatte das Thema in dieser Woche wieder einmal auf der Tagesordnung. Spötter könnten einwenden, das Gremium habe in den vergangenen Jahren öfter über Prioritätenlisten und Ähnliches debattiert, als tatsächlich Benennungen anstanden. Das wäre jedoch ungerecht, weil sich die politischen Vertreter stets sehr ernsthaft damit auseinandersetzen, welches Bild Speyer abgibt.

Es gibt Nachholbedarf

Einen konkreten Anlass gab es auch diesmal, denn es besteht Nachholbedarf bei weiblichen Straßenpatinnen: Nur acht der rund 500 Speyerer Straßen sind nach Frauen benannt. Man einigte sich auf die Priorisierung, dass in Zukunft zunächst jüdische Frauen, dann Frauen und drittens Speyerer Bürger jüdischen Glaubens zu Ehren kommen sollen. Vorschläge dafür gibt es viele. Auf der Liste, die die Stadt schon seit 1979 führt, sind somit einige Einträge vorgerückt. Als Nächstes zum Zug kommen könnten die Speyerer Nazi-Opfer Betty Blum und Sara Lehmann.

Dass in derselben Sitzung, in der die Priorisierung beschlossen wurde, eine Straßenbenennung „Am Sonnenberg“ anstand, ist dabei nur scheinbar ein Widerspruch: Die Sackgasse zur Mülldeponie ist nicht die richtige Stelle zur Würdigung verdienter Speyerer. „Name und Örtlichkeit sollten zueinander passen“, betont Bürgermeisterin Monika Kabs (CDU), die nach fast 16 Jahren Amtszeit letztmals den Kulturausschuss leitete. So wird auch verständlich, warum vor einigen Jahren eine neue Straße im Gewerbegebiet zur „Nachtweide“ wurde. „Gewannenamen sind politisch neutral und völlig okay“, so Kabs. Als im Süden der Stadt jedoch ein Neubaugebiet fertig wurde und „Am Russenweiher“ auf die Schilder geschrieben wurde, hätte die Entscheidung auch anders ausfallen können.

Seit wenigen Wochen gibt es immerhin den „Emma-Schultheis-Park“ am Rhein, aber der Nachholbedarf bei Frauennamen im Stadtbild ist unstrittig. Das betont auch Bürgermeisterin Kabs – nicht ohne den Hinweis, dass sie selbst vor sechs Jahrzehnten in der Sophie-de-la-Roche-Straße aufgewachsen sei. Und weil Gelegenheiten für Neubenennungen in Zeiten eines kaum noch erweiterbaren Siedlungsgebiets rar sind, könnten verdiente Patinnen künftig eher bei Umbenennungen zu Ehren kommen. Hintergrund: Einige Namensgeber – allesamt Männer – stehen wegen historisch fragwürdiger Rollen zur Debatte.

Den Vorschlag der Linken im Kulturausschuss, gleich Nägel mit Köpfen zu machen und die Karl-Leiling-Allee zur Sara-Lehmann-Straße umzuwidmen, wurde indes zurückgestellt. Um den Oberbürgermeister aus der Zeit des Nationalsozialismus geht es nämlich in einem Forschungsprojekt, ebenso wie etwa um Friedrich Sprater und Hans Stempel, die ebenfalls keine blütenweißen Westen haben. Seit Jahren gibt es dazu eine von der Stadt einberufene Expertinnengruppe, deren Ergebnisse abgewartet werden sollen. Sie sei „auf der Zielgeraden“, berichtet Kabs, die kommendes Jahr mit konkreten Vorschlägen rechnet.

Diskussion um Gedenkstätten

Zur quasi immerwährenden Frage, wie Geschichtsbewusstsein im Stadtbild den richtigen Ausdruck findet, passt auch die wieder einmal aufgeflammte Diskussion um das Mahnmal für die jüdischen Opfer des Nationalismus in der Hellergasse. Dessen Standort soll verlegt werden, weil der Grundeigentümer plötzlich Pacht fordert. Politik und Verwaltung müssen dabei aufpassen, mit ihren unterschiedlichen Ansichten zu dem Thema dem sensiblen Anliegen nicht zu schaden. Womöglich wird das auch eine Rolle spielen, wenn am Montag an Ort und Stelle der Pogromnacht von 1938 gedacht wird.

Bliebe die jüngste Säule in Speyers Erinnerungskultur: das kürzlich enthüllte Grabmal für den 2018 relativ schmerzfrei mit dem Helmut-Kohl-Ufer geehrten Altkanzler. Die letzte Ruhestätte des Oggersheimers ist im Adenauerpark nach schlappen acht Jahren fertiggeworden und erwartungsgemäß gleich umstritten. Mit dem früheren Bundeskanzler wäre schließlich der Bogen zu Friedrich Merz geschlagen, der doch Recht behält: Es ist halt so eine Sache mit dem Stadtbild.

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