Speyer
Was hat die Speyererin im KZ getan?
Über Luise Herklotz wurde am ausgiebigsten diskutiert. Wie soll man damit umgehen, dass die honorige Sozialdemokratin, die Bundestags-, Landtags- und Europaabgeordnete war und 2003 zur Ehrenbürgerin ihrer Heimatstadt ernannt wurde, zeitlebens ihre berufliche Rolle von 1939 bis 1945 verschwiegen oder verklausuliert hat? Herklotz war 1939 als Schreibkraft im Konzentrationslager Dachau tätig, dann in der Rüstungsindustrie und bis 1945 in Redaktionen nationalsozialistischer Zeitungen. Vom NS-Regime wurden ihr „durchgängig positive“ Leumundszeugnisse ausgestellt, sagte am Dienstag Experte Klaus-Jürgen Becker vom Stadtarchiv Ludwigshafen im Ältestenrat des Stadtrats.
Becker ist für den Sammelband mit einem „Schlaglicht“ über Herklotz’ Rolle beauftragt. Er kündigte an, seine Abhandlung noch ausweiten zu wollen, weil er viele Erkenntnisse über die SPD-Frau gewonnen habe. An einer Stelle fehle aber eine präzise Quelle: „Wir wissen nicht, was sie im KZ getan hat.“ Eine Personalakte oder andere Unterlagen gebe es nicht mehr. Aber Indizien: Herklotz habe sich nicht aktiv nach Bayern beworben, sondern sei im Juli 1939 vom Arbeitsamt dorthin geschickt worden. Aber: „Sie hat da trotzdem was gesehen“, ist Becker überzeugt. Die Stenotypistin aus Speyer habe womöglich Korrespondenz über den nationalsozialistischen Tötungsbetrieb geführt: „Wer das abtippt, bekommt etwas mit.“
Karriere in der SPD
Herklotz sei kein NSDAP-Mitglied gewesen und habe wohl auch deshalb nach dem Zweiten Weltkrieg eine große Karriere in der SPD machen können, so Beckers Deutung. Er warf der 1918 Geborenen aber vor, die betreffenden Jahre in ihrer Biografie stets ausgespart beziehungsweise mit „journalistische Tätigkeit“ unzutreffend beschrieben zu haben. „Sie hat eine historische Chance verpasst.“ Die städtische Öffentlichkeit, die teils Näheres gewusst habe, habe dieses Vorgehen lange gebilligt. Erst nach Herklotz’ Tod 2009 kam es vereinzelt zu öffentlichen Diskussionen über ihre Rolle in der NS-Zeit. Oberbürgermeisterin Stefanie Seiler zeigte sich deshalb „hin- und hergerissen“. Sie befürwortete eine weitere Forschung und eine Auseinandersetzung mit der Personalie auch innerhalb der SPD als gemeinsamer Partei. „Wir stehen noch am Anfang.“
Der Stadtrat werde die Ergebnisse bewerten müssen. Das gelte auch für die anderen Biografien, die im Vorgriff auf die Veröffentlichung thematisiert wurden, darunter Karl Leiling, Speyerer Oberbürgermeister von 1923 bis 1943 und 1945/46. Kritik an seiner Rolle war 2018 Auslöser des Forschungsprojekts gewesen. Mit seinem politischen Lebensweg hat sich Alexander Krause, Fachleiter Geschichte des Gymnasiums am Kaiserdom, beschäftigt.
Unklarheiten bei Karl Leiling
Die neuen Machthaber hatten Leiling 1933 im Amt belassen, obwohl er ihrer Partei erst 1938 beigetreten ist. Krause sah keine Anhaltspunkte dafür, dass er ein überzeugter Nationalsozialist war, ordnete ihn vielmehr als pflichtbewussten Opportunisten ein. Als Jurist habe Leiling zwar das NS-Recht umgesetzt. Die Gauleitung sei dennoch froh gewesen, als sie ihn im Jahr 1943 altersbedingt in den Ruhestand verabschieden und durch den wohl linientreueren Rudolf Trampler ersetzen konnte. Aurel Popescu (Linke) forderte vertiefende Forschung, die Krause bislang nicht leisten konnte. OB Seiler sagte diese zu.
Ein weiterer Namensgeber für eine Straße ist Hans Stempel, evangelischer Kirchenpräsident in Speyer von 1946 bis 1964, dem heute sein Einsatz für Kriegsverbrecher in den Nachkriegsjahren zur Last gelegt wird. Mit seinem Lebensweg hat sich Christoph Picker von der Evangelischen Akademie der Pfalz befasst. Sein Urteil: „Er war kein Altnazi, hat aber in beträchtlichem Maß Distanz zu Altnazis vermissen lassen.“ Ludger Tekampe vom Historischen Museum der Pfalz hat dessen von 1920 bis 1949 amtierenden Direktor Friedrich Sprater unter die Lupe genommen. Er erkannte bei ihm „keine aktive Täterschaft“, aber eine Mitwirkung an der NS-Kulturpolitik. Leider habe es eine „rigide Säuberung der Museumsakten nach 1945“ gegeben, sodass fraglich sei, ob noch Näheres herauskomme.
Professorin leitet Projekt
Wissenschaftlich geleitet wird das Forschungsprojekt von Angela Borgstedt, Historikerin der Universität Mannheim. Sie berichtete von 38 Mitwirkenden. Die meisten Beiträge seien fertig, der weitere Prozess leite aber darunter, dass Christiane Pfanz-Sponagel als zuständige Leiterin des Stadtarchivs Speyer längerfristig erkrankt sei. Zu Straßennamen hat sich Lenelotte Möller vom Historischen Verein kundig gemacht. Neue Erkenntnisse über eine Person oder „massiv veränderte Betrachtungsweisen“ könnten Anlässe für Umbenennungen sein, erklärte sie. In anderen Städten reiche eine Mitgliedschaft in der NSDAP als einziger Anlass in der Regel nicht aus.
