Speyer RHEINPFALZ Plus Artikel Neue Art Spinnentiere entdeckt: Wenn sich Achtbeiner zusammenrotten

Ungewöhnlicher Anblick: Riesenweberknechte tummeln sich in den Gewölben des Heidentürmchens.
Ungewöhnlicher Anblick: Riesenweberknechte tummeln sich in den Gewölben des Heidentürmchens.

Ungewöhnlich große Weberknechte sind in Speyer aufgetaucht. In dichten Pulks sitzen die fremdartigen Spinnentiere an verborgenen Stellen. Menschen gegenüber gelten sie als harmlos. Probleme bereiten könnten sie dennoch, mahnt ein Experte.

Lothar Hensel traute erst seinen Augen nicht. Vor einigen Tagen entdeckte der Speyerer Tierfreund in den äußeren Gewölben des Heidentürmchens im Domgarten ihm bis dato unbekannte Vertreter der Fauna: „Die Tiere sind fast schwarz und schimmern grün-metallisch“, beschreibt Hensel seinen Fund. „Einschließlich ihrer sehr langen dünnen Beine“ betrage ihr Durchmesser etwa 18 Zentimeter, hat er festgestellt: „An je einem Beingelenk besitzen sie ein weißes Zeichnungselement.“ Die achtbeinigen Krabbler konnte Hensels geschultes Auge schnell als Weberknechte erkennen. Damit war er jedoch mit seinem Latein am Ende. Denn solche Weberknechte hatte er noch nie zuvor gesehen.

Mehr noch als der fremdartige Anblick erstaunte den Speyerer das merkwürdige Verhalten der Spinnentiere, das er sich nicht erklären konnte: „Die Tiere saßen in Pulks im Gewölbe des Heidentürmchens in einer Menge von bis zu 100 Exemplaren“, schätzt Hensel. „Als ich ein am Rand sitzendes Tier berührte, stob die Hälfte der Weberknechte blitzartig auseinander. Die Tiere verteilten sich im Gewölbe. Dort vollführten sie im Hängen tänzelnde Bewegungen“, berichtet er: „Die andere Hälfte formierte sich blitzartig zu einem Knäuel und ließ sich vor meine Füße auf den Boden fallen. Dort strömten sie auseinander und waren nicht mehr zu entdecken.“

Glücklicherweise hatte der Hobby-Fotograf einige Aufnahmen der exotisch anmutenden Stelzenläufer angefertigt. Zu Hause angekommen, machte sich Hensel an die Recherche – und fand heraus, dass er zufällig wohl auf ein Vorkommen sogenannter Riesenweberknechte der Art Leiobunum gestoßen war – eine Feststellung, die Katharina Schneeberg bestätigt. Die promovierte Zoologin am Bad Dürkheimer Pfalzmuseum für Naturkunde identifizierte die Weberknechte auf Hensels Fotos tatsächlich als Leiobunum-Vertreter. Allerdings einer bisher wissenschaftlich noch nicht näher beschriebenen und eingeordneten Art, so dass man ihr die vorläufige Bezeichnung „Leiobunum sp. A“ verpasste.

Zuwanderer aus Nordafrika

„Die Art breitet sich seit etwa zehn Jahren entlang des Rheins aus“, sagt Insekten-Expertin Schneeberg. Als Ursprungsort werde Nordafrika vermutet. Nach Deutschland gekommen sein könnten die Tiere durch den Import von Baumaterial aus der Region, doch viele Angaben zu den Einwanderern seien sehr vage, betont Schneeberg. Einigermaßen gut dokumentiert sei jedoch ihr für Weberknechte ungewöhnliches Gebaren, zumindest im Vergleich mit den meisten heimischen Arten.

Nahaufnahme: Die noch wenig erforschte Art hat bis zu 18 Zentimeter Spannweite ihrer Beine.
Nahaufnahme: Die noch wenig erforschte Art hat bis zu 18 Zentimeter Spannweite ihrer Beine.

Denn während der Ruhezeit tagsüber würden sich die eigentümlichen Krabbler an geschützten Orten zu großen Haufen aus Hunderten Exemplaren, sogenannte Aggregationen, zusammenballen. Warum, sei unklar. „Vermutlich ist es ein Schutzmechanismus“, sagt die Zoologin. Denn würden die Tiere gestört oder gar bedrängt, spritze die Ansammlung in alle Richtungen auseinander, ähnlich wie ein Fischschwarm es tut, um Angreifer zu verwirren.

Flinke Räuber, aber keine Spinnen

Auf die Jagd gingen die staksenden Räuber jedoch wohl allein. Ihre Beute sei die anderer Weberknechtarten auch: „Mücken, Blattläuse, Staubläuse. Aber auch das, was Spinnen von ihren Mahlzeiten übriglassen“, erläutert Schneeberg. Weberknechte würden Aas nicht verschmähen. Ihre Beute erlegen die nachtaktiven, flinken Tiere mithilfe klebriger Tropfen an ihren Kieferntastern, mit denen sie Nahrung blitzschnell ergreifen können, wie Wissenschaftler der Christian-Albrechts-Universität Kiel und der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz belegten.

Oft würden Weberknechte als Spinnen bezeichnet, sagt Schneeberg. Das stimme jedoch nicht. Sie hätten zwar acht Beine und zählten damit zu den Spinnentieren, jedoch keine Spinn- oder Giftdrüsen. „Außerdem ist ihr Körper nicht zweigeteilt, sondern verwachsen.“ Offenbar helfe der Klimawandel den Riesenweberknechten dabei, in der Pfalz Fuß zu fassen, meint Schneeberg. Vereinzelte, wenn auch seltene, Funde sind nach Angaben der Deutschen Arachnologischen Gesellschaft auch aus Landau und dem Pfälzerwald bekannt.

Für den Menschen ungefährlich

Grund zur Panik bestehe jedenfalls keiner, meint Wolfgang Braunstein, Spinnen-Kenner bei der Naturschutzorganisation Pollichia und bis Sommer 2022 Rektor der Speyerer Zeppelinschule. Von der Weberknecht-Gattung Leiobunum „gibt es seit jeher in Deutschland etwa drei gesicherte Arten, die alle mehr oder weniger im Siedlungsbereich, aber auch in Wäldern und Gärten auftreten. Sie alle sind sehr langbeinig und oft in Gruppen anzutreffen, aber für den Menschen völlig harmlos, weil ohne Giftdrüsen und mit winzigen Mundwerkzeugen“, sagt der Neustadter.

Der Riesenweberknecht hingegen sei in der Tat ein „Neubürger“. 2004 sei diese Art erstmals in den Niederlanden aufgetaucht, dann im Ruhrgebiet. Von dort habe sie sich offenbar nach Rheinland-Pfalz und ins Saarland ausgebreitet. Während Zoologin Schneeberg „aktuell keine Hinweise auf negative Auswirkungen auf heimische Arten“ erkennen kann, ist sich Braunstein darin nicht so sicher. Er verweist auf die schiere Größe des Neuankömmlings und auf dessen massenhaftes, wenngleich punktuelles Auftreten. „Es scheint, als ob dieser Zuwanderer andere Weberknechte verdrängt und frisst“, befindet Braunstein: „Genaues ist aber noch nicht bekannt.“

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