Interview
„Sie greifen nie Menschen an“: Warum ein Neustadter Spinnen erforscht
Herr Braunstein, wie und warum wird man denn zum Spinnenfreund?
Dadurch, dass man neugierig ist auf das Kleine. Es gibt faszinierende Strukturen bei den Spinnennetzen und eine große Vielfalt bei den Spinnen als Lebewesen. Das alles kann man entdecken, wenn man sich damit befasst. Ich habe schon sehr früh damit begonnen, Spinnen und Spinnennetze zu fotografieren. Und als inhaltlichen Schwerpunkt habe ich Spinnen gewählt, weil es damals in den 1980er-Jahren kaum jemand gemacht hat und man kaum Informationen über Spinnen in der Öffentlichkeit bekam. Seither lässt mich die Faszination Spinnen nicht los, und das Thema spinnt sich wie ein roter Faden durch mein Leben.
Verstehen Sie denn dann Leute, die bei dem Thema sagen: iiih?
Absolut. Dass es Menschen mit einer Spinnenphobie gibt oder solche, die beim Anblick von Spinnen ein unangenehmes Gefühl bekommen, ist absolut nachvollziehbar. Das liegt daran, dass Spinnen oft eine kryptische Lebensweise haben. Sie sitzen ja nicht offen da und nur wenige sind schön bunt anzusehen. Nein, vielmehr sind sie oft eher dunkel und sitzen irgendwo drunter, und sie krabbeln plötzlich los, wenn man etwas berührt. Generell wissen die meisten Menschen viel zu wenig über Spinnen. Daher sind Horrorgeschichten über sie auch erfolgreich oder Showanbieter können mit dem Gruseleffekt durch große Vogelspinnen Geld verdienen und locken Publikum an. Solche Horrormärchen entbehren aber jeder Grundlage. Spinnen greifen keine Menschen an. Für mich geht es um Ästhetik und Vielfalt.
Aber der Einfluss von Horrorfilmen ist kaum aus der Welt zu schaffen.
Das stimmt. Es ist auch schwierig, solchen Bildern entgegenzuwirken. Denn auf dem Gebiet wirken Emotionen und die überlagern Informationen. Manchmal werden Spinnen auch niedlich dargestellt. Oft aber werden sie gruselig und bedrohlich in Szene gesetzt mit klebrigem Netz und gefräßig. Wenn ich das sehe, finde ich das auch nicht niedlich. Aber solche Bilder haben wie gesagt nichts mit der Realität zu tun. Spinnen machen nichts, was uns nicht gut tut. Das Negative ist Fiktion.
Wie meinen Sie das: „Was uns gut tut“?
Spinnen sind ein wichtiger Teil des Ökosystems. Sie fressen Insekten. Es gibt Berechnungen, wonach die Erde nach einem Jahr mit einer 25 Zentimeter dicken Insektenschicht bedeckt wäre, wenn es keine Spinnen mehr gäbe. Es gibt zudem tatsächlich keinerlei Krankheiten, die durch Spinnen übertragen werden. Sie sind nützlich – und bedroht. Denn da es weniger Insekten gibt, gibt es auch weniger Spinnen. Wir stellen da einen massiven Rückgang fest. Der Rückgang ist in etwa so deutlich wie bei den Vögeln. Und das hängt auch miteinander zusammen, denn viele Vögel ernähren sich von Spinnen. Sie sind also ein zentraler Bestandteil der Artenvielfalt. Um das genauer zu untersuchen, wollen wir ab Frühjahr zu Beobachtungsmeldungen aufrufen. Wir möchten ein realistisches Bild davon bekommen, welche Spinnen wie häufig bei uns in der Region vorkommen. Und das ist auch der Auftrag des Arbeitskreises: Wir wollen populäre Informationen liefern, die sachlich richtig sind.
Stichwort „gut tun“. Ist die Angst, dass sich giftige Spinnenarten bei uns ausbreiten, unbegründet? Stichwort: Nosferatu-Aufregung ...
Diese Spinne hat eben dieses pfiffige Muster. Aber die Hysterie war völlig unbegründet. Es gibt eingeschleppte Spinnen. Die kommen aber über Transportwege und nicht durch den Klimawandel. Nosferatu-Spinnen sieht man im oder am Haus, weil sie die Wärme suchen. Im Wald wäre es für sie noch zu kalt. Über Waren, etwa Bananen, kommen durchaus auch mal sehr giftige Spinnen zu uns. Die sind aber meist vom langen Transport völlig fertig und haben im Freien sowie keine Überlebenschance. Bei uns in Europa gibt es nur im richtig warmen Süden mit der Schwarzen Witwe, einer richtig schönen Spinne übrigens, ein Exemplar, deren Biss gefährlich, aber auch nur sehr selten lebensbedrohlich sein kann. Dass die aber bei uns einwandert, ist quasi ausgeschlossen. Dazu sind die Wetterunterschiede viel zu groß.
Was ist mit heimischen Arten? Ist da eine dabei, bei der Sie zu Vorsicht raten?
Grundsätzlich: Fast alle Spinnen haben Gift, um mit ihren Klauen ihre Beute überwältigen zu können. Um Menschen beißen zu können, müssen die Klauen die Haut durchdringen. Dazu müssen die Tiere entsprechend groß sein. Das kann bei unseren Arten etwa bei der Dornfingerspinne der Fall sein. Aber Sorgen muss man sich wirklich nicht machen. Bei einer Dornfingerspinne ist ein Biss mit einem Wespenstich vergleichbar. Übrigens: Selbst große Vogelspinnen, die gerne in Shows präsentiert werden, sind meist harmlos, auch mit Blick auf ihr Gift. Lediglich ihre Haare können einen Juckreiz auslösen, Sie beeindrucken lediglich durch ihre Größe. Bei Spinnen gilt generell: Sie greifen uns Menschen nicht an, sie wehren sich höchstens, wenn wir sie bedrängen – etwa beim Draufsetzen oder ungewollten Zupacken.
Trotz Ihrer Erklärungen: In der Wohnung oder im Schlafzimmer will man eine Spinne vielleicht nicht unbedingt haben. Was kann ich tun?
Einfach raussetzen. Das geht einfach mit einem Glas und einen Blatt Papier. Man kann auch spezielle Schnappis kaufen, um die Tiere zu fangen und rauszusetzen. Aufsaugen würde ich Spinnen nicht, das überleben sie nicht. Oder man duldet sie einfach bei sich daheim. Denn sie fangen einiges, was wir nicht haben wollen – etwa Mücken und Fruchtfliegen. Spinnen sind sehr hilfreich.
Bei der Pollichia haben Sie ja nun den Arbeitskreis ins Leben gerufen. Warum?
Zum einen, um Spinnen der Pfalz Aufmerksamkeit zu ermöglichen. Wir wollen, wissenschaftlich fundiert, Informationen über die Arten bei uns zusammentragen und das über die Pollichia-Homepage und den sozialen Medien mit der Öffentlichkeit teilen. Ich halte das Thema für sehr wichtig, denn jeder kennt zwar Spinnen, kaum jemand weiß wirklich etwas über sie.
Was sind denn die Pläne mit dem Arbeitskreis?
Neben dem Thema Information die Bestandserfassung. Wir wollen uns mit den Lebensräumen der Spinnen in der Region befassen. Dazu zählt auch die Frage, wie sich die Gartengestaltung auf Spinnenpopulationen auswirkt. In Steingärten leben vielleicht andere Arten als in naturnahen Anlagen. Generell würde es mich freuen, wenn Menschen auch mal schauen, was da krabbelt. Wir müssen mehr lernen über die Lebensräume und die Verbreitung von Spinnen.
Zum Schluss noch Hand aufs Herz: Gibt es eine Spinne, bei der auch Sie sagen: Lieber vorsichtig sein?
Nein, denn Spinnen greifen nie an. Vieles beruht auf Missverständnissen. Wenn ich etwa versehentlich das Netz einer Hauswinkelspinne zerstöre, läuft sie in den nächsten Schatten. Dieser Schatten kann aber ich sein, weil ich da stehe. Manche denken, die Spinne rennt auf sie zu und will angreifen. Das ist aber nicht so, Spinnen planen nie Angriffe auf Menschen. Sie wehren sich nur, wenn sie in die Ecke getrieben werden.
Zur Person
Wolfgang Braunstein ist 64 Jahre alt und wohnt in Neustadt-Mußbach. Er hat Biologie studiert und sich schon in den 1980er-/1990er-Jahren mit Spinnen in der Region beschäftigt. Vor seinem Ruhestand war er bis zum Sommer 2022 Leiter einer Grundschule in Speyer. Er koordiniert den neuen Pollichia-Arbeitskreis.
Info
Der Arbeitskreis Spinnen beim Naturschutzverein Pollichia wurde im September in Bad Dürkheim von zehn Teilnehmern gegründet. Das nächste Treffen ist am 29. November um 19.30 Uhr im Haus der Artenvielfalt in Neustadt. Beim Arbeitskreis sind alle Neugierigen willkommen. Weitere Informationen: www.pollichia.de und per E-Mail an spinnen@pollichia.de.