Speyer Milder Winter treibt seltsame Blüten
Amseln, die kurz vor Weihnachten singen. Rosmarin, der die eigentlich „kalte Jahreszeit“ über blüht. Zier-Quitten, die schon zu Jahresbeginn erste Blüten tragen. Nur einige der außergewöhnlichen Beobachtungen in einem der bisher „wärmsten“ Winter. Über die Folgen für Natur und Mensch haben wir Fachleute befragt.
Meteorologisch ist es seit dem 1. März aus mit ihm, kalendarisch (astronomisch) ereilt ihn dieses Schicksal am 20. März und doch hält er derzeit angesichts relativ niedriger Temperaturen sein Zepter fest in der Hand: der Winter 2015/16. Das Aufbäumen kurz vor dem Ende lässt einen fast vergessen, dass sich die „kalte Jahreszeit“ überwiegend von ihrer milden Seite gezeigt hat. Wer befürchtet, dass es im Frühjahr und Sommer deshalb viele Schnaken geben wird, muss abwarten, welche Temperaturen dann herrschen und wie viel Wasser es in den Brutgebieten gibt. Denn von beiden Faktoren hängt die Vermehrung der Stechmücken vor allem ab, wie Insektenfachmann Erich Bettag aus Dudenhofen weiß. „Der milde Winter spielt für die Schnaken keine Rolle. Es überwintern ja nicht die erwachsenen Mücken, sondern nur die Eier. Und die vertragen milde Temperaturen genauso gut wie strengen Frost“, sagt er. Für viele andere Insektenarten sei der zu Ende gehende Winter mit seinen wenigen Frostnächten und -tagen allerdings „sehr positiv“, erklärt Bettag. „Wir können eine Menge neuer Arten beobachten, die aus südlichen Ländern eingewandert sind, etwa bei Bienen und Wespen“, teilt der 79-Jährige mit. Erstere hätten, wie die heimischen Honigbienen, an milden Wintertagen ausfliegen und sogar schon Pollen und Nektar sammeln können. Von Vorteil seien die überwiegend milden Temperaturen von Dezember bis Februar für viele Kultur- und Wildpflanzen, informiert Peter Keller, Vorsitzender der Gesellschaft für Naturschutz und Ornithologie Rheinland-Pfalz (Gnor). „In meinem Garten in Landau hat ein großer Rosmarinstrauch den ganzen Winter geblüht. Damit geht er in bester Verfassung ins Frühjahr und kann dann gleich kräftig wachsen“, sagt er. In Jahren mit mehreren Tagen oder Wochen Dauerfrost seien solche mediterranen Pflanzen, unter anderen Salbei, oftmals geschädigt worden und sogar eingegangen. RHEINPFALZ-Leser Siegfried Gerber (Speyer) hat in der Stadt bereits Anfang Januar eine blühende „Zier-Quitte“ entdeckt, zudem Ende Dezember ein Löwenmäulchen in voller Pracht und Anfang Februar einen „voll erblühten“ Rosmarinstrauch. Alle drei zählen zu den Nahrungspflanzen für Bienen (Rosmarin, Zier-Quitte) und Hummeln (Löwenmäulchen). Die „Nützlinge“ bestäuben im Frühjahr auch wieder Kulturpflanzen wie Apfelbäume sowie Beerensträucher und erhöhen damit die Erntemengen. „Der Rosmarin hat vielerorts durchgeblüht“, berichtet Eva Morgenstern von der Gartenakademie des Dienstleistungszentrums Ländlicher Raum in Neustadt. Außerdem hätten Hasel- und Mandelblüte diesmal besonders früh begonnen, nämlich bereits im Januar. Morgenstern empfiehlt Gärtnern und Landwirten, sich bei Aussaaten und Pflanzungen nach dem „Phänologischen Kalender“ zu richten, der auf den Internetseiten der Gartenakademie zu finden ist. Dieser Kalender teile das Jahr anhand von Beobachtungen von Naturphänomenen in verschiedene Phasen ein und gehe gerade nicht von feststehenden Terminen aus. „Gegenwärtig befinden wir uns im ,Erstfrühling„“, sagt die Fachfrau – zwei bis drei Wochen früher als im langjährigen Durchschnitt. Gekennzeichnet sei er unter anderem durch die Blüte der Forsythie und die Blattbildung der Stachelbeere. Von „Vollfrühling“ ist laut Morgenstern die Rede, wenn die Apfelblüte beginnt und erste Blätter an der Stieleiche erscheinen. Auch die Vogelwelt hatte in den vergangenen Monaten manche Überraschung zu bieten. So hörte RHEINPFALZ-Leserin Hilde Dietrich (Speyer) am Morgen des 23. Dezember Amseln singen „wie verrückt“. Nach Beobachtungen von Gnor-Chef Keller hat sich die 2011/12 durch das Usutu-Virus stark dezimierte Vogelart wieder erholt. „Alle Reviere sind wieder besetzt.“ Auf den Baggerseen und den Althrein-Armen stellte Keller bei Zählungen fest, dass insgesamt „weniger Wintergäste, vor allem aus dem hohen Norden“, gekommen waren. Ein Grund dafür sei, dass die Gewässer im Bereich von Nord- und Ostsee überwiegend eisfrei blieben. Dafür haben seinen Beobachtungen nach viele Wildpflanzen – Blumen und Kräuter – in diesem Winter beinahe ständig geblüht.