Speyer „Mich bereichern alle fremden Dinge“
Das Gefühl, fremd zu sein, und die Begegnung mit dem Fremden sind Themen, die der bekannte Schauspieler André Eisermann bei seiner Lesung unter dem Titel „Fremd sein!“ aufgreifen wird. Er kommt zum Kulturbeutel-Festival Speyer am Samstag in die Heiliggeistkirche.
Es sind Menschen, Geschichten, Musik und Kulturen, die wir vorher kaum kannten. Ein Ort, an dem ich nichts und niemanden kenne. Gefühle können fremd sein. Aber ist es nicht so, dass aus fremden Dingen irgendwann Vertrautes, ja sogar Teil von uns selbst werden kann? Entfremdung ist das Gegenteil. Es bedeutet, dass man sich fremd wird. Rainer Maria Rilke hat einen sehr schönen Text dazu geschrieben. Der Pianist Jakob Vinje, mit dem ich auftreten werde, hat ihn vertont, ich werde ihn interpretieren. Können Sie ein konkretes Beispiel nennen, welche „fremden Dinge“ uns bereichern könnten? Mich bereichern alle „fremden Dinge“, die ich noch nicht kenne. Und wenn ich eine Erfahrung nicht unbedingt benötige, wie zum Beispiel Bungee-Springen, dann lass ich die Finger davon. Aber grundsätzlich bin ich für alles Neue offen. Wer hat Ihrer Meinung nach Angst vor dem Fremden? Sehr viele Menschen. Aber das ist normal! Waren wir doch mal Höhlenbewohner und sind in Stämmen organisiert durch die Wälder gezogen. Die Nahrungsmittel waren zu knapp, um für alle zu reichen. Da war es von Vorteil, sich zusammenzurotten, den eigenen Stamm zu verteidigen und andere zu erschlagen. Mit dieser überflüssigen Angst vor Fremden – die Angstforscher nennen es „Xenophobie“ –, mit dieser alten Abwehrhaltung gegenüber dem Fremden werden wir geboren. Normalerweise bemerken wir sie gar nicht, aber sie kann reaktiviert werden. Haben Sie keine Angst? Ja, aber nicht vor dem Fremden. Sondern vor dem, was da gerade reaktiviert und für politische Zwecke instrumentalisiert wird. Ich habe gelesen, dass sich die Theater in Deutschland, laut Ulrich Khuon, dem Präsidenten des Deutschen Bühnenvereins, wieder Angriffen von Seiten rechter Gruppierungen ausgesetzt sehen. Das Hauptmittel, so heißt es, sind im Moment Anfragen und Anträge in den Gemeinderäten, und zwar dahingehend, dass man Theatern finanzielle Förderungen streiche, „wenn sie sich nicht so verhalten, wie das von der AfD gewünscht“ sei. „Das heißt eine ausschließlich national, nationalistische Kultur zu vertreten und auf der Bühne abzubilden“. Wie werden Sie diese, Ihrer Meinung nach neofaschistischen Tendenzen in Ihrer musikalischen Lesung aufgreifen? Wir werden Erich Kästners „Marschliedchen“ aus dem Jahr 1932 interpretieren. Seine Bücher wurden nämlich bei der Bücherverbrennung am 10. Mai 1933 von Uniformierten der NS-Studentenschaft ins Feuer geworfen, weil die Nazis seine Werke „missliebige, zersetzend undeutsche Literatur“ nannten.“ Welche anderen Texte werden Sie noch lesen? Nicht nur von Rainer Maria Rilke oder Erich Kästner. Wir konfrontieren unser Publikum auch mit Heinrich Böll und Paul Celan. Darüber hinaus gibt es Karl Valentin und Liesel Karlstadt, Rafik Schami, Franz Schubert und Udo Jürgens zu hören. Es gibt auch Musik. Welche? Wir möchten uns dem Thema „Fremd sein“ von verschiedenen Seiten nähern, und der Musik kommt dabei die Rolle des emotionalen Trägers zu. Folglich dürfen Sie sich das Programm nicht wie eine traditionelle Lesung oder ein klassisches Konzert vorstellen. Gleich dem Theater und Film unterstützt, transportiert, kommentiert, hinterfragt die Musik das gesprochenen Wort. Wir werden Passagen aus klassischen Liedern, Schlagern, Swing-Klassikern und eigene Kompositionen von Jakob Vinje verwenden. Woher kennen Sie und Jakob Vinje sich? Wir haben uns 1997 in Hamburg kennengelernt. Ich erhielt eine Postkarte von ihm. auf der geschrieben stand, dass er gerne einen Chanson-Abend mit mir realisieren würde. Daraus entstand die „Hommage an das fahrende Volk“ unsere erste Bühnenshow, die wir gemeinsam mit dem Hamburger Schmidt Tivoli Theater realisierten. Durch unsere „Spoken word performance“ zu Goethes „Die Leiden des jungen Werther“, mit der wir in 20 Jahren über 600 Mal weltweit aufgetreten sind, sind wir ein eingespieltes Team. Und diesmal tritt ein ganzer Chor auf? Ja, die Damen und Herren des „Wormser Kammerensemble“ werden uns begleiten und unter anderem einige klassische Stücke singen.
Termin
Samstag, 30. März, 20 Uhr, Heiliggeistkirche, Johannesstraße, Speyer. Karten gibt es bei der Tourist-Info Speyer, Maximilianstraße 13; im Spei’rer Buchladen, Korngasse 17; bei Ars Ludi, Gilgenstraße 23; HandFairlesen, Schustergasse 4; Springers Kaffeemanufaktur, Korngasse 28; Chaoskeller, Am Jahnplatz 6, Haßloch und in allen Reservix-Stellen.