Speyer RHEINPFALZ Plus Artikel Martins Woche: Wenn Hobby-Detektive auf die Spürnase fallen

blöd

Vandalismus hat dazu geführt, dass das Bürgerbüro in der Innenstadt zwei Tage zu war. Das Internet wusste sofort, wer der Übeltäter ist. Die Realität sieht jedoch anders aus.

Der Feuerlöscher ist eine wunderbare Erfindung. Es dürfte kaum zu beziffern sein, wie viele Menschenleben diese rote Röhre schon gerettet hat. Aber kein Ding ist zu segensreich, um nicht doch für groben Unfug zweckentfremdet, um nicht zu sagen missbraucht zu werden. Zum Schaden häufig der Allgemeinheit. So geschehen vorige Woche in Speyer. Da hatte irgendwer in der Nacht auf Donnerstag im Vorraum des Bürgerbüros in der Maximilianstraße – dort, wo die Geldautomaten stehen –, eine pulverige Substanz unbekannter Herkunft verstreut. Genauer: großflächig ausgebracht.

Mehr wusste man zunächst nicht, daher helle Aufregung am Morgen. Feuerwehr und Polizei rückten an, das große Besteck. Über Stunden herrschte Ausnahmezustand auf Speyers Vorzeigemeile. Bis sich herausstellte, dass kein Gefahrstoff, sondern der unbedenkliche Inhalt eines Pulverfeuerlöschers in die Freiheit entlassen worden war – wenn auch grundlos und auf sehr unsachgemäße Weise. Der Ärger war immens, der Reinigungsaufwand ebenso. Nun ist seit Montag dieser Woche der besagte Vorraum nur noch zu den regulären Öffnungszeiten des Bürgerbüros zugänglich. Wer zuvor oder danach an die Geldautomaten will, hat Pech gehabt. Zerstörungswut – Tür zu – Problem beseitigt – fertig. Damit könnte man es bewenden lassen.

Kann man aber nicht. Denn aufschlussreich ist, was unmittelbar danach geschah, nachdem der Vorfall öffentlich wurde. Fast augenblicklich verstiegen sich in sozialen Medien scharfsinnig kombinierende Sherlock-Holmes-Verschnitte und Miss-Marple-Imitate zu allerlei Mutmaßungen und Verdächtigungen über mögliche Täter. Die Hobby-Detektive kamen dabei meist zu dem untrüglichen Schluss, dass es sich bei dem Radaubruder um einen von Testosteron triefenden Jungbullen handeln musste, vorwiegend migrantischer Herkunft.

Wer soll es sonst gewesen sein?

Es ist zwar allgemein bekannt, dass auch urdeutsche Bio-Kartoffeln der Marke Alman aus der Art schlagen können. Besonders in einem frühen Stadium ihrer Entwicklung, in welcher sich der Gebrauch von Hirnschmalz umgekehrt proportional zum Einsatz von Muskelmasse verhält, zumeist zum Nachteil des Denkvermögens. (Dass der Begriff „Vandalismus“ auf das angeblich wüste Treiben eines germanischen Volksstamms zurückgeht, sei hier nur am Rande vermerkt.) Jedenfalls war das Urteil für viele Kommentatoren schon gefällt, bevor die Ermittler überhaupt mit der Spurenauswertung begonnen hatten: Urheber allen Übels konnte nur ein Chabo mit einem wie auch immer gearteten fremdländischen Hintergrund sein. Wer sonst sollte so demonstrativ auf die Normen gutbürgerlichen Zusammenlebens pfeifen?

Nur hält sich die Realität bisweilen nicht ans Drehbuch, auch wenn es noch so überzeugend zusammengeraunt ist. Die professionellen Kriminalisten kamen zu einem anderen Ergebnis als die Chatroom-Columbos und Online-Odenthals. Sie identifizierten auf Video-Aufnahmen einen 75-Jährigen deutscher Provenienz. Der hat laut Polizei die Vernebelungsaktion auch gestanden, gegen ihn wird wegen Sachbeschädigung ermittelt. Was ihn bewogen hat zu seinem Tun, ist nach Angaben der Gesetzeshüter nach wie vor unklar. Ob er sich in einer psychischen Ausnahmesituation befand, ob er mit der Technik der Geldautomaten nicht klarkam, ob ihm die Innenausstattung des Raums nicht gefiel oder ob er mit dem Pulverschnee vorzeitig eine weiße Weihnacht einleiten wollte – man weiß es nicht.

Wut und Vorurteil sind schlechte Ermittler

Vielsagend war jedenfalls die Reaktion auf den Kanälen, auf denen vorher so genüsslich wie falsch spekuliert worden war: Stille. Kein Schimpfen über rüstige Randale-Rentner, kein Unmut über betagte Rowdys, die das Stadtbild unsicher machen. War es beschämtes Schweigen? Reumütige Ruhe? Oder einfach nur Enttäuschung darüber, dass die eigenen Erwartungen nicht erfüllt worden sind? Es gab auch kein Wort des Bedauerns ob der eigenen Schnellschüsse.

Das passt leider ins Bild einer wachsenden Verrohung einer Gesellschaft mit kürzer werdender Zündschnur, das nicht nur Sozialwissenschaftler zeichnen. Seit einigen Wochen ist auch das städtische Sozialamt nur noch mit Termin zugänglich. Nach Angaben der Stadt wurde diese Bestimmung eingeführt, um die Mitarbeiter vor häufiger werdenden Übergriffen jeglicher Art zu schützen. Schon länger beklagen nicht nur kommunale Bedienstete, sondern auch Angehörige der Rettungsorganisationen oder Repräsentanten des Staates wie Lehrer und Polizisten, dass ihnen seitens aller möglichen gesellschaftlichen Gruppen ein zunehmend rauer werdender Wind entgegenschlägt.

Die Freundlichkeit, der Respekt und die Rücksichtnahme haben im Land der Dichter und Denker offenbar merklich nachgelassen. Der auf die eigenen Bedürfnisse fixierte Wutbürger schafft sich Raum. Das lässt sich sicher nicht von heute auf morgen wieder geradebiegen. Ein Anfang aber wäre gemacht, wenn beim nächsten unliebsamen Vorfall nicht gleich wieder anstandslos drauflosgewütet würde.

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