Meinung RHEINPFALZ Plus Artikel Martins Woche: Wenn die Zeugnisnoten plötzlich im Internet stehen

datenklau

Die Speyerer Schulen wurden zum Ziel eines Hackerangriffs. Jetzt sind persönliche Daten von Schülern und Lehrern im Netz zu finden. Ein Zeugnis erschreckender Sorglosigkeit.

Torben-Dakota ist ein Rabauke. Einer, der den Schulfrieden nachhaltig stört, was sich an den vielen Einträgen ins Klassenbuch ablesen lässt. Ein Schüler mit bescheidenen Noten, den das Mainzer Bildungsministerium vermutlich beschönigend als „Herausforderung“ bezeichnen würde. Einer, der aufgrund seines Betragens mehrfach am Schulverweis vorbeischrammte. Okay, es gibt eine ADHS-Diagnose, und die Schulsozialarbeit steckt ebenso wie die Erziehungsberatung auch irgendwie mit drin. Außerdem gilt das soziale Umfeld des Mittelstuflers als „schwierig“.

Lehrkraft Isolde S. hingegen ist gesundheitlich offenbar schwer angeschlagen, ihre Diagnosen füllen die Personalakte. Auch erscheint die Pädagogin ihren Vorgesetzten, sofern sie mal anwesend ist, überschaubar motiviert. Die Beurteilungen ihres Unterrichts sind entsprechend zurückhaltend uneuphorisch. Ihre Schüler pflegt sie demnach zumeist mit sportlichen Lerninhalten wie Extreme-Handy-Daddling und Nasenbohring für Fortgeschrittene zu füttern. Mehrfach haben sich Schulgremien mit der Personalie beschäftigt.

Übertrieben? Gewiss. Erfunden? Ebenso. Denn es gibt weder die Lehrerin Isolde S. noch den Schüler Torben-Dakota. Doch Geschichten ähnlich der geschilderten spielen sich an Schulen ab, auch im beschaulichen Bildungsstandort Speyer mit seinen rund 7000 Schülern. Und sie werden, wie hierzulande üblich, säuberlich dokumentiert und abgelegt, als Papier in Ordnern und in Form von Daten auf Festplatten.

Persönliche Daten im Netz

Mehr als unglücklich ist es dann, wenn solche Informationen in falsche Hände gelangen – und am Ende sogar frei einsehbar im Internet stehen. Für die Betroffenen eine Horrorvorstellung, die jedoch traurige Realität geworden ist, als Mitte Januar 2025 Hacker jede Menge auch persönlicher Daten aus den Netzwerken Vorderpfälzer Schulen saugten. Die Rede ist von je nach Quelle 1,7 bis 2,5 Terabyte, die auch von Speyerer Schul-Servern an dunkle Orte kopiert wurden – und die offenbar schon vor einigen Wochen im Darknet veröffentlicht worden sind, frei zugänglich für jeden, der der Abgründe des Netzes kundig ist.

Kein Wunder, dass nicht nur Eltern alarmiert sind, dass mit diesen höchst persönlichen Daten Schindluder getrieben wird. Nicht auszudenken, wenn sich Torben-Dakota, nachdem er endlich die Kurve gekriegt hat, sich irgendwann, sagen wir, als Versicherungsfuzzi bewirbt und sein potenzieller Arbeitgeber die Vergangenheit des jungen Mannes im Internet durchleuchten lässt. Es soll in der Domstadt dieser Tage sogar ein Kamerateam unterwegs gewesen sein, das Eltern dreist zu Hause aufsuchte und sie mit Infos konfrontierte, die nun angeblich über ihren Nachwuchs im Internet zu finden sind.

Sorgloser Umgang mit Daten

Der Fall veranschaulicht, wie sorglos mitunter mit intimen Daten umgegangen wird. Das betrifft nicht allein die Speicherwut von Behörden und anderen Institutionen. Auch manche Privatleute geben bisweilen geradezu verschwenderisch Infos über sich im Netz preis. Oder zieren sich, diese zumindest gut zu sichern. Da nehme ich mich nicht aus. Beispiel Passwortänderung: Da bin ich teils aus Bequemlichkeit, teils aus mangelnder Kreativität notorisch im Niederfrequenzbereich unterwegs. Eigentlich müsste ich solche Zugangsdaten wechseln wie täglich die Unterwäsche. Computer-Nerds sagt man nach, dass es bei ihnen genau umgekehrt ist. Ich sollte mir eine Scheibe davon abschneiden, rein in Bezug auf das Online-Verhalten, natürlich.

Erschreckend ist jedenfalls, wie schlecht sensible Daten häufig geschützt sind. Weil man der Sicherung der Schulsysteme offenkundig nicht genügend Bedeutung beimaß, steht man nun vor einem datenschutzrechtlichen Scherbenhaufen. Wie so oft geht es ums liebe Geld. Wie zu vernehmen ist, gesteht das Land dem Schulträger im Jahr rund elf Euro pro Schüler an Finanzmitteln zu, um die Schulen an der digitalen Welt teilhaben zu lassen.

Bei diesem Betrag lachen sich IT-Experten kaputt, weil damit ein wirksamer Online-Schutz nicht darstellbar ist. Benötigt würden vielmehr 162 Euro pro Schüler und Jahr, heißt es aus dem Rathaus. Für die Differenz müsste die Stadt aufkommen, die sich fragen lassen muss, ob in Sachen IT-Sicherheit die Haushaltsprioritäten bisher richtig gesetzt waren. Wie heißt es so schön: Hinterher ist man immer schlauer. Ich habe aus der Misere gelernt und ändere jetzt meine Passwörter. „1234567“, „start“ und „test“ waren ohnehin langweilig. Ich nehme jetzt „Dibbelschisser2026!“ und „SchorlePrinz73%“.

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