Interview
Martin Koch über den Industriehof: „Sind verliebt in dieses Areal“
1897 – vor 125 Jahren – hat Franz Kirrmeier die Celluloidfabfrik in Speyer gegründet. Inzwischen gehört das Gelände Ihnen, also der Quartiersmanufaktur GmbH. Haben Sie schon darauf angestoßen?
Wir sind mit 75 Prozent an der Industriehof Speyer GmbH beteiligt, die übrigen Anteile hält unser Partner, die Familie Johann, mit der wir sehr gut zusammenarbeiten. Sicherlich werden wir noch 2022 die Gelegenheit finden, der besonderen Historie des I-Hofs zu gedenken. Wir laden Sie gerne ein, mit uns im I-Hof anzustoßen. Wonach steht Ihnen der Sinn? Gin in der Box45 Ginbar, oder Bier bei der Black Stork Braumanufaktur, Grauburgunder beim Schmidts Deli oder ein Aperol im Industriehof-Garten?
Das würde ich gerne alles nehmen, aber nicht alles auf einmal, bitte. Feiern Sie das Gründungsjubiläum überhaupt öffentlich mit den Bürgern?
Wir müssen in diesem Jahr den Kanal und die Versorgungsleitungen im ersten Bauabschnitt erneuern. Das erfordert sehr umfängliche Tiefbaumaßnahmen mit Verkehrseinschränkungen. Wir wollen die Bürger zum traditionellen Tag der offenen Tore – und zum dann 126-jährigem Bestehen der Celluloidfabrik – daher im kommenden Jahr einladen.
Warum waren Sie immer so scharf auf das Industriehof-Gelände?
Was reizt Sie daran?Wir lieben Quartiere mit einem morbiden und speziellen Charme und gehen sehr gerne mit bestehender Bausubstanz um. Das ist unsere Passion. Normalerweise handelt es sich bei unseren Entwicklungsvorhaben um Leerstände. Diesen brachliegenden Arealen müssen wir über viele Jahre neues Leben wieder einhauchen. Der Industriehof hat nicht nur durch seine Bauwerke ein außergewöhnliches Ambiente, sondern weist dieses vielfältige Leben schon auf. Sie merken, wir sind verliebt in dieses Areal.
War – Stand heute – die Mühe, das Warten, die Debatten mit Stadt und Öffentlichkeit, war es das Geld wert?
Diese Frage kann ich Ihnen leider erst in zehn oder 15 Jahren beantworten. Der Sanierungsstau ist viel höher als von uns erwartet. Jeder Cent, den wir an Miete einnehmen, wird reinvestiert und noch deutlich darüber hinaus. Seit nunmehr vier Jahren investieren wir jährlich Millionenbeträge in den Erhalt der Bauwerke und die Erneuerung der Infrastruktur. Das wird sich so schnell nicht ändern.
Was haben Sie bisher samt Kauf investiert?
Deutlich mehr als wir ursprünglich planten. Inzwischen ist der Industriehof ein Denkmal, Sie müssen jedes Vorhaben, jede Änderung, Umbau genehmigen lassen und der Denkmalschutz redet auch immer mit. Wie nervig ist das? Das mehrere Jahre dauernde Verfahren der denkmalrechtlichen Unterschutzstellung war ausgesprochen nervenaufreibend und kostspielig. Der Austausch der Argumente war auch nicht immer einfach. Der große Vorteil des Verfahrens und der damit einhergehenden Untersuchungen war, dass wir nun die historischen Hintergründe der einzelnen Gebäude sehr gut kennen. Inzwischen verstehen wir, worauf der Denkmalschutz Wert legt und dieser wiederum versteht, welche Aspekte für uns wichtig sind. Durch den regelmäßigen Austausch ist eine gute Gesprächsatmosphäre entstanden. Auf der Basis lässt sich nun aufbauen.
Wie beschreiben Sie die Verhandlungsatmosphäre zwischen Ihnen und der Stadt?
Der Start vor vier Jahren war mehr als holprig. Die Stadtpolitik und die Stadtverwaltung waren im Wahlkampfmodus und wehrten damals jeden Gesprächswunsch von uns ab. Es gab somit auch keinen Austausch über unsere Intentionen. Das war für uns eine ganz neue Erfahrung und die muss ich auch nicht noch einmal machen. Das ist heute ganz anders. Wir durften uns insbesondere in den letzten beiden Jahren mit den Fraktionen austauschen und deren Wünsche und Interessen kennenlernen. Und auch die Stadtverwaltung ist an einer sinnvollen und verträglichen Weiterentwicklung des I-Hofs sehr interessiert, so dass wir heute einen konstruktiven Austausch pflegen. Selbstverständlich sind wir nicht immer einer Meinung, aber die Diskussionen werden auf Augenhöhe und fair geführt.
Dürfen Sie im Areal überhaupt was abreißen oder umbauen, wie es eine moderne Nutzung erfordert?
Zunächst möchte ich feststellen, dass moderne Nutzungen in alten Gebäuden sehr gut funktionieren können und besonders reizvoll sind. Das rechnet sich aber nicht immer. Wir brauchen auch die Neubauten, um die Sanierungsmaßnahmen der Altbausubstanz querzusubventionieren. Dafür werden auch einzelne Hallen und Schuppen abgebrochen werden müssen. Mit dem Denkmalschutz besteht Einigkeit darüber, dass nicht jedes bestehende Bauwerk erhaltenswert ist.
Welche Projekte werden aktuell umgesetzt?
Das Dach der Halle 45 war einsturzgefährdet. Die Sanierung der gesamten Bausubstanz der Halle erfolgt abschnittsweise und soll noch dieses Jahr abgeschlossen werden. Die kleine Villa, das Gebäude 43, wird gerade saniert und technisch runderneuert. Über 80 Elektrounterverteilungen wurden überprüft und werden nun ertüchtigt. Mehrere Brandschutzmaßnahmen laufen noch. Der Tiefbau für die Kanalerneuerung startet im März. Für die leerstehenden Hallen 2 und 19 laufen die Planungen für den Umbau, um noch dieses Jahr starten zu können, damit wir endlich weitere Flächen für Handwerker und andere Kreative anbieten können. In der Halle 1c sollen in Kürze Oldtimer ihr neues Zuhause finden. Für die brachliegende Halle 31 gibt es einen Interessenten aus dem Eventbereich, für den wir gerade Pläne entwerfen. Für etliche Dächer und Dachreiter sind Maßnahmen geplant. Reicht das, ich kann auch noch weitere Projekte auflisten?
Danke, das reicht. Vielleicht können Sie noch sagen, wie viele Mieter und Nutzer es aktuell gibt?
Wir verwalten derzeit über 150 Mietverträge.
Haben Sie Gewerbenutzungen gekündigt, die nicht in Ihr Konzept passten?
Ja, durchaus. Wir wollen den I-Hof beleben und eine reine Lagernutzung, wie beispielsweise das Winterlager der Terrassenbestuhlung von Restaurants aus dem Stadtgebiet, stellt keine Aktivität dar. In Einzelfällen mussten auch Kündigungen ausgesprochen werden, weil etwa das Dach einsturzgefährdet war oder Brandschutzauflagen nicht erfüllt werden konnten. Das sind jedoch die absoluten Ausnahmen. In den meisten Fällen gelingt die Verlagerung auf der Fläche.
Gibt es Nachfrage und wonach?
Das ist für uns die erfreulichste Erfahrung bei der I-Hof-Entwicklung. Auch ohne klassische Werbemaßnahmen ist die Nachfrage ausgesprochen gut. Die Qualität und der Ideenreichtum der Gewerbetreibenden kennen keine Grenzen. Einfach nur genial. Beispiele: Klettern im Concept-Store, Yoga und Veggie, Lichtdesign, Galerie, spanischer Marketplace, Führungskräfteberatung, Event-Breakfast, Influencer-Showroom, Oldtimeraufbereitung et cetera. Und natürlich viele Nachfragen nach Wohnflächen und Gewerbeflächen für Handwerker.
Wer sind derzeit die Kritiker an Ihrer Art der Weiterentwicklung?
Die ehemaligen Mieter, die Lagerflächen für 2 Euro pro Quadratmeter bei uns angemietet und für 5 Euro pro Quadratmeter untervermietet haben.
Haben Sie das Projekt auch schon mal verflucht?
Nein, nicht leise geflucht, das wurde schon etwas lauter. Der Start in Speyer war für uns schon ausgesprochen schwierig. Umso schöner ist die aktuelle Aufbruchstimmung. Sowohl in der Politik, der Verwaltung, bei den Stadtwerken, bei den Mietern und den neuen Nachfragern. Und das verleiht Flügel. Wir haben momentan mehr Lust denn je auf den I-Hof.

