Wattenheim
Verwaistes Idyll: Pfälzer Waldlokal wird wieder Ausflugsziel (mit Bildergalerie)
Jens und Antje Menzel haben sich Großes vorgenommen. Der gebürtige Berliner, der in Hoffenheim aufwuchs, und die Pfälzerin aus Leimersheim wollen die idyllisch gelegene Hetschmühle an der K32 in Wattenheim wieder zum Leben erwecken. Das beliebte Ausflugslokal ist vor Längerem in einen Dornröschenschlaf gefallen. Alles war zugewuchert, als das Ehepaar begann, das Anwesen wieder bewohnbar zu machen. Zu dem Zeitpunkt war es dunkel und feucht in dem Haus, über dessen Eingang die Jahreszahl 1657 prangt. Grund waren die 14 Bäume im 900 Quadratmeter großen Garten und ein undichtes Dach.
Im August 2024 eingezogen
In Absprache mit der Forst-Revierleiterin Isabelle Behret und in Eigenleistung haben die Menzels, die Anfang August 2024 einzogen, dafür gesorgt, dass das Mauerwerk wieder durchtrocknen konnte. Neupflanzungen sind geplant. „Bei all unseren Arbeiten haben wir sehr viel Unterstützung aus dem Dorf erhalten“, betont Jens Menzel. Offensichtlich sind etliche Bürger noch mit der einstigen Waldgaststätte, die schon ab 1787 eine Weinschenke war, emotional so verbunden, dass sie gern mit anpacken.
Darüber ist der vierfache Vater sehr glücklich, zumal man sich ursprünglich mit einer weiteren Familie an das Projekt herangewagt hatte. Das ging allerdings aufgrund unterschiedlicher Vorstellungen schief. Gemeinsam mit Freiwilligen wurden unter anderem 2000 Meter Leitungen verlegt, Grünpflege vorgenommen, „an einem Samstag 29 Fenster ausgetauscht“. Und aus Helfern wurden Freunde. Es hat sich ein Fundus an Gerätschaften entwickelt, von dem alle Seiten profitieren. „Das macht uns unabhängig. Wir brauchen zum Beispiel keinen Gerüstbauer, weil wir Fahrzeuge mit Hubmast und Arbeitskorb haben“, so der Schreiner und Fachoberlehrer, der aktuell eine Grundschul-Förderklasse in Hockenheim leitet.
Anwesen ist nicht denkmalgeschützt
Zeit, in seinem neuen Domizil zu schuften, nimmt sich Menzel unermüdlich nach Feierabend, an den Wochenenden, an Feiertagen und in den Ferien. „Leider hat der Tag nur 24 Stunden“, meint er achselzuckend. In der Hetschmühle, die aus der um 1500 errichteten Schwemmwoogsmühle hervorgegangen ist und zu der circa 60.000 Quadratmeter Land gehören, ist auch nach zwei Jahren harter Arbeit noch jede Menge zu tun. Es fehlt ein Spielplatz, die Fassade ist unansehnlich und die Heizung braucht aktuell leider noch Öl statt „Material vom eigenen Grundstück“, sprich Holz. Es ist geplant, den 350 Quadratmeter großen Speicher zu dämmen und eine Photovoltaikanlage zu installieren. Ein Riesenthema ist der Brandschutz. „Zum Glück ist das Anwesen nicht denkmalgeschützt“, sagt Antje Menzel.
„Am Ende werden wir rund 1,2 Millionen Euro investiert haben“, verrät ihr Gatte. Mit dem Betrag komme man jedoch nur aus, wenn man weitestgehend auf Handwerker verzichtet, so der 47-Jährige, der bereits Erfahrungen durch die Kernsanierung eines Objektes in Neulußheim hat. Entstehen soll eine Begegnungsstätte. Es gibt zahlreiche Ideen, die vorbehaltlich der behördlichen Genehmigungen umgesetzt werden könnten. „Demnächst machen wir unseren Fischereischein. Dann ließe sich Angeln anbieten“, sagt Antje Menzel, die nach dem Start als Geschäftsführerin fungieren wird. In den beiden Weihern tummeln sich Barsche, Hechte, Karpfen, Rotschwänze und Welse. „Näheres findet sich bald auf unserer Website“, so die Ergotherapeutin.
Auch Camping soll ermöglicht werden
Vorgesehen ist es, Infotafeln zu Flora und Fauna aufzustellen – als Lehrpfad für Grundschüler. Koch-Events und Stammtische seien vorstellbar, Freiluftgottesdienste mit anschließendem Kaffee und Kuchen, Konzerte im Hof, Kanufahrten oder Kneippen. In fernerer Zukunft wollen die Menzels – selbst gern mit dem Wohnmobil unterwegs – Camping ermöglichen. Vor allem aber soll das Ausflugslokal wiederbelebt werden. „Immer wieder fragen uns Wanderer, ob sie bei uns etwas zu essen und zu trinken bekommen“, erzählt ihr Mann, dass die Hetschmühle weiterhin als Anlaufstelle in den Köpfen ist. Für die Schaffung von Gastronomie und Unterkünften haben die Menzels etwas mehr als 222.000 Euro kalkuliert. Dafür wurden über das Förderprogramm Leader 40 Prozent Zuschuss aus EU- und Landesmitteln genehmigt.
Es sind ein Aufenthaltsraum und fünf Gästezimmer geplant. Letztere können aufgrund der baulichen Gegebenheiten keine eigenen Nasszellen erhalten. „Es wird geschlechtergetrennte Gemeinschaftsduschen und -toiletten geben“, erläutert Jens Menzel die „praktikabelste Lösung“. Der Gastrobereich wird modernisiert und umgestaltet. 60 Sitzplätze werden innen und etwa 36 im Hof sein. Der Gemeinderat hat der Außenbestuhlung in seiner Mai-Sitzung zugestimmt. Geplant ist ein Bistro, in dem es leichte Speisen wie Flammkuchen und Baguette gibt. Schorle und Eis am Stiel sind selbstredend. Für Kooperationspartner, die Dampfnudeln oder Torten anbieten wollen, ist das Ehepaar offen. „Gern würden wir das Ganze zudem temporär um einen Imbisswagen ergänzen“, so Jens Menzel. Den Foodtruck wolle er selbst bauen. Im Haus wird eine vollständige Gastroküche eingerichtet, „sodass die Option besteht, irgendwann sogar ein richtiges Restaurant zu eröffnen“, erklärt er. In Abhängigkeit davon, wie das Lokal angenommen wird, sollen auch Arbeitsplätze für Festangestellte und Minijobber entstehen.
Woher die Hetschmühle ihren Namen hat
Wenn alles planmäßig läuft, werden Wanderer und Radler schon in diesem Jahr ihren kleinen Hunger und großen Durst an der Hetschmühle stillen können. Dabei werden die Gäste vor dem großen Fenster im südlich gelegenen Raum das Anfang der 1990er-Jahre restaurierte Mühlrad in Aktion sehen. Die Wasserkraftmaschine, die einen Durchmesser von sechs Metern hat und vom Rothbach angetrieben wird, soll später einmal Strom liefern. Es handelt sich um ein sehr effizientes oberschlächtiges Rad mit 57 Eichenholz-Kästen, in die von oben Wasser geleitet wird. Durch dessen Gewicht kommt es in Bewegung. Auf der Kreisbahn entleeren sich die hölzernen Gefäße. Das ständige Ausschütten des Wassers klingt wie Schluchzen und wird als „Hetschen“ bezeichnet. Ein unterschlächtiges Mühlrad hat dagegen flache Schaufeln und dreht sich durch die Strömung des Flusses.
