Speyer
Markerschütterndes Geschrei im Angelwald: So üben Elitesoldaten in Speyer
Sieben Soldaten kommen aus der Dunkelheit. Gewehre im Anschlag. Alle tragen Nachtsichtgeräte. Sie laufen in gleichmäßigen Abständen, leise und langsam. Bis es knallt. Heller Lichtschein am Ende des Weges. Dann markerschütterndes Geschrei – und das im Angelwald, zwischen Speyer und Otterstadt. Es handelt sich um eine Übung des Sanitätsspezialzugs im Kommando Spezialkräfte (KSK). „Eine Gruppe Soldaten ist auf eine Mine aufgelaufen. Es gibt mehrere Verletzte“, beschreibt die Bundeswehr die Lage. Es beginnt eine mehr als einstündige Übung für den Ernstfall in einem Krisengebiet. Der Auftrag: Erstversorgung von Verwundeten im Gefecht.
Das KSK ist der Hauptnutzer des Speyerer Wasserübungsplatzes Reffenthal, der auf fast 70 Hektar – halb Land, halb Wasser – ideale Bedingungen für solche Übungen bietet. Am KSK-Sitz in Calw wären sie nicht möglich. Für die Spezialeinheit werden keine Kosten und Mühen gescheut: Die beiden Opfer im Übungsszenario sind nicht irgendwelche Statisten. Es wurden Kriegsverwundete der britischen Armee gebucht, die sich heute über eine Agentur als Statisten etwa auch für Kriegsfilme anbieten. Einem der beiden Männer fehlt ein Arm, einem ein Bein. Das wird in der Übung berücksichtigt: Angenommen wird, dass sie in der Sprengfalle Amputationsverletzungen erlitten haben. Dabei soll es aber nicht geblieben sein. Es sind eigens Visagistinnen mit angereist, die noch mehr Verletzungen nachstellen. Der Beobachter von der RHEINPFALZ wird gewarnt: Er müsse beim Anblick gleich tapfer sein.
Ziel: Kühlen Kopf bewahren
„Sie können sehr gut schauspielern“, urteilt „Jojo“ über die Opfer im Angelwald. Er ist der Zugführer der KSK-Sanitäter und hat die Amputierten für die Übung bewusst ausgewählt, weil sein Spezialzug im Einsatz mit möglicherweise schrecklichen Bildern zurechtkommen und in heiklen Situationen kühlen Kopf bewahren müsse. „Körperlichkeit und Stressresilienz“ müssten die Soldaten mitbringen, so eine Bundeswehrärztin, die im Angelwald dabei ist. Die Uniformträger mit Arzt- und Notfallsanitäter-Ausbildung sind in Sekundenschnelle über die beiden Opfer gebeugt und versuchen, durch deren Schmerzensschreie hindurch Informationen über ihre Verletzungen zu erhalten.
„In einer ersten Phase ist es die wesentliche Herausforderung, starke Blutungen zu stillen und eine Sicherung der Atemwege zu gewährleisten“, erklärt das KSK den Auftrag. Danach werden die Männer geschultert und im Laufschritt aus der Gefahrenzone geborgen. Wieder knallt es – ein „Second Hit“. „Lage sichern, unter Eigenschutz nach vorne gehen“, erklärt Jojo den Ablauf. Etwas sicherer soll es an der Nato-Rampe im Angelwald sein. In Sichtweite des Altrheins und der Gebäude des Übungsplatzes auf der anderen Seite des Gewässers geht es dann medizinisch ans Eingemachte: Fast eine Dreiviertelstunde lang erfolgen am Boden Eingriffe, für die unter normalen Bedingungen der Schockraum einer Klinik angemessen wäre. Die Ersthelfer streifen zwar medizinische Handschuhe über, müssen allerdings komplett improvisieren.
Übung auf hohem Niveau
„Ein richtig schwerwiegendes Verletzungsmuster“, erklärt Oberstabsfeldwebel Carsten U. vom KSK. Übungen zum Umgang damit – auch in Speyer – seien nicht selten: „Wenn das nur alle paar Monate geübt würde, könnten die Jungs das Level, das sie haben, nicht halten“, betont er. „Sie sind die Besten und sie haben die beste Ausbildung“, sagt seine Kameradin anerkennend. Ein Kommandosoldat müsse jede Art der „Verbringung“ von Verletzten beherrschen, so Einsatzleiter Jojo: in der Luft, zu Land, zu Wasser und auch über Schnee. Das gelte für alle Klimazonen, weshalb nicht nur in Speyer geübt werde, sondern auch in der kanadischen Arktis. Beim KSK werde der Mensch „zu einem hochspezialisierten Profi und einem wichtigen Werkzeug auf strategischer Ebene“, betont der Oberstabsfeldwebel. Allein die zweijährige Basisausbildung koste pro Soldat Millionen. „Der Wille entscheidet“, lautet das Motto der Kommandosoldaten. Sie gehen laut Bundeswehr „tagtäglich über ihre Grenzen hinaus“.
Luftröhrenschnitt simuliert
An dem kühlen Abend im Angelwald sind die Opfer inzwischen medizinisch versorgt, soweit das möglich ist. Am Armstumpf sind Vorkehrungen getroffen, damit der Mann nicht verblutet. Wegen des Inhalationstraumas, das er von der Explosion davongetragen haben soll, wird ein Luftröhrenschnitt nachgestellt. Weil zudem sein rechter Lungenflügel kollabiert sei, hat der Verwundete eine Thoraxdrainage erhalten: erst eine Nadel, dann ein Schlauch kommt dafür in den Brustkorb. Die Spezialsanitäter zählen im Einsatz wieder und wieder auf, was sie schon alles gemacht haben. Sie teilen sich gegenseitig Dosierungen von Medikamenten mit. Jojo gibt Anweisungen und nickt. Sie haben an alles gedacht.
„Früher wäre jeder der Verwundeten auf dem Gefechtsfeld verstorben“, ordnet ein Beobachter ein. Wenn keine Maßnahmen wie in Speyer eingeleitet würden, wäre es binnen zwei Stunden um die verwundeten Soldaten geschehen. Hier haben die lebenserhaltenden und -stabilisierenden Maßnahmen gegriffen. Schlauchboote landen an, in die die Verletzten vorsichtig verfrachtet werden. Über den Altrhein geht es zu einer „höherwertigen Versorgung“, die hinter der Front oder gar in einer Klinik erfolgen könnte. „Es war eine adäquate und effiziente medizinische Versorgung“, lobt Jojo seine Soldaten. Kleinere Fehler würden aufgearbeitet, kündigt der Zugführer an. Berücksichtigt werden müsse dabei stets: Im Normalfall werden keine sieben Mediziner und Notfallsanitäter gemeinsam im Feindesland unterwegs sein wie im Übungsszenario, sondern allenfalls ein Experte unter anderen Soldaten.
Stichwort
Das Kommando Spezialkräfte (KSK) hat als Schwerpunktauftrag die Landes- und Bündnisverteidigung. Seine Angehörigen können dabei laut Bundeswehr „auch in der Tiefe des gegnerischen Raums zum Einsatz kommen“. Es umfasst neben den eigentlichen Kommandokräften eigene Führungs-, Sanitäts- und Fernmeldeeinheiten zur Unterstützung. Nach eigener Einschätzung verfügt es über „die beste und modernste Ausrüstung, die die Bundeswehr zu bieten hat“. Kommandeur ist Brigadegeneral Alexander Krone. Im Netz: www.ksk-besucherzentrum.de; Instagram: @das_kommando_spezialkraefte
