Speyer Kunst spiegelt alle Lebenswelten
Eher unfreiwillig ist Martina Straube zur Arbeit mit Kindern gekommen. Heute möchte sie das nicht mehr missen. Seit zwölf Jahren betreut die 51-jährige Speyererin im Hort „Das Fliegende Klassenzimmer“ („Flik“) Grundschüler und unternimmt mit ihnen spannende Kunst-Projekte. Dabei hatte sie nach ihrem Studium andere Pläne.
An der Universität Heidelberg studierte die heute 51-Jährige Kunstgeschichte, klassische Archäologie und Pädagogik, interessierte sich besonders für reformpädagogische Ansätze und ganzheitliche Bildung, die alle Sinne anspricht. Anschließend arbeitete sie als freie Mitarbeiterin im Historischen Museum, leitete Führungen und Workshops, wirkte an Katalogen mit, wollte eigentlich nur Erwachsenen die Ausstellungen nahebringen. Als das „Junge Museum“ Mitarbeiter für Kinderführungen suchte, stimmte sie zu – und es war um sie geschehen. „Es war für mich eine Offenbarung“, sagt Martina Straube heute mit strahlenden Augen und schwärmt: „Kinder sind viel interessierter als Erwachsene, stellen viel mehr Fragen, sind leichter zu motivieren, sind neugierig, offen und begeisterungsfähig.“ Sie entschied sich für eine museumspädagogische Ausbildung. Für die Abschlussarbeit wählte sie das Thema Hambacher Fest, entwickelte für die Stiftung Hambacher Schloss ein Konzept für Grundschüler. Sie ließ Kinder in Kostüme schlüpfen, den legendären Zug zum Hambacher Schloss nachstellen und Forderungen ausrufen, die sich auf die heutige Zeit beziehen. „Das kam gut an.“ Lob erntete sie sogar vom rheinland-pfälzischen Bildungsministerium. Anschließend arbeitete Straube fürs Hambacher Schloss weitere Angebote aus, etwa die Blindenführung oder szenische Führungen – für Kinder und Erwachsene. Sie wirkte an einigen museumspädagogischen Objekten mit, die in der aktuellen Ausstellung zu sehen sind, erstellte den Katalog für Kinder. Noch immer zieht sie dort hinauf, gerne kostümiert, wenn sie Führungen übernimmt. Ihren derzeitigen Job im „Flik“ hat sie den Kinderführungen im Historischen Museum zu verdanken: Der frühere Hortleiter Markus Holländer hatte Martina Straube dabei erlebt und angesprochen. Denn er suchte noch jemanden für die Bereiche Bildung und Kunst. Wie es der Zufall wollte, wurde kurz darauf eine Stelle frei, die Straube vor zwölf Jahren antrat. Seitdem ist die Kunst-AG jedes Schuljahr fest im Programm. In welches Thema sich die Kinder vertiefen, entscheiden sie quasi selbst. Es ergibt sich aus den Dingen, mit denen sie sich gerade beschäftigen. Über ein marodes Holzhäuschen im Schulhof kam die Kunst-AG zum Beispiel auf den Verpackungskünstler Christo. Nach seinem Vorbild packten sie das kleine Gebäude ein, bevor es abgerissen wurde. Die berühmte Beinahe-Berührung von Gott und Adam griffen sie auf und beschäftigten sich mit Leonardo da Vinci. Dabei durften die Kinder die Mona Lisa nachmalen und ihr eine neue Frisur verpassen. Sie stellten auch das Abendmahl für ein Foto nach. Die kleinen Künstler wandelten wie Leonardo auf Erfinderfüßen und bauten fantastische Maschinen. „Die mussten nicht funktionieren, bei Leonardo haben sie das auch nicht immer.“ In der Kunst-AG geht es spielerisch, aber konzentriert zu. „Die Aktionen sollen Spaß machen“, erklärt die Mutter von zwei erwachsenen Söhnen. In diesem Jahr hat sie mit den Kindern Wände im Kellerflur bemalt, der zu Speise- und Werkräumen führt. „Die Kinder haben sich beschwert, dass die Wände kahl sind und es aussieht wie im Krankenhaus“, berichtet sie vom Anstoß und lacht: „Das Thema Stillleben haben wir gleich mit behandelt.“ Denn für den Speiseraum entstanden Bilder mit Früchten, aber auch mit Pommes und Ketchup. Für die Wände im Flur fertigten 16 AG-Mitglieder zunächst eine Auswahl an Entwürfen. Das Bemalen von 120 Quadratmeter Fläche war das bislang größte Projekt, das kurz vor dem Ende steht. Entstanden sind wandfüllende Dschungel- und Unterwasserlandschaften, Speyerer Sehenswürdigkeiten mit riesigen Augen und eine Wiese mit Selbstporträts der kleinen Künstler. Der Schul-Förderverein finanzierte die Farbe. Es wird nicht das letzte Großprojekt gewesen sein. Die Arbeit mit Kindern und Kunst ist für Martina Straube eine Passion. Mit Hilfe der Kunst, meint sie, kann man sehr viel lernen. Denn: „Kunst spiegelt alle Lebenswelten.“ (yvw)