Kandidaten zur Bundestagswahl RHEINPFALZ Plus Artikel Hannah Heller: Grüne Wirtschaftspolitikerin gegen uralte Klischees

Radfahren und Lesen als Hobbys: Für viel mehr bleibe mit einer dreijährigen Tochter keine Zeit, sagt Hannah Heller.
Radfahren und Lesen als Hobbys: Für viel mehr bleibe mit einer dreijährigen Tochter keine Zeit, sagt Hannah Heller.

Manchmal staunt Hannah Heller über sich selbst. Zum Beispiel, wenn sie an das Jahr 2017 zurückdenkt: „Eben noch bei Partys der linksautonomen Szene in Frankfurt, dann zurück in die Heimatstadt, Hochzeit, Haus und Kind.“ Wenn sie 2021 in den Bundestag einzöge, wäre es kein Staunen mehr: Sehr zielstrebig geht die Grüne das Projekt Berufspolitikerin an.

„Ich habe ein großes Gerechtigkeitsempfinden und hohe Ansprüche an mich selbst und an die Gesellschaft.“ So erklärt Hannah Heller, was sie in die Politik geführt hat. Ungerechtigkeiten vor der eigenen Haustür hätten sie schon in der Kindheit bewegt, das mit Stipendium in Venezuela verbrachte elfte Schuljahr habe den Blick geschärft. „Da sind mir die Ungleichheiten nochmals deutlicher geworden.“ Der Blick in die leeren Supermarktregale im Land von Diktator Hugo Chavez habe sie letztlich auch zur Wirtschaftspolitikerin gemacht, sagt die heute 31-Jährige: Es seien zwar Maximalpreise für Grundnahrungsmittel festgelegt gewesen, aber die hätten sich für kein Unternehmen gerechnet.

Die junge Frau wollte wissen, wie es besser geht. Wie eine Wirtschaft funktionieren kann, die zur Armutsbekämpfung beiträgt und nicht die natürlichen Lebensgrundlagen zerstört. Sie zog unter ihrem Mädchennamen Hannah Jaberg in den Stadtrat ein, wo die Mitbegründerin der Grünen Jugend Speyer zusammen mit ihrem Vater Johannes in der Fraktion saß. Sie schrieb sich für ein Studium der Volkswirtschaftslehre in Bayreuth ein, sattelte Masterstudien in Frankfurt und Bernkastel-Kues drauf und promoviert seit zwei Jahren an der Universität Witten/Herdecke über „Narrative der sozial-ökologischen Transformation der Ernährungswirtschaft“.

Gemeinwohlökonomie zählt

Wenn jemand behauptet, die Grünen könnten keine Wirtschaft, kann Heller nur müde lächeln: „Das ist doch ein ebenso uraltes Klischee wie die Behauptung, dass Wohlstand nur über Wachstum zu schaffen sei oder dass Wirtschaft nur das ist, was Unternehmen machen.“ Wenn sie den Klischees Konzepte der sogenannten Gemeinwohlökonomie entgegenhält, redet sie noch schneller als sonst. In Speyer hat sie zusammen mit Freundinnen die Demokratie- und Nachhaltigkeitsinitiative Inspeyered groß gemacht, die für entsprechende Projekte wirbt. Wenn es nichts würde mit dem Bundestagsmandat, könnte sie sich vorstellen, eine „Regionalwert AG“ zu gründen, berichtet Heller.

„Wir Grünen sind prädestiniert, eine nachhaltige Wirtschaft zu betreiben“, betont die Kandidatin. Ihr Profil als Ökonomin – und laut ihrer Homepage außerdem „Zukunftsforscherin, Demokratin, Mutter, Speyrerin und Humanistin“ – würde einer grünen Fraktion gut tun, ist sie überzeugt. Zielstrebig ist sie ihre Bewerbung angegangen, seit sie sich Ende 2020 dafür entschieden hatte. Den aussichtsreichen Platz sieben auf der Landesliste ihrer Partei zu erhalten, war kein Selbstläufer. Auch mit einer Landtagskandidatur habe sie zunächst geliebäugelt, so Heller. „Aber wenn ich im Kopf meine Antrittsrede geschrieben habe, dann war das immer eine Rede für den Bundestag, weil dort die Wirtschaftspolitik gemacht wird.“

Pendeln nach Berlin

Sie habe schon einen „groben Plan“, wie sie sich mit einem Mandat in Berlin organisieren würde, betont Heller, die im November ihr zweites Kind erwartet. Viel Pendelei würde eine Rolle spielen. Wichtig sei, dass nun wieder Wahlkampf möglich ist. In der Lockdown-Phase habe sie den Kontakt zur Bevölkerung sehr vermisst. Sie möge den Austausch mit wildfremden Menschen und mit anderen Meinungen. Dafür reichten Video- und Telefonkonferenzen mit Parteifreundinnen nicht aus. Teilweise habe sie Passanten in der Hauptstraße angesprochen, um von ihnen zu erfahren, wie sie zur Pandemie und zum Klimawandel stehen, berichtet sie.

Am Ende staunt Heller doch wieder über sich selbst. Darüber, dass sie mit 27 schon in ihre Heimatstadt zurückgekommen sei. Sie habe festgestellt: „Ich bin eine heimatverbundene Pfälzerin und tief in Speyer verwurzelt. Ich mag die Region sehr gerne.“ Seit 2019 sitzt sie wieder im Stadtrat, 2020 hat sie den Vorsitz ihrer Fraktion übernommen und damit ihr politisches Spektrum deutlich erweitert, wie sie gesteht. Privat sei die Kulturszene in Speyer ihre Welt. Sie lese gern, fahre viel Fahrrad. Weitere Hobbys müssten derzeit zurückstehen, sagt die junge Mutter. Umso mehr freut sich die Hobbyschauspielerin, auch im Wahlkampf Zeit für einen Theaterworkshop gefunden zu haben.

Die Serie

Zehn Kandidaten bewerben sich im Wahlkreis Neustadt-Speyer, der neben den beiden kreisfreien Städten den Kreis Bad Dürkheim und Teile des Rhein-Pfalz-Kreises umfasst, um das Direktmandat bei der Bundestagswahl am 26. September. Die RHEINPFALZ stellt sie vor.

Kurz gefragt

Hannah Hellers Antworten

1. Wenn ich ein Bundestagsmandat gewinne, werde ich zuerst ...

... anfangen ein Netzwerk aufzubauen, um solidarische, regionale Wertschöpfungsräume zu beleben. Mit einer Zunahme an Krisen und Katastrophen sind wir darauf angewiesen, Nahrungsmittel und Produkte in den Regionen zu produzieren.

2. Ich würde mich gerne mal zum Abendessen treffen mit ...

... Gerhard Schick. Seine Erfahrungen als Bundestagsabgeordneter und jetzt als Vorstand der NGO Finanzwende würden sicher meine eigene Perspektive stark bereichern.

3. Mein Berufswunsch als Kind ...

... Schauspielerin. Sich in andere Menschen, Kulturen, Zeiten und Szenarien hineinzuversetzen, fasziniert mich noch heute.

4. Mein liebstes Urlaubsziel ist ...

... Kreta. Ich bin dort als Kind mit meiner Familie hingeflogen. Aber je mehr ich mich mit der Klimakrise befasse, desto weniger ist es mir möglich, mich für zwei Wochen in den Flieger zu setzen. Jetzt lebe ich nach der Devise: Italien, Frankreich, Holland sind auch schöne Ziele ...

5. Die Pandemie hat mich gelehrt, dass ...

... man nicht an stressigen, überambitionierten Zielen um jeden Preis festhalten muss. Morgen ist auch noch ein Tag, und das Wichtigste ist, dass man die Beziehungen zu Familie und Freunden mit Liebe pflegt.

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