Speyer Gesichter der Kulturszene: Balu, Katja Meier-Chromik und Timo Effler
Clemens Hans (Balu) ist Sänger und seit 15 Jahren in der Branche. Er sagt zu seiner Situation in der Corona-Zeit: „Es ist an vielen Stellen im Leben langweilig. Es gibt nur wenig am Leben zu erleben und es fällt mir schwer in dieser Zeit kreativ zu sein, obwohl man endlich mal wieder Zeit dafür hätte neue Songs und Texte zu schreiben. Feiern, Freunde treffen, Nächte durchmachen bei lauter Musik und guten Unterhaltungen, etwas wild zu sein, das fehlt mir für diesen Teil meines Lebens doch sehr. Leider passiert bei mir eher das Gegenteil. Auch weil wir mit der Band nicht proben können, wenn man sich an die Regeln hält und doch einen Proberaum bezahlen muss, wenn man ihn halten will, um irgendwann, wenn das Proben wieder erlaubt ist, überhaupt einen zu haben. Denn dafür sind die Wartezeiten lang und die Preise hoch geworden, seit wir im I-Hof nicht mehr sein können.“
Ruhe und Herausforderung
Sein Alltag als Head Coach des einzigen Football-Teams in der Vorderpfalz, der Hassloch 8-Balls, sei ebenfalls völlig verändert. „Rund 60 Spieler aus der Ferne mit dem Trainerteam in Konditionstraining und Online-Theorie-Inhalten auf Vordermann zu bringen und ready zu sein, sollte es plötzlich losgehen, dass wir trainieren und eine Saison planen können, ist eine Herausforderung für alle, die wir bisher gut hinbekommen.“ Trotzdem gebe es auch viele Tage, an denen er die Ruhe genieße und viel Zeit mit seiner Frau zu Hause habe, die sehr schön sei. An dieser Stelle im Leben sei es wiederum gut, mehr Zeit füreinander zu haben, was sonst ab und an etwas zu kurz komme. „Alles in allem sind sozusagen alle Bereiche etwas auf den Kopf gestellt.“
Er denkt, dass noch mehr kleine Clubs sterben als ohnehin schon. Es werde noch weniger Diversität in der Musik geben als ohnehin schon. Es werde noch mehr hin zu Großveranstaltungen gehen. Zwischen nicht kommerziellen Läden wie etwa dem Eckpunkt in Speyer und großen Veranstaltungslocations werde eine noch größere Lücke entstehen. „Ich kann nur hoffen, dass es trotzdem so viele Läden wie möglich wie zum Beispiel der Flaming Star in Speyer sowie Bars und Kneipen schaffen zu überleben.“ Er hat aber Angst, dass genau die, die er am meisten mag, am ehesten sterben könnten. Staatliche Kultureinrichtungen wie manch ein Theater oder eine Oper werde eben zu großen Teilen vom Staat finanziert. Da, wo sich aber viele andere Menschen kulturell zu Hause fühlten, sei das nun mal nicht so. Das heiße nicht, dass er was gegen Theater oder Oper habe, sondern, dass seine Sympathie anderen seines Erachtens wertvollen „Kultureinrichtungen“ gelte, die ihn mehr betreffen und wo es solche Zuwendungen in dieser Form nicht gibt.
Sozial gerechtere Politik
„Tja, eigentlich hat die aktuelle Bundesregierung in den meisten Teilen meine Erwartung an sie erfüllt. Leider. Anfangs klangen die Versprechungen zwar gut, aber das Ergebnis war dann doch, wie es immer zu sein scheint. Große Konzerne sahnen am meisten ab, zahlen gleichzeitig am wenigsten Steuern und so manch große Firma ohne Rücklagen wird mit sehr viel Geld vom Staat gerettet.“ Bei manchen Branchen und manchen kleinen Firmen scheine auch was angekommen zu sein. Zumindest von der ersten Hilfe für März 2020 wisse er das. Eine große Masse der „Einzelkämpfer“, Solo-Selbstständige, kleine Firmen, Läden und damit Menschen würden nicht ausreichend mit den Hilfen bedacht.
Was er aber von den Menschen erwarte oder erhoffe, ist, dass sie in Zukunft daran denken, wie viel wertvoller eine sozial gerechtere Politik sein könnte als eine Politik, die auf große Wirtschaftskonzerne ausgerichtet ist. Und sollten sich die Menschen dazu entschließen, das zu berücksichtigen, dann erwartet er von einer anders gewählten Politik Veränderungen.
Sehnsucht nach Kultur
Katja Meier-Chromik ist Künstlerin und Grafikerin und seit 24 Jahren in der Branche. „Die wenigen Kontakte, der fehlende Austausch mit den Mitmenschen, das fehlende Leben in Speyer in den Straßen und in den Restaurants/Bars hat eine große Auswirkung auf meine Kreativität. Es ist wie ein stehendes Windrad, dem der Wind zum Antrieb fehlt“, sagt sie. Sie sehe in allem etwas Positives. Diese Zeit habe viele Menschen wieder auf den Boden geholt und sie hofft, dass dadurch auch ein Umdenken stattgefunden hat. In allen Bereichen. Den Menschen fehle das Kulturelle. Kein Kino, kein Theater, keine Veranstaltungen, keine Museen, keine Ausstellungen. Sie höre viele Menschen sagen, dass sie sich nach diesen Dingen sehnen. Sie hofft, es werde den Menschen bewusst, wie wichtig Kunst, Musik und Kultur für den Alltag ist. Welche Freude, Kommunikation und Ausgeglichenheit die Kultur bringe. „Ich denke, dass es den Menschen nach der Krise bewusster ist, dass Kunst und Kultur wichtige Bestandteile des Lebens sind und dadurch einen höheren Stellenwert bekommen.“ Von der Politik erwartet sie mehr finanzielle Förderungen und Kulturprojekte im regionalen und kommunalen Bereich. „Und ich erwarte, dass nicht nur namentlich bekannte Künstler und Institutionen ausgewählt und unterstützt werden.“
Das Bestmögliche machen
Timo Effler ist künstlerischer Leiter des Zimmertheaters Speyer und seit 16 Jahren in der Branche. „Ich gehe weder als Optimist noch als Pessimist durch diese Zeit, sondern als Possibilist. Das bedeutet, dass ich versuche, den Rahmen des Möglichen bestmöglich zu gestalten, ohne mit äußeren Bedingungen, die ich nicht beeinflussen kann, zu hadern. Meistens gelingt das sogar“, sagt er . Durch diese Flexibilität versucht er seine Kreativität zu kanalisieren, indem beispielsweise Online-Formate ausprobiert werden wie der regelmäßige Live-Streams mit Zimmertheater-Programm im Frühjahr oder ein lyrischer Adventskalender auf den Social-Media-Plattformen im Winter. „Dazwischen galt es, ermöglicht durch die Unterstützung des Kulturbüros, mit der Heiliggeistkirche eine neue Spielstätte herzurichten, da unser Kellergewölbe-Theater im Kulturhof nicht ,coronatauglich’ ist.“ Und dann natürlich einen Spielplan gestalten, Stücke auszuwählen mit möglichst wenig Schauspielern und sich an die Arbeit machen. Das koste alles enorme Kraft, umso glücklicher war er, als Mitte August der Vorhang sich wieder öffnete und die Eigenproduktionen tolle Premieren feierten. Umso deprimierter war er, als sich Anfang November die erneute Schließung von Kultureinrichtungen ankündigte. Dieses Auf und Ab in der Emotion, die fehlende Planbarkeit, die Rückschläge ließen ihn manchmal schon resignieren, aber die kreative Energie breche sich immer wieder ihre Bahn.
Er ist der festen Überzeugung, dass die Kultur- und Veranstaltungsbranche zu den kreativsten und flexibelsten zählt und sich insgesamt schnell wieder regenerieren werde, vor allem weil die Nachfrage nach neuen Gedankenwelten und Reflexionsräumen unverändert sei. Wo es ein Publikum gebe, werde es auch Veranstalter und Kulturschaffende geben. Dass aber manche Veranstaltungsstätten oder auch einige Kulturschaffende diese Zeit finanziell nicht überlebten, sei ungeheuer tragisch, weil völlig unverschuldet. Gleichzeitig glaubt er auch, dass die überwältigende Solidarität innerhalb der Kultur- und Veranstaltungsbranche nachwirken werde, indem sich aus der zunächst informellen Vernetzung Einzelner so etwas wie eine starke Kultur-Lobby entwickeln könne, die öffentlich zu einer Stimme und im gesellschaftlichen Diskurs wahrnehmbarer sein werde.
Gegen Etat-Kürzungen
Was erwartet er von der Politik? „Das ist eine schwierige Frage, vielleicht dass sie den vielen Worten auch viele Taten folgen lässt, dadurch dass sie eine wertschätzendere Haltung zur Kulturbranche einnimmt, indem sie versteht, dass gesellschaftliche Rentabilität nicht nur finanziell messbar ist, dass Kultur-Subventionen Investitionen sind für uns alle, weil dadurch Projekte zu Produkten werden, die uns intellektuell bereichern, emotional berühren, kritisch denken und reflektiert handeln lassen.“ Er befürchtet, dass die geschnürten Hilfspakete durch eine Senkung der Kultur-Etats mittelfristig gegenfinanziert werden. Das dürfe nicht passieren.
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https://www.speyer.de/kulturgesichter