Interview RHEINPFALZ Plus Artikel Gästeführerin über Bedeutung für Speyer: „Geht nicht nur um Geschichtelchen“

Möchte auf das Engagement der Stadtführer hinweisen: Cornelia Benz (links) begrüßt die Teilnehmer beim Weltgästeführertag. Daneb
Möchte auf das Engagement der Stadtführer hinweisen: Cornelia Benz (links) begrüßt die Teilnehmer beim Weltgästeführertag. Daneben im Bild: ihre Kollegen Elke Maase und Wilhelm Treutle.

Am Sonntag haben die Speyerer Gästeführer mit einem Aktionstag auf sich aufmerksam gemacht – das sei dringend nötig, sagt ihre Sprecherin Cornelia Benz im Interview.

Frau Benz, warum beteiligt sich die Interessengemeinschaft der Gästeführer Speyer am Weltgästeführertag?
Uns geht es darum, auf die Professionalität und auf das Engagement der Gästeführer für die jeweilige Stadt oder Region hinzuweisen. Wir möchten auch die Gelegenheit nutzen, unsere Leidenschaft und unser Wissen über die Geschichte und die Sehenswürdigkeiten von Speyer mit einer breiten Öffentlichkeit zu teilen. Es geht nicht nur um die Vermittlung von Geschichtelchen, sondern um die Vermittlung der Geschichte Speyers in einer lebendigen und auch witzigen Weise. Mit unserer Arbeit sind wir die Visitenkarte der Stadt.

„Verborgene Schätze“ lautet dieses Jahr das Motto – das kriegen Sie locker mit Leben gefüllt, oder?
Ja, wir nutzen das jedes Jahr neu definierte Motto gerne dafür, die herkömmliche Führung zu verlassen und vertiefend in Bereiche eintauchen, die bei einem normalen Rundgang nicht thematisiert werden. Es werden Plätze, Straßen, Ecken gezeigt, die selbst Ur-Speyerer nicht kennen. Das ist uns eine besondere Freude. Viele Gäste aus der näheren Umgebung waren schon mehrfach dabei und sind immer wieder erstaunt, wie viele unbekannte Ecken Speyer noch zu bieten hat, abseits der Hauptstraße.

Wie entwickeln sich Angebot und Nachfrage für Gästeführungen in Speyer allgemein – bekommen all die interessierten und gut ausgebildeten Gästeführer genügend Aufträge?
Die Nachfrage hat in den letzten Jahren stetig zugenommen. Dies liegt vor allem am steigenden Interesse an kulturellen und historischen Orten, generell am Reisen. Viele der Gästeführer in Speyer sind berufstätig und üben ihre Tätigkeit nebenberuflich aus oder sind Rentner. In der Regel sind sie nicht von dieser Tätigkeit abhängig. Natürlich gibt es unterschiedliche Erwartungen: Manche sehen es als Hobby an, wollen nur gelegentlich führen, andere erfahren eine Bestätigung, wenn sie gut ausgelastet sind. Um die wachsende Nachfrage zu bewältigen, wurden in den vergangenen zwei Jahren durch die Tourist-Info Ausbildungen angeboten, um auch die steigende Nachfrage von Englisch sprechenden Gruppen weiter gut bedienen zu können – ein Zeichen dafür, dass wir gut ausgelastet sind.

Es gibt kein Monopol auf Gästeführungen in Speyer: Wie gehen Sie mit der nicht organisierten Konkurrenz um?
Jeder darf sich Gästeführer nennen, unabhängig von einer Ausbildung. Es ist eine Herausforderung für uns, sich von anderen sogenannten Gästeführern zu unterscheiden. Daher begrüßen wir, dass die städtische Tourist-Info auf ihrer Homepage mit explizit für Speyer zertifizierten Gästeführern wirbt. Dem liegt eine halbjährige Ausbildung zugrunde. Dies ist auch ein Grund, warum wir am Weltgästeführertag teilnehmen: Dabei möchten wir die Bedeutung einer fundierten Ausbildung hervorheben.

Mit der Tourist-Info kooperieren Sie ja auch in den Führungen selbst ...
Ja, bei über die Tourist-Info vermittelten Führungen können auch der Judenhof und die Dreifaltigkeitskirche kostenfrei und unabhängig von den Öffnungszeiten besichtigt werden. Und beim Weltgästeführertag haben wir mit Unterstützung der Stadt den Schlüssel für den Trausaal und den Stadtratssitzungssaal sowie freien Eintritt im Purrmann-Haus erhalten. Nur lokalen Guides ist das möglich.

Täuscht mein Eindruck oder ist der Hype um Spezialführungen etwa in historischer Gewandung etwas abgeebbt?
Weit gefehlt: Führungen in historischer Gewandung erfreuen sich großer Nachfrage. Derzeit werden wieder Gästeführende speziell dafür ausgebildet. Das Mittelalter lässt sich auf diese Weise viel lebendiger vermitteln, kann witziger gestaltet werden und ist von daher auch für Firmen- oder Familienevents sehr interessant. Es hat mehr Erlebnischarakter. Vorausgesetzt sollte dabei sein, dass die Fakten eingehalten werden!

Es werde nicht genug getan für die Tourismusförderung in Speyer, haben kürzlich Hotelbetreiber in der RHEINPFALZ beklagt. Würden sich auch die Gästeführer mehr Impulse wünschen?
Wir können uns bei der Vermittlung von Führungen nicht beklagen. Die Stadt hat für die Gästeführer eine Buchungssoftware eingeführt, über die die Vermittlung der Führungen abgewickelt wird und auch die Abrechnung mit den Gästegruppen erfolgen kann. Dazu werden die Führungen jährlich speziell beworben, und es gibt einen separaten Flyer für die öffentlichen Führungstermine. In fast allen sonstigen Printprodukten der Tourist-Info ist das Thema Gästeführungen präsent. Wir tauschen uns regelmäßig aus. Als Einzelkämpfer auf dem Markt wäre eine solche Sichtbarkeit nicht vorstellbar.

Wie sehr würde es helfen, wenn das Altpörtel wieder regelmäßig besichtigt werden könnte?
Die Besichtigung des Altpörtels ist nur für einen kleinen Kreis von Gästen interessant. Viele unserer Besucher sind älter und schaffen den Aufstieg auf den Turm nur schwer oder möchten ihn gar nicht. Zudem liegt das Altpörtel etwas abseits der üblichen Strecke, und bei einer 1,5-stündigen Führung ist es nahezu unmöglich, es einzubauen. Klar, Speyerer und Speyererinnen sowie Schulklassen lieben das Altpörtel. Wir alle freuen uns darauf, wenn es wieder für die Öffentlichkeit zugänglich sein wird.

Welche Erwartungen haben Sie in das künftige Besucherzentrum für die Welterbestätten Dom und Judenhof?
Es wäre großartig, wenn beide Welterbestätten unter einem Dach präsentiert werden könnten. Ein solches Besucherzentrum könnte die Geschichte und Bedeutung beider Stätten eindrucksvoll vermitteln. Literatur, Musik und andere Produkte könnten dort angeboten werden. Vielleicht ergänzt um einen Raum für Schulklassen, ausgestattet mit „Werkzeugen“, die die Dombauhütte verwendet hat, oder mit liturgischen Dingen aus dem Judentum. Da liegen sicherlich viele Ideen vor. Wir würden uns jedenfalls über einen zentralen Anlaufpunkt für Touristen freuen.

Zur Person

Cornelia Benz (66), kaufmännische Angestellte im Ruhestand, ist seit 2002 Stadtführerin in Speyer und seit der Gründung 2013 Vorsitzende der Interessensgemeinschaft der Gästeführer (IGS) mit 84 Mitgliedern.

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