Vorderpfalz RHEINPFALZ Plus Artikel Unterhalten statt dozieren: Wie Gästeführer Geschichte und Geschichten vermitteln

Am Lutherbrunen in Ludwigshafen: Elke König.
Am Lutherbrunen in Ludwigshafen: Elke König.

Wie arbeiten Gästeführer in der Vorderpfalz? Was motiviert sie, worauf legen sie Wert, wer bucht sie? Darüber haben wir mit drei Experten aus Ludwigshafen, Speyer und Frankenthal gesprochen. Darunter ist eine über die Region hinaus bekannte Frau, die nach einem Vierteljahrhundert einen Schlussstrich zieht.

„Ich hoffe, man merkt, dass ich das mit Inbrunst gemacht habe“, sagt Elke König. Ja, merkt man. Die 66-Jährige plaudert beim RHEINPFALZ-Gespräch in einem Café zwei Stunden lang ohne Punkt und Komma. Länger, als manche Führung dauert. Aber habe? Also Vergangenheit? Ja, richtig gehört. Eine der bekanntesten zertifizierten Gästeführerinnen der Region wird ihr einstiges Hobby, das ihr zur Berufung wurde, nach einem Vierteljahrhundert tatsächlich beenden.

„Ich kann nicht mehr gesundheitlich“, erklärt die gebürtige Ludwigshafenerin, die mit ihrem Mann Rudolf (81) seit 1988 in Maudach lebt. Ende August hat die Mutter zweier erwachsener Kinder (Eva ist 40, Markus 39) als „Freundschaftsdienst“ noch einmal eine Schlossführung in Heidelberg absolviert – bei hochsommerlichen 32 Grad. „Danach war ich fix und fertig, total erschossen“, erzählt sie. Es geht einfach nicht mehr. „Vielleicht an Weihnachten“, meint König, auf eine letzte, krönende Abschlussveranstaltung angesprochen.

In zahlreiche Rollen und Kostüme geschlüpft

In den vergangenen 25 Jahren ist die gelernte Arzthelferin und Bürokommunikationskauffrau in zahlreiche Rollen und Kostüme geschlüpft, um Tausenden Zuhörern die Besonderheiten sowie die Historie von Kommunen näherzubringen. Ob als Elisabeth Augusta, Kurfürstin der Pfalz und Bayern, ob als Weinmagd „Es Kättche vun de Palz“, zwei ihrer Paraderollen, ob als Nachtwächterin oder vorlesende Märchenoma im Rathaus-Center. König war kein Aufwand zu groß. Sogar Schauspielunterricht hat sie genommen. „Das war Schwerstarbeit, bis das alles auf der Festplatte war. Ich habe gelernt bis zum Umfallen“, schildert sie.

Ich-AG gegründet

Zunächst nebenberuflich auf Achse, machte sich König als Ich-AG schließlich selbstständig, bildete sich fort und legte auch die anspruchsvolle Gästeführer-Prüfung in Heidelberg ab, wo von 200 Bewerbern nur 20 zum Praxistest zugelassen wurden.

Handkuss vom Ministerpräsident: König als Elisabeth Augusta 2010 beim Rheinland-Pfalz-Tag in Neustadt.
Handkuss vom Ministerpräsident: König als Elisabeth Augusta 2010 beim Rheinland-Pfalz-Tag in Neustadt.

König ist in Museen, Parks, Kirchen, Seniorenheimen, historischen Bussen, Weingütern, Schlössern, im Wildpark, auf Schiffen, bei Weihnachtsmärkten, beim Fasnachtsumzug Mannheim/Ludwigshafen oder als Repräsentantin ihrer Heimatstadt beim Rheinland-Pfalz-Tag aufgetreten – häufig ehrenamtlich. Sie hat das Märchenstationstheater in der Ludwigshafener Innenstadt bespielt, Benefizaktionen initiiert und ist mit Auszeichnungen gewürdigt worden. Etwa mit dem Ehrensache-Preis des SWR für die Bunkerausstellung in der Valentin-Bauer-Siedlung oder mit dem Ludwigshafener Umweltpreis für ihre Spendeninitiative „100 Erlen für das Maudacher Bruch“.

Mit Mundart das Eis gebrochen

Mit Pfälzer Mundart hat sie oft das Eis gebrochen, „weil sich Dinge damit humorvoll auf den Punkt bringen und manche Klippen elegant umschiffen lassen“. Gute Städteführungen seien jene, bei denen nicht doziert, sondern mit Humor sowie Fachwissen unterhalten werde. „Man muss die Leute mit der eigenen Begeisterung mitreißen“, betont König. Und das Mikro möglichst nah an die Lippen halten, damit alle etwas verstehen.

Wenn ihr danach war, hat sie einfach ein Lied angestimmt. Oft wurde spontan mitgesungen. Grundsätzlich müsse man sich vor Augen halten, wer vor einem stehe. Denn ob die maximal 25 Personen starke Gruppe („Sonst wird’s unübersichtlich“) Kegelbrüder oder Finanzbeamte seien, diktiere die Melodie des Programms.

Über positive Rückmeldungen („Bleiben Sie die Anwältin der Kurfürstin“) und „viel Mundpropaganda“ hätten sich ihre Qualitäten bis ins Ausland herumgesprochen. So seien ein Auftrag nach dem anderen und Anfragen von Tourist-Infos benachbarter Bundesländer eingegangen. Eine Homepage gab’s da längst.

Als Mitglied des Historischen Vereins und des Bundesverbands der Gästeführer hat König zudem viele Kontakte geknüpft und zahlreiche Einladungen in die ganze Republik erhalten, sodass sie sich heute durchaus zutrauen würde, auch in Köln, München oder Berlin Führungen anzubieten. „Ich reise gerne und hatte schon immer ein Faible für Geschichte“, sagt König. Bereits in der Schule sei sie häufig auf der Bühne gestanden.

Elke König beim RHEINPFALZ-Gespräch in der Ludwigshafener Innenstadt.
Elke König beim RHEINPFALZ-Gespräch in der Ludwigshafener Innenstadt.

In Dutzenden Städten, darunter natürlich auch Mannheim, Speyer, Frankenthal, Mainz oder Worms, sei sie über die Jahre hinweg für Veranstaltungen gebucht worden. Auch von Firmen und Behörden. Über Ludwigshafen sagt König mit Blick auf die Innenstadt: „In den Anfangsjahren gab es da noch einiges zu zeigen. Jetzt wird das Rathaus abgerissen, am Berliner Platz klafft ein großes Loch.“ Sehenswert seien die Stadtteile. „Man sollte aber nie vergessen, dass hier ein großer Industriestandort ist, der Tausende Arbeitsplätze bietet.“ Davon profitiere der ganze Speckgürtel.

Handkuss von Kurt Beck

Über ihre Laufbahn bilanziert König: „Es ist gut so, wie es war. Ich habe das mit Herzblut gemacht.“ Dass sie der damalige Ministerpräsident Kurt Beck vor Jahren einmal in sein Privathaus ins südpfälzische Steinfeld eingeladen hat, bleibt ihr ebenso in Erinnerung wie eine Anekdote mit Beck beim Rheinland-Pfalz-Tag 2010 in Neustadt, wo König als Elisabeth Augusta reüssierte. „Er wollte mich in den Arm nehmen. Da habe ich ihm gesagt: Eine Kurfürstin umarmt man nicht. Man küsst sie auf die Hand.“ Das sündhaft teure und 15 Kilo schwere Kleid aus dem 18. Jahrhundert hat sich König übrigens nachschneidern lassen. Eine volle Stunde dauert es, um es anzuziehen.

Eine ganz bestimmte Führung würde König übrigens noch reizen: in der Mittelalterstadt Quedlinburg in Sachsen-Anhalt. Dass sich der Bundesverband der Gästeführer dort im nächsten Jahr zu einer Tagung trifft, dürfte daher ganz in ihrem Sinne sein.

„Nicht mit Jahreszahlen bombardieren“

Werner Schäfers Aktionsradius beschränkt sich zwar „nur“ auf Frankenthal, er bringt aber mindestens so viel Leidenschaft für die Aufgabe mit wie Kollegin König – und teilt deren Einschätzung, dass eine gute Führung unbedingt auch einen unterhaltenden Charakter haben sollte. „Man muss sich auch mal was Lustiges einfallen lassen und darf die Leute nicht nur mit Jahreszahlen bombardieren“, sagt der 75-Jährige. Zur Veranschaulichung historischer Gegebenheiten hat Schäfer zudem immer ein paar laminierte Fotos im Gepäck. Um die 400 hat er mittlerweile in seinem Fundus.

Werner Schäfer bei einer Führung in Frankenthal.
Werner Schäfer bei einer Führung in Frankenthal.

Der gebürtige Frankenthaler, verheiratet, eine erwachsene Tochter, ist schon eine halbe Ewigkeit Mitglied des Altertumsvereins, der die Gästeführungen organisiert, und war bis zu seinem Ruhestand beim Pumpenhersteller KSB in der Produktion beschäftigt. Als Mitglied des Fördervereins für jüdisches Gedenken waren ihm Gruppen- und Stadtführungen, etwa auf dem Friedhof, nicht fremd.

Als Gästeführer aktiv wurde er vor zehn Jahren. Schäfer sprang ein, weil ein Kollege ausfiel. Seither führt er die bis zu 32 Personen großen Gruppen per Audioguide samstags zu den Sehenswürdigkeiten seiner Heimatstadt, bisweilen auch themenbezogen. Zweimal führte die „Hopfen-und-Malz-Tour“ ins Brauhaus, zweimal gab es eine Carl-Theodor-Führung, bei KSB berichtete deren Ex-Mitarbeiter über das Thema Industrialisierung. Hinzu kamen Kirchenbesuche.

Der absolute Renner sei aber die „Frankenthal-Anekdoten-Tour“ gewesen, bei der es um die drei Hexenprozesse in der Stadt ging. „Sex und Crime verkauft sich halt immer“, sagt Schäfer und lacht. Sogar der FWG hat er im Januar die Stadtgeschichte erläutert. Dazu muss man wissen: Schäfer ist seit 55 Jahren eingefleischter Sozialdemokrat. „Das ist gerade nicht so einfach, aber ich habe mir ein dickes Fell wachsen lassen.“

In York verliebt

620 Gäste begleitete er allein in diesem Jahr. Sie zeigen sich mit Spenden erkenntlich. Schäfer empfängt auch Schulklassen. Vier Gästeführer sind in der Stadt unterwegs. „Als Ruheständler bin ich am flexibelsten“, sagt Schäfer, der sich im Stadtarchiv gerne in komplexe Themen einliest. „Das macht einfach Spaß, weil man auch mal auf schräge Dinge stößt.“ Dass er sein Wissen ehrenamtlich weitergibt, ist für ihn selbstverständlich. „Geld würde ich dafür nie nehmen.“ Sein Lohn seien viele interessante Begegnungen. In ein Kostüm zu schlüpfen, käme für Schäfer nicht infrage. „Ich mache mich doch nicht zum Narren.“

Schäfers Lieblingsgebäude ist das älteste Bauwerk der Stadt: die Ruine der Stiftskirche St. Maria Magdalena, im Volksmund Erkenbert-Ruine genannt. Dass im Hof Open-Air-Kino läuft, sei „toll“. Dass dort auch „Fress- und Sauforgien stattfinden“, wie er es ausdrückt, ärgert ihn. „Da werden die alten Steine zweckentfremdet.“

Wie König hat auch Schäfer eine Stadt, in der er gerne mal Gästeführer spielen würde und wohl auch könnte, weil er sie schon oft besucht hat. „York, einfach traumhaft mit seinen Stadtmauern und der gotischen Kathedrale aus dem 13. Jahrhundert“, sagt er über die von Römern gegründete Stadt im Nordosten von England.

Stadtrallye konzipiert

Neugier und eine gewisse intellektuelle Abwechslung zu seinem Job als promovierter BASF-Chemiker sind die Triebfedern von Matthias Maase. Der aus Fulda stammende 54-Jährige hat sich als Gästeführer quasi selbst ins Spiel gebracht und zählt zu den über 100 Männern und Frauen, die sich im geschichtsträchtigen Speyer, einem Mekka für Gästeführer, in einer Interessengemeinschaft (IGS) organisiert haben – alle sind vom Bundesverband der Gästeführer zertifiziert. Als ihn Studienkollegen in Speyer besuchten, wo er seit nunmehr 25 Jahren lebt, stellte Gastgeber Maase für sie eine Art Familien-Stadtrallye zusammen und bot sie der Tourist-Info an, die sehr interessiert war. Das Angebot gibt es heute noch.

Zwei- bis dreimal im Monat ist Maase seit 2018 nun selbst als Tourführer unterwegs, vor zwei Jahren ist seine Frau zur IGS hinzugestoßen. Sohn Jan, 18, derzeit für ein Au-pair-Jahr in Arizona in den USA, war mit 16 der jüngste Gästeführer der Republik. Nur die Tochter, 15, hat das Gästeführer-Gen bislang nicht.

Kleiner Aufpreis für Fremdsprachen

Maase erhält für seine Dienste ein Honorar. Gegen einen kleinen Aufpreis bietet er die Führungen auch in Englisch an. Kollegen begleiten den Speyerer Stadtspaziergang auch auf Niederländisch, Französisch oder Spanisch. Der Dom, die Dreifaltigkeitskirche oder das Judenbad sind die Klassiker beim Programm, auf Wunsch auch andere Stationen oder ein Bummel durch die Altstadt, inklusive Altpörtel, das westliche Stadttor als Teil der mittelalterlichen Befestigung. Unternehmen, Privatleute, Reisebus-Delegationen oder andere Touristen, darunter auch Briten und Amerikaner, die bei Flusskreuzfahrten Station in der über 2000 Jahre alten Stadt machen, zählen zu den Kunden.

„Es ist der Wahnsinn, wen man da trifft“

Von Begegnungen, die den Horizont erweitern, berichtet auch Maase. Es ist der Wahnsinn, wen man da trifft“ – etwa eine Alphornbläser-Formation oder Kirchenchöre, die ihm im Domhof zum Auftakt einer Tour ein Ständchen gesungen haben. Sowie „Geschichtsprofis“, von denen man immer etwas lernen könne.

Seit drei Jahren veröffentlicht Maase die Bilderkolumne „Kennen Sie Speyer?“ mit „verborgenen Schätzchen abseits der klassischen Pfade“, die es zu erraten gilt. Im Netz sind sie unter www.stadtführung-speyer.de zu finden. „Das Klima ist besser als in Fulda, es ist eine schöne Weingegend, das kulturelle Angebot ist sehr vielfältig und die Zusammenarbeit mit Tourist-Info und Stadt super“, schwärmt er. Seine Gästeführer-Prüfung bei der Regio-Akademie erstreckte sich über Monate. Ein Aufwand, der sich „absolut gelohnt“ habe.

Speyer: Matthias Maase (rechts) mit einer Gästegruppe.
Speyer: Matthias Maase (rechts) mit einer Gästegruppe.
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