Speyer RHEINPFALZ Plus Artikel Forschung zur NS-Vergangenheit von Ehrenbürgerin Herklotz

2003: Die frisch ernannte Ehrenbürgerin Luise Herklotz trägt sich ins Goldene Buch der Stadt Speyer ein. Hinter ihr von links de
2003: Die frisch ernannte Ehrenbürgerin Luise Herklotz trägt sich ins Goldene Buch der Stadt Speyer ein. Hinter ihr von links der damalige Oberbürgermesiter Werner Schineller, die frühere Bundestagsvizepräsidentin Annemarie Renger und Landtagsvizepräsident Jürgen Creutzmann.

Luise Herklotz (1918-2009) war als SPD-Politikerin Landtags-, Bundestags- und Europaabgeordnete. 2003 wurde sie – in der bis dato letzten Ehrung dieser Art – zur Speyerer Ehrenbürgerin ernannt. Jetzt wird ihre Rolle in der Zeit des Nationalsozialismus untersucht. Es gibt Anlass für Zweifel.

Die „Luis“ war beliebt in ihrer Heimatstadt. Sie hat niemals ihre Wurzeln im Hasenpfuhl vergessen, auch wenn sie es als Politikerin weit nach oben geschafft hat. Bei den Baugenossen und der Arbeiterwohlfahrt engagierte sie sich ganz konkret vor Ort. Acht Jahre Landtag, 16 Jahre Bundestag und fünf Jahre Europaparlament stehen in ihrer Vita. Anlässlich ihres 85. Geburtstags erhielt sie die Speyerer Ehrenbürgerwürde. 20 Mal wurde die in fast 200 Jahren verliehen – diesen Titel gibt’s nur für ganz besondere Leute. Vom damaligen Bundespräsidenten Karl Carstens hat Herklotz das Große Bundesverdienstkreuz erhalten.

In all den Würdigungen und Berichten über die Sozialdemokratin kamen die Jahre des Nationalsozialismus zu ihren Lebzeiten kaum vor. Das will die Stadt nun nachholen. Für ihr Buchprojekt zur Zeit des Nationalsozialismus in Speyer, das laut Lisa Eschenbach, Sprecherin der Verwaltung, Ende 2022 oder Anfang 2023 herauskommen soll, werde es ein zweiseitiges „Schlaglicht“ über Herklotz geben, kündigt sie an.

Für NS-Zeitungen tätig

Herklotz wurde nach der Schule ab 1935 bei der „Speyerer Zeitung“ ausgebildet, die jedoch ein Jahr später eingestellt wurde. Die Gleichschaltung der Presse war für die Nationalsozialisten ein wesentliches Instrument des Machterhalts. Wer als Redakteur, damals „Schriftleiter“, unbehelligt bleiben wollte, musste sich mit diesen arrangieren. Herklotz arbeitete für nationalsozialistische Blätter. Laut Historiker Hans-Jürgen Wünschel, der über Herklotz geforscht hat, steht auch eine Zeit als Sekretärin im Konzentrationslager Dachau in ihrem Lebenslauf (3. Juli 1939 bis 15. Februar 1940).

Im Archiv der RHEINPFALZ, für die die Speyererin nach dem Krieg kurz tätig war, findet sich ein Artikel, in dem sie am 26. Februar 1945, zehn Wochen vor dem Kriegsende, in der Mannheimer Zeitung „Hakenkreuzbanner“ über den 25. Jahrestag des Parteiprogramms der NSDAP berichtet: Die Feierstunde dazu habe „uns viel geschenkt, den Glauben gestärkt und neu entfacht, so wie es sein muß, wollen wir tapferen Herzens dem Sieg entgegenreifen“.

Einige Monate später war Herklotz Sozialdemokratin. Sie gehörte dem Team an, das noch 1945 die Gründung der SPD Pfalz vorbereitete, war 1946 unter den ersten Mitgliedern und ab 1947 für die rheinland-pfälzische SPD-Zeitung „Die Freiheit“ tätig. Es folgte die vorbildliche Parteikarriere, beginnend mit der Wahl in den Landtag 1949. Auch dem Bundesvorstand und dem Vorstand der SPD in ihrer Heimatstadt gehörte Herklotz zeitweise an.

Thema im Landtag

Die bisherigen Forschungsergebnisse für das städtische Geschichtsbuch wiesen „in die gleiche Richtung“ wie die Veröffentlichungen Wünschels, teilt die Stadt auf Anfrage mit. Wünschel habe sich wegen Herklotz auch an den Landtagspräsidenten gewandt. Nun solle die Kommission für die Geschichte des Landes darüber diskutieren. Der Landtag überlege, „an die Uni Mainz oder die Uni Trier ein Forschungsprojekt über Luise Herklotz und eventuell andere pfälzische Abgeordnete zu vergeben“. Im Speyerer Buch werde es um Täter und Opfer gehen. Unter anderem werde auch das Wirken des damaligen Oberbürgermeisters Karl Leiling und des Ex-Kirchenpräsidenten Hans Stempel kritisch untersucht, so Stadt-Sprecherin Eschenbach. Sie sagt mit Bezug auf Herklotz: „Sobald die Ergebnisse des Forschungsprojekts vollumfänglich vorliegen, werden das Thema sowie mögliche Konsequenzen transparent diskutiert.“

Die Diskussion könnte nötig sein, denn die Bewertung ist nicht eindeutig. Da sind die frühen Zeitungsartikel, und da sind Dokumente im Bundesarchiv: eine Karteikarte über Herklotz in der NS-Frauenschaft sowie eine Bewertung, die die Münchener Gauleitung 1940 über die Speyererin für den Reichsverband der deutschen Presse abgab: Sie sei „politisch einwandfrei“. Die NSDAP-Ortsgruppe im bayerischen Mühldorf, wo Herklotz für die „Mühldorfer Zeitung“ tätig war, hatte „keinerlei Bedenken über die politische und moralische Haltung der Herklotz“.

Verdient nach dem Krieg

Dann ist da die Einordnung eines Experten wie Percy Herrmann von der KZ-Gedenkstätte Dachau, dass im Gegensatz zum Durchschnitt der Bevölkerung (zehn Prozent NSDAP-Mitglieder) der Anteil ehemaliger Angehöriger der Nazi-Partei in den Parlamenten der frühen Bundesrepublik mehr als doppelt so hoch sein könne. Er hat zu Herklotz keine Funde in der Datenbank der Gedenkstätte gemacht. „Ein Großteil der Lager-Unterlagen wurden vor Kriegsende systematisch durch die SS vernichtet“, erläutert Herrmann.

Und schließlich sind da all die Jahre der verdienten Sozialdemokratin, die 2003 für die Ehrenbürgerschaft ausschlaggebend waren. Gerne erwähnt wurde immer wieder etwa Herklotz’ Friedensappell von 1958 als Rednerin im Bundestag: „Keine Frau, keine Mutter, kein Kind soll jemals wieder gefallene Männer, Väter und Brüder beweinen müssen.“

RHEINPFALZ-Kommentar von Patrick Seiler

Zu lange hinter vorgehaltener Hand

Dass der historische Blick auf die Jahre des Nationalsozialismus zuletzt neue Akzente erhalten hat, wirkt sich in Speyer aus.

Warum haben die Nationalsozialisten Speyers seit 1919 amtierenden Oberbürgermeister Karl Leiling zunächst nicht abgesetzt? Warum hat sich Kirchenpräsident Hans Stempel nach dem Krieg so intensiv für die Rehabilitierung von Kriegsverbrechern engagiert? Und warum haben die Jahre von Luise Herklotz als Redakteurin nationalsozialistischer Zeitungen bisher so wenig eine Rolle gespielt? Es ist gut, dass diese Fragen jetzt wissenschaftlich aufgearbeitet werden. Viel zu lang wurden sie allenfalls hinter vorgehaltener Hand gestellt.

Natürlich müssen die Ergebnisse erst abgewartet und dann genau eingeordnet werden, bevor über mögliche Konsequenzen entschieden wird. Nach Leiling und Stempel sind Straßen in Speyer benannt, Herklotz ist Ehrenbürgerin, wie im Übrigen seit April 1933 auch der frühere deutsche Reichspräsident Paul von Hindenburg, der als „Steigbügelhalter“ für Adolf Hitler gilt.

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