Speyer
Fahranfänger: Gefährliche Kombination aus Übermut und Unerfahrenheit
Betretenes Schweigen. Die achtköpfige Gruppe, die kurz zuvor plappernd und scherzend einem Polizisten auf den Pausenhof des Hans-Purrmann-Gymnasiums (HPG) folgte, ist verstummt. Ralf Böhringer hat die Elftklässler zu einem Autowrack geführt, das am Rand des Schulhofs steht. Während an diesem Freitagvormittag außenherum das Leben vibriert, Menschen von hier nach da laufen, Rufe ertönen und auch mal ein heller Lacher, ist es an dieser Stelle auf einmal seltsam still. Die acht jungen Menschen ahnen natürlich, welche Art Geschichte der Mann von der Verkehrswacht Speyer ihnen gleich erzählen wird. Das macht den Inhalt aber nicht leichter verdaulich.
Mit großer Wucht muss das Fahrzeug mit der Beifahrerseite gegen einen Baum gekracht sein. „Was schätzt ihr, wie viele Insassen in diesem Auto waren?“, fragt Böhringer und deutet auf die stark deformierte Masse Metall. Der 39-Jährige liefert die Antwort gleich selbst: „Vier. Und keiner kam lebend raus.“ Schwere Kost, doch notwendig, um die Teilnehmer des Verkehrssicherheitstags am HPG aufzurütteln, erklärt Christoph Janz: „Es geht um diesen einen Moment der Selbstüberschätzung, der Unaufmerksamkeit, der alles verändern kann.“ Der Lehrer für Englisch und Musik ist zugleich Verkehrsobmann der Schule, die in diesem Jahr zum zweiten Mal einen solchen Tag ausrichtet.
Polizei, Feuerwehr und BASF mit dabei
Vorreiter bei dieser Art der Verkehrserziehung ist in Speyer das Nikolaus-von-Weis-Gymnasium, später dockte das Friedrich-Magnus-Schwerd-Gymnasium an die von „Niki“-Lehrer Jürgen Krenz-Göllinger initiierte Veranstaltung an. Mit dabei sind neben der Polizei unter anderem die Feuerwehr sowie die BASF. Es gibt einen Fahrsimulator und eine Gesprächsrunde mit Polizisten über Erfahrungen mit Alkohol und Drogen. Eine „Rauschbrille“ simuliert einen Wert von 0,8 Promille, bei dem ein „Torkel-Parcours“ zu überwinden ist. Ein Mitschüler gibt Einweisung in Erste Hilfe. Die Feuerwehr hat ihre Rettungsschere mitgebracht. Fünf Stationen sind es, die die gesamte elfte Jahrgangsstufe an diesem Schultag durchläuft. Am „Niki“ und am „Schwerd“ sind Zwölftklässler die Zielgruppe.
Diese Jahrgänge wurden nicht ohne Grund als Teilnehmer ausgewählt. Die 16- bis 19-jährigen Schüler sind mit die am stärksten gefährdete Gruppe im Straßenverkehr, berichtet Verkehrsobmann Janz: „Fahranfänger, die noch nicht viel Erfahrung haben.“ Und für die zugleich der Führerschein fürs erste eigene Motorrad oder Auto wie eine Verheißung erscheine für unbegrenzte Freiheit. Das ergebe eine mitunter brisante Mischung aus Übermut und Unüberlegtheit. Der Pädagoge präsentiert Zahlenkolonnen, wonach 17- bis 24-Jährige besonders oft in Verkehrsunfälle verwickelt werden – nicht selten mit fatalem Ausgang: „Die ersten paar Tausend Kilometer sind die gefährlichsten.“
Die beiden tödlichen Unfälle junger Motorradfahrer binnen weniger Wochen im Industriegebiet Süd haben auch Janz erschüttert: „Das hat nochmals deutlich gemacht, wie wichtig Verkehrserziehung ist.“ Das zeige sich täglich quasi vor der Haustür des Doppelgymnasiums, wo Autos, Roller, Motorräder und E-Scooter munter und scheinbar ohne Unrechtsbewusstsein entgegen der Fahrtrichtung durch die Einbahnstraße bretterten. Leider hätten Lehrkräfte oft zu wenig Zeit, sich des Themas in der gebotenen Tiefe anzunehmen, bedauert Janz. Auch deshalb sei der Verkehrssicherheitstag so wichtig: „Unsere Hoffnung ist, dass die Jugendlichen danach vernünftiger fahren. Vor allem die Jungs.“ Denn die seien weit riskanter unterwegs.
Fehlverhalten an viel befahrener Kreuzung
Nicht nur sie kommen ins Grübeln über das, was sie an diesem Vormittag erleben. Ortswechsel: Die viel befahrene Kreuzung Dudenhofer Straße und Theodor-Heuss-Straße liegt beim HPG um die Ecke. Hier sollen die Schüler eine Zeit lang den Verkehr beobachten. Wie verhalten sich die Autofahrer? Das Ergebnis ist ernüchternd: „Viele Autofahrer schauen aufs Handy, während sie an der Ampel warten“, berichtet eine Schülerin. Nicht selten würden sie erst verspätet bemerken, dass es weitergeht. Andere glotzten während der Fahrt auf ihr Mobilgerät. E-Scooter sausen kreuz und quer, als gälten für sie keine Regeln. Eine ältere Dame radelt wie selbstverständlich auf dem Radweg in der falschen Richtung und rollt schneidig über den Zebrastreifen, als die Ampel ihr längst Halt gebietet. Lehrer Janz kann es zunächst gar nicht fassen, während seine Schützlinge mit den Schultern zucken: Offenbar war das kein Einzelfall während des Beobachtungszeitraums.
Die beiden Todesfälle in jüngerer Zeit würden sie beschäftigen, sagen zwei Elftklässler nachdenklich. Die Unfälle seien im Freundeskreis „definitiv Thema“, berichten sie. Sie seien selbst beide Motorradfahrer und würden die Strecken im Industriegebiet kennen: „Die Straßen dort sind schon gut.“ Aber man dürfe nicht leichtsinnig werden. Ralf Böhringer, der Mann von der Verkehrswacht, acht Jahre im Streifendienst und seit zwei Jahren in der Jugendverkehrsschule, kennt dieses Problem genau. Wenn die Polizei etwa in der Stockholmer Straße Motorradfahrer kontrolliere, sei die unter Bikern verbreitete Ansicht: „Mir passiert das nicht.“ „Das ist natürlich Unsinn“, sagt Böhringer. Im Gespräch im Pausenhof wählt er deutliche Worte: „Ihr seid volljährig oder werdet es bald sein. Dann könnt ihr alles machen. Aber ihr müsst auch die Verantwortung für euer Handeln übernehmen.“