Speyer
„Er war interessiert, gebildet, elegant“: Speyer erinnert an Mario Adorf
Werner Schineller verfügt in seinem Stadthaus in Speyer über zahlreiche Alben mit Fotos von Begegnungen mit bekannten Persönlichkeiten aus Politik, Gesellschaft, Sport und Kultur. Anlässlich des Todes von Mario Adorf gewährt er einen Einblick in diese Fotoalben und in sein privates Gästebuch, in das sich prominente Besucher Speyers während Schinellers Amtszeit eingetragen haben. Der CDU-Politiker war von 1994 bis 2010 Oberbürgermeister der Stadt und lud mit seiner Frau Roswitha Gäste auch zu sich nach Hause ein. „In diesem Rahmen lernt man sich kennen und schätzen“, sagt Schineller. Der 77-Jährige würdigt Mario Adorf: „Er war interessiert, gebildet und immer elegant.“
Schineller erinnert sich schmunzelnd an einen Besuch mit Adorf im Judenbad in Speyer. Eine Gruppe Frauen traute ihren Augen kaum, als der stets gut gekleidete Schauspieler im Anzug vor ihnen stand. Sie kramten in ihren Taschen, um etwas zu finden, auf dem Mario Adorf unterschreiben konnte, erzählt Schineller. Adorf trug sich im August 2003 in das Goldene Buch der Stadt ein. Der Kontakt sei durch Bernd Rückwardt, FDP-Politiker aus Speyer und damals Ministerialrat in der Landeszentrale für politische Bildung, zustande gekommen.
Adorf hielt sein Versprechen
Schineller lud Adorf, der als einer der großen deutschen Film- und Fernsehstars der Nachkriegsgeschichte galt, ein Jahr später in die Domstadt ein. „Ich habe ihn gefragt, ob er hier sein neues Buch vorstellen möchte“, erinnert sich der Alt-OB. Adorf habe sofort zugesagt und damit für Verwunderung bei seinem Management gesorgt. Schineller erzählt, dass er mit einem Mitarbeiter gesprochen habe und dieser skeptisch gewesen sei, dass Adorf wirklich in Speyer auftreten wolle. „Er hat es versprochen“, war Schinellers Antwort und Adorf hielt sein Versprechen. Er trat im ausverkauften Ratssaal vor rund 180 gut gelaunten Zuhörerinnen und Zuhörern auf, wie Fotos aus Schinellers Album belegen.
Der Schauspieler, der für seine Vielseitigkeit und sein Talent mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet wurde, sei auch abseits seiner offiziellen Besuche immer wieder in der Domstadt gewesen, habe im Binshof-Hotel übernachtet. „Wir sind uns immer wieder begegnet“, sagt Schineller. Das Ehepaar Schineller war unter anderem zu einem Theaterabend anlässlich Adorfs 75. Geburtstag und 50-jährigen Bühnenjubiläum in Mainz eingeladen und traf den Schauspieler bei der Verleihung des Medienpreises „Goldene Zeile“ im November 2007 in der Südpfalz. Adorf erhielt den Preis für seinen unkomplizierten und respektvollen Umgang mit der Presse.
Bodenständiger Charakter
Schinellers Frau Roswitha hat Adorf als „offenen und bodenständigen Menschen“ in Erinnerung. Er habe keinerlei Arroganz gezeigt, obwohl er als einer von Deutschlands Weltstars galt – Regisseure wie Billy Wilder, Rainer Werner Fassbinder, Margarethe von Trotta, Volker Schlöndorff, Helmut Dietl oder Dieter Wedel wollten den Darsteller, der Bösewichte ebenso eindrücklich spielen konnte wie Patriarchen, eitle Gecken oder Feingeister.
Vielmehr umgab den Mann, der sehr lang geistig und körperlich fit war, eine Aura, die auch andere Künstler in ihren Bann zog. Zu den bekanntesten Arbeiten des in Speyer geborenen Bildhauers Thomas Duttenhoefer gehören seine 2016 entstanden Büsten von Adorf, für die der Schauspieler Modell gesessen hatte. Auch Alexander Schubert, ehemaliger Leiter des Historischen Museums der Pfalz und inzwischen Bürgermeister von Speyer, beschreibt Adorf als einen „besonderen Menschen“. Der Schauspieler war im August 2017 für eine Lesung im Museum, kam dort ins Erzählen und sang am Schluss lautstark Lieder, die er als Teenager auf einem Lkw-Anhänger auf dem Weg zum Fußballtraining gesungen habe.