Nachruf
Der große Erzähler: Zum Tod von Mario Adorf
Immer weiter spielen, das war Mario Adorfs Ziel, auch noch mit 88 Jahren, als er das Buch „Mario Adorf – Zugabe!“ vorstellte. Im selben Jahr, 2019, lief auch das einfühlsame Filmporträt „Es hätte schlimmer kommen können“ über Adorf im Kino an. Die Vorstellung beim damaligen Festival des deutschen Films in Ludwigshafen hatte er dann zwar nicht besucht, dennoch war er diesem verbunden: 2015 wurde er dort mit dem Preis für Schauspielkunst ausgezeichnet.
Diese Kunst beherrschte der gravitätische Mann mit den buschigen Augenbrauen und dem Kaminknistern in der Stimme raumgreifend, auch wenn es ihn im Alter noch immer ein wenig schmerzte, einst mit Bösewichtrollen bekannt geworden zu sein: 1963 hatte er in „Winnetou“ als Schurke Santer Winnetous Schwester Nscho-tschi erschossen. Das hätten ihm viele Zuschauer sehr lange äußerst übel genommen, erzählte Adorf am Rande der Schauspielpreisverleihung in Ludwigshafen, bei der er auch gern zum Schauplatz passende Anekdoten aus seiner Jugend erzählte. Zum Beispiel jene von dem Kommilitonen, der ihn überhaupt zum Schauspiel gebracht habe; ein Pfälzer war’s auch noch: Der habe im Mainzer Unitheater so schlecht gespielt, dass Adorf – damals Student der Theaterwissenschaften und rein hinter den Kulissen aktiv – spontan beschlossen habe: „Also das kann ich auch.“
Mario Adorf hat sich gern als Mensch ohne großen Plan beschrieben, der aber Gelegenheiten zügig beim Schopf gepackt hat. „Ich habe Glück gehabt“, sagte der 1930 in Zürich geborene Schauspieler über sein Leben, das in Armut begonnen hatte. Der Vater, ein Italiener, verschwand früh, worauf die Mutter in das Heimatstädtchen ihrer Vorfahren zog – nach Mayen. Hier schlug sie sich als Näherin durch, gab das Kind zunächst in ein Heim. Adorf sagte später, er habe ihr das nicht übel genommen. Auch das Ausharren in Luftschutzbunkern während des Kriegs sei kein Grund zu jammern gewesen: „Ich habe das Leben immer so angenommen, wie es sich darbot.“
So jobbte er als junger Mann im Bimsabbau, lernte boxen, studierte in Mainz zwei Jahre, spielte Studententheater, bevor er die Aufnahmeprüfung auf der berühmten Münchner Otto-Falckenberg-Schauspielschule schaffte – der Legende nach, da er mit „Kraft und Naivität“ gepunktet habe. Mayen und Mainz sah er als prägend an, obwohl er länger in Rom, St. Tropez und München gelebt hatte. „Rheinland-Pfalz ist doch meine Heimat, da komm ich her“, sagte er bei der Uraufführung des Films „Es hätte schlimmer kommen können“ in Berlin. Und schwärmte von den Dampfnudeln seiner Mutter. Auch der Dialekt bedeutete ihm viel: „Ich habe ihn immer hochgehalten, die Bindung zur Heimat ist die Bindung zur Sprache.“
Die Pfalz hatte für Adorf indirekt noch eine weitere Rolle gespielt: Es war der aus Zweibrücken stammende Regisseur Peter Fleischmann, der einst Volker Schlöndorff überredet hatte, Adorf in „Die Verlorene Ehre der Katharina Blum“ zu besetzen, sagte Adorf. Da hatte der Schauspieler zwar schon mit Größen wie Robert Siodmak gearbeitet („Nachts, wenn der Teufel kam“, 1957) und war Star des italienischen Actionkinos gewesen, ganz zu schweigen von Winnetou. Doch er galt als Vertreter von „Opas Kino“, das der Neue Deutsche Film bekämpfen wollte. Schlöndorff war offenbar angetan und besetzte ihn auch in „Die Blechtrommel“, Rainer Werner Fassbinder in „Lola“.
Zuvor allerdings hatten ihm auch bereits zwei andere Vertreter des Neuen Deutschen Films Rollen gegeben: Roland Klick, den Adorf im Gespräch als wichtigen Förderer nannte, in „Deadlock“ (1970) und der Hunsrücker Edgar Reitz in „Die Reise nach Wien“ (1973). Filme, die dem großen Publikum allerdings weniger bekannt sind als Adorfs große folgende Rollen, etwa als Patriarch in Dieter-Wedel-Filmen wie „Der große Bellheim“ (1992), „Der Schattenmann“ (1995) und „Die Affäre Semmeling“ (2002) sowie in Helmut Dietls Satire „Rossini“.
Seine große Karriere schrieb er auch durchaus dem Zufall zu: „Ich war wirklich nie ehrgeizig. Viele Dinge habe ich nur getan, weil sie am Wegesrand lagen“, ließ er sich in „Zugabe!“ zitieren. Und erklärte seine Arbeit ganz schlicht. „Ich verwandle mich nicht in jemand, ich identifiziere mich nicht mit ihm, sondern ich versetze mich in ihn.“
Auch ein Schauspielpreis trägt inzwischen seinen Namen, gedacht ist er für den Nachwuchs: Der Mario-Adorf-Preis ehrt bei den Wormser Nibelungenfestspielen den besten Schauspieler oder die beste Schauspielerin des jeweiligen Jahrgangs: Adorf hatte die Nibelungenfestspiele 2002 mit gegründet und stand in den ersten beiden Jahren auch selbst noch auf der großen Bühne vor dem Wormser Dom.
Den Kontakt zu seinem Publikum genoss der Mann, der so charmant erzählen konnte, auch bei Lesungen zu seinen Büchern, die teils mit seinem Image spielten, etwa „Schauen Sie mal böse“. Und noch kurz vor seinem Tod – er sei am 8. April in seiner Wohnung in Paris nach kurzer Krankheit für immer eingeschlafen, schrieb sein Management – dachte Adorf an sein Publikum: Seinem langjährigen Manager Michael Stark habe der 95-Jährige mit auf den Weg gegeben, dass er sich bei seinem Publikum für die jahrzehntelange Treue bedanke.