Speyer
Bereitschaftsdienstzentrale: Ärzten tun die Patienten leid
Michael Seithel muss es wissen. Der Facharzt für Allgemeinmedizin leistet nach eigener Aussage seit vier Jahrzehnten Dienste in der Speyerer Bereitschaftsdienstzentrale (BDZ). Und er war mit deren Organisation schon glücklicher als heute, wie er sagt. Ein Kritikpunkt: „Die meisten Leute kennen die Öffnungszeiten nicht.“ Hintergrund ist, dass diese laut der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Rheinland-Pfalz „nicht direkt“ kommuniziert werden sollen, wie deren Sprecher Stefan Holler mitteilt. Im täglichen Service der RHEINPFALZ wird etwa nach Absprache mit der KV nur auf die Telefonnummer 116 117 verwiesen, die den Patientenstrom steuern soll.
„Man kommt oft nicht durch“, so die Rückmeldung an Seithel. Kranke hätten oft nicht die Geduld, es immer wieder zu versuchen und meldeten sich in nicht wenigen Fällen fälschlicherweise unter der Notrufnummer 112. Manche suchten auch die eigentlich für schwerere Fälle gedachten Notaufnahmen von Kliniken auf. „Die Leute tun mir leid“, sagt Seithel. Als Problem erachtet sieht er auch, dass die Hotline nicht immer mit Medizinern besetzt sei.
Verbund mit Germersheim
Seithel fordert mehr Transparenz bei den Öffnungszeiten: Viele Patienten wollten die BDZ direkt ansteuern, seien jedoch nicht „eingeweiht“. Das treffe vor allem auf in Speyer häufige badische und südpfälzische Besucher zu. Die KV hält dagegen. Sie betont auf Anfrage, das 2020 gestartete System mit der zentralen Telefonnummer wirke: Qualifiziertes Personal nehme eine Ersteinschätzung vor, weise Kranke gegebenenfalls auch anderen Versorgungsebenen als den 43 BDZ im Land zu und entlaste diese somit.
Die BDZ seien zuständig für nicht lebensgefährliche Gesundheitsstörungen und für solche, bei denen keine Folgeschäden zu befürchten sind. Bei Anrufen werde bewusst auf eine Hotline gesetzt. Und laut Sprecher Holler kann es „in hochfrequentierten Zeiten den Patientinnen und Patienten zugemutet werden, später nochmals anzurufen“.
Die Speyerer Stelle in der Paul-Egell-Straße ist täglich bis 23 Uhr geöffnet. An Wochenenden, Feier- und Brückentagen startet der Dienst um 9 Uhr, mittwochs um 14 Uhr, freitags um 16 Uhr, montags, dienstags und donnerstags um 19 Uhr. Die drei letztgenannten Wochentage sind erst nachträglich wieder hinzugekommen, nachdem sie bei einer Reform 2016 aus der Öffnungsliste genommen worden waren. Damals war die Germersheimer BDZ aufgewertet worden: Patienten aus Speyer und Umland könnten bei Bedarf auch in die Festungsstadt kommen, hieß es damals. Speyer war zur Germersheimer „Nebenbetriebsstätte“ geworden, die Öffnungszeiten nach 24 Uhr waren weggefallen. Es hatte Proteste von Bürgern – untermauert mit mehr als 14.000 Unterschriften –, aber auch von Ärzten gegeben.
In Speyer ist mehr los
Die KV hat Speyer zwar bis heute organisatorisch als Außenstelle von Germersheim belassen, bei den Öffnungszeiten aber teilweise eine Rolle rückwärts gemacht: Sie wurden im November 2021 in Germersheim eingeschränkt und in Speyer ausgeweitet. Die Kennzahl der „Patienten pro Stunde“ sei in Germersheim geringer als in der Domstadt gewesen, begründet KV-Sprecher Holler. Er betont auch, dass im Bedarf Hausbesuche über die Rufnummer 116 117 organisiert würden. Von Neustadt, Landau und Kandel aus werden Ärzte in Autos losgeschickt – nach Möglichkeit auch in die Region Speyer und in den Kreis Germersheim.
Für die BDZ in Speyer, Germersheim und Kandel ist der Römerberger Praxisinhaber Volker Pietsch als Koordinator tätig. Seit 2015 klärt er unter anderem die Personalfragen. Er äußert sich auf Anfrage zufrieden. So stünden genügend Ärzte für die Dienste bereit – was laut KV auf Landesebene keine Selbstverständlichkeit ist. Bei der Hotline 116 117 sieht auch er „gewisse Schwächen“. Wer „eine halbe oder eine dreiviertel Stunde anklingeln“ müsse, sei frustriert, das sei ihm klar. Trotzdem sei die Grundidee richtig, weil es zu viele Besucher gebe, für die die BDZ nicht gedacht sei. Er nennt seit Wochen störenden Fußpilz als Beispiel.
Was droht an Ostern?
Die Wartezeiten in der Speyerer BDZ halten sich in der Regel in Grenzen. Da sind sich die Ärzte Pietsch und Seithel einig. Ausnahmen seien an Feier- und Brückentagen möglich. An Weihnachten 2022 gab es zum Teil stundenlange Wartezeiten vor pfälzischen BDZ. Seithel sieht dies auch an Ostern 2023 drohen und fordert die Besetzung der Speyerer Stelle mit zwei statt einem Mediziner an diesen Tagen. Pietsch stimmt nur teilweise zu: „An Ostern haben wir keine Brückentage, da kommen wir mit einer Kraft hin.“ Anders sehe es an Weihnachten aus: „Es ist im Gespräch, dass wir dann auf zwei Personen hochgehen.“
Daten & Fakten: Bereitschaftsdienstzentrale Speyer
Rund 1500 Patienten pro Quartal kommen in die Speyerer Bereitschaftsdienstzentrale. Das hat laut Kassenärztlicher Vereinigung (KV) eine Auswertung für die Jahre 2019 bis 2022 ergeben. Die Hochphase der Pandemie sei mit einem Einbruch verbunden gewesen. „Ein eindeutiger Trend kann aufgrund der coronabedingten Einflüsse nicht ermittelt werden“, teilt die KV nun mit. Vor knapp einem Jahrzehnt war – bei längeren Öffnungszeiten – von 2000 Patienten pro Quartal die Rede gewesen. Die Dienste werden nach einem Schichtplan von den vor Ort niedergelassenen Medizinern geleistet. Stehen davon nicht genügend zur Verfügung, werden nicht niedergelassene Ärzte dazugebucht. Zwischen dem 1. Januar und 12. März wurden laut KV in der Speyerer Zentrale 70 Dienste von 23 verschiedenen Ärzten geleistet.
