Speyer Amtsarzt beklagt „zahnlosen Tiger“

Ein Mädchen wird gegen Masern geimpft: Experten empfehlen, die Terminvorschläge nicht zu missachten.
Ein Mädchen wird gegen Masern geimpft: Experten empfehlen, die Terminvorschläge nicht zu missachten.

Beispiel Masern: Speyerer Eltern sind zurückhaltend mit der Masern-Impfung im Kleinkindalter. Die Ständige Impfkommission des Robert-Koch-Instituts (STIKO) empfiehlt die erste von zwei Impfungen im Babyalter zwischen elf und 14 Monaten. Bis zum Alter von 15 Monaten wurden Kinder vom Jahrgang 2013 in Speyer zu 67,1 Prozent gegen die Krankheit geimpft. Das ist eine der niedrigsten Quoten in Deutschland, so die Kassenärztlichen Vereinigungen in einer interaktiven Karte (www.vacmap.de). Mit 24 Monaten waren zwar 93,1 Prozent des Jahrgangs dagegen geimpft. Dennoch ist das laut Robert-Koch-Institut unvollständig und zu spät. Ende Juli wurde das Infektionsschutzgesetz IfSG aktualisiert und erweitert. Es soll den Beratungsdruck auf die Eltern erhöhen, wenn das Kind in einen Kindergarten aufgenommen wird: Können sie nicht schriftlich belegen, dass sie zum Impfschutz ärztlich beraten wurden, kann die Kita-Leitung dem zuständigen Gesundheitsamt die Kontaktdaten übermitteln. Dieses kann die Eltern dann zu einer Beratung einladen. Eine Impfpflicht ergibt sich daraus aber nicht. Die CDU-Fraktion im Stadtrat sieht die lockeren Regelungen und den vergleichsweise geringen Impfstatus in Speyer mit Sorge. Sie hat dazu eine Anfrage gestellt, die in der Sitzung gestern Abend beantwortet wurde. Demnach empfiehlt die Stadt weiterhin in den Richtlinien für seine Kitas die STIKO-Impfungen. Der neue Gesetzespassus in Bezug auf das Gesundheitsamt werde eingearbeitet. „Da keine Impfpflicht besteht, werden auch ungeimpfte Kinder in die städtischen Kindertagesstätten aufgenommen“, sagt Matthias Nowack, Sprecher der Verwaltung. Man käme sonst in Konflikt mit dem Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz. „Wir haben die Kitas am 15. August über die Regelungen informiert und werden im Jugendhilfeausschuss am 14. September über die neuen Richtlinien befinden“, so in der Sitzung Bürgermeisterin Monika Kabs (CDU). Paul Nowicki, Diakon der Dompfarrei Pax Christi und Trägerverantwortlicher von fünf katholischen Kitas in der Stadt, kann die aktuell „hochgespielte“ Aufregung nicht nachvollziehen. „Es hat bei uns Tradition, die Eltern beim ersten Beratungsgespräch vor der Aufnahme des Kindes in die Kindertagesstätte zu informieren und aufzuklären, wie wichtig der vollständige Impfstatus ist.“ Letzten Endes entschieden aber die Eltern. „Sie sollten das Krankheitsrisiko nicht unterschätzen. Ich kann die Impfmüdigkeit und Impfkritik verstehen, doch so verringert sich der gemeinschaftliche Impfstatus“, betont Nowicki. Ähnlich sieht es die Elterninitiative Flohkiste: Regina Rokni, Leiterin der von ihr betriebenen Kita: „Die Eltern geben an, ob das Kind geimpft ist oder nicht. Wir intervenieren nicht und verlassen uns auf die Entscheidung der Eltern.“ Ob sich daran etwas ändern wird, soll nun beraten werden. Das für Speyer zuständige Gesundheitsamt des Rhein-Pfalz-Kreises in Ludwigshafen hat bislang seit der Gesetzesneuerung von einer Kita eine Meldung zum fehlenden Nachweis zur Impfberatung erhalten. „Das halte ich für repräsentativ“, ist Dr. Thomas Bienert, Ärztlicher Leiter des Amtes, mit der Impfquote zufrieden, die spätestens bei Schuleintritt und bei Masern, Mumps, Röteln erfüllt werde. Die neue Möglichkeit, Eltern einzuladen und einen Nachweis einzufordern, sieht Bienert als „zahnlosen Tiger. Es geht nicht um das Ja oder Nein zur Impfung, sondern allein um die Impfberatung.“ Ohne Nachweis darüber drohe höchstens eine Geldstrafe von 2500 Euro wegen einer Ordnungswidrigkeit. Bienert ist das zu lasch: Er rät Eltern, sich an den Impfkalender der STIKO mit den vorgeschlagenen Terminen zu halten. Impfungen, die geschoben werden, könnten in Vergessenheit geraten. Ausschlaggebend für die Eltern-Entscheidung sei zudem die Position des Kinderarztes. Bienert erklärt sich so die eher geringere Impfquote der jüngeren Kinder in Speyer. „Impfgegner werden sich durch Beratung nicht umstimmen lassen. Der öffentliche Gesundheitsdienst würde eine Impfpflicht begrüßen“, so der Amtsleiter. Zumindest die nicht-städtischen Kitas könnten dabei selbstbewusst reagieren: „Sie sind berechtigt, Kinder ohne Impfschutz abzulehnen.“ Über das Gesetz hinaus wünscht sich Bienert wie auch die CDU Speyer, den Impfstatus von Beschäftigten in der Kita-Umgebung stärker zu kontrollieren. Laut Stadt sind Mitarbeiter in ihren Kitas zu Pflichtvorsorgeuntersuchungen aufgefordert, die auch den Impfstatus enthalten. Amtsarzt Bienert: „Ich erwarte von den Betriebsärzten, den Impfschutz sowie Impftiter im Blut zu überprüfen.“ Maria Montero-Muth (CDU) unterstrich diese Forderung im Stadtrat. Der Titer bezeichnet den Grad der Immunität.

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