Speyer Als ein Speyerer in Berlin für Ludwigshafen sprach
Wie sich Geschichte wiederholen kann: Im neu gewählten Bundestag ist aufgrund des geänderten Wahlrechts kein Abgeordneter aus der größten pfälzischen Stadt Ludwigshafen vertreten. So eine Situation gab es schon einmal: in den Anfangsjahren des Kaiserreichs (1871 bis 1918). Als dessen Reichstag 1871 zusammentrat, steckte die seit Mitte des 19. Jahrhunderts entstehende Industriestadt noch in den Kinderschuhen.
Die Repräsentation übernahmen daher andere. So saß zunächst als Repräsentant der nördlichen Vorderpfalz zwischen Speyer und Frankenthal („Wahlkreis Pfalz 1“) der Jurist Ludwig Heydenreich (1822 bis 1889) aus Speyer im Deutschen Reichstag während dessen erster Legislaturperiode, die am 3. März 1871 mit der ersten Wahl zum deutschen Reichsparlament begann.
Unauffällig auf Reichsebene
Heydenreich hatte in seinen bis dahin 49 Lebensjahren schon einiges erlebt: 1849 wurde er wegen seiner Teilnahme an der gescheiterten Pfälzer Revolution zum Tode verurteilt, vier Jahre später begnadigt und Anhänger der Nationalliberalen Partei (NLP). Für die saß er drei Jahre lang bis 1874 im Reichstag, ohne dort als Vorsitzender der pfälzischen Liberalen Partei sonderlich aufzufallen.
In der Pfalz machte er sich dagegen einen Namen an der Seite des Iggelheimers Jakob Heinrich Lützel (1823 bis 1899) als Mitbegründer des Pfälzer Sängerbundes (1860) und des Pfälzischen Feuerwehrverbandes.
Sein nationalliberaler Nachfolger im Reichstag und damit einer der dort sechs Pfälzer Abgeordneten kam 1874 „vom Dorf“. Der Arzt und ehemalige Revoluzzer, Kommunalpolitiker und Industrielle Dr. Ludwig Philipp Groß (1825 bis 1894) aus Lambsheim hatte wenige Jahre zuvor eine Polit-Karriere zunächst in der Deutschen Fortschrittspartei, dann in der Gruppe Löwe-Berger und schließlich bei den Nationalliberalen (NLP) gestartet, die es „in sich“ hatte.
Abgeordnete mussten begütert sein
Der in Lachen bei Neustadt geborene Arztsohn nahm 1849 an der Pfälzer Revolution teil, nach deren Scheitern er ins Ausland fliehen musste. In Würzburg promovierte er im Alter von 27 Jahren im Fach Medizin und kehrte als Chirurg und Geburtshelfer in die Pfalz zurück, wo er sich 1852 in Lambsheim niederließ, wo er auch einen Gutshof mit Pferdezucht und Obstbau betrieb. Später gründete er in Kaiserslautern eine Düngerfabrik und eine Brauerei-AG, in Frankenthal eine Zuckerfabrik. 1856 begann er eine erfolgreiche politische Karriere, die ihn von 1874 bis 1887 in den Deutschen Reichstag führte.
Die Wahl in den Deutschen Reichstag brachte den damals 397 Abgeordneten wenig ein, denn sie bekamen keine Diäten. Damit wollte man verhindern, dass im Parlament überwiegend Berufspolitiker saßen. Was zur Folge hatte, dass sich dort überwiegend wohlhabende Unternehmer und Juristen, Journalisten und hochrangige Beamte tummelten. Arbeiter, Landwirte, Handwerker oder mittlere Unternehmer entdeckte man selten. Und auch das ist eine Parallele zu heute.