Speyer 4000 Teilnehmer protestieren gegen rechts: Speyer steht zusammen
Hila Hassanija Ghojdi ist überwältigt. „Es ist so wunderschön, ich bin stolz auf die Menschen“, sagt sie und blickt auf den randvollen Domplatz. Die Künstlerin, die aus dem Iran stammt und nach Deutschland geflüchtet ist, will ein Zeichen setzen an diesem Abend. So geht es vielen. „Wir wollen nicht einfach schweigen und nichts tun“, betonen Bernhard Sommer und Jutta Wintgen. Vanessa Wilhelm ist mit weiteren Erzieherinnen von der Kita St. Kunigunde Dudenhofen gekommen, „um gegen rechts zu demonstrieren“. Ihre Kolleginnen nicken eifrig. Sie hätten das Thema auch mit den Kindern in der Kita besprochen, berichten sie.
Wie viele der Teilnehmer haben die Frauen Transparente mit Aufschriften dabei. Fahnen unter anderem kirchlicher und gewerkschaftlicher Gruppen wehen über den Domplatz. „Nie wieder ist jetzt“, steht auf dem größten Plakat. Kleiner bedruckte Schilder beweisen auch Humor: „Keine Schorle für Nazis“. Immer wieder wird das Wirken der AfD angeprangert.
Kritik an der AfD
Oberbürgermeisterin Stefanie Seiler (SPD) benennt die AfD als „menschenverachtende Partei, die Gewaltfantasien schürt“. Wie weitere Redner geht sie auf das Treffen rechter Kreise im November in Potsdam ein, bei dem über Massendeportationen nachgedacht wurde. Der Protest dagegen war der konkrete Anlass für Kundgebungen in der gesamten Republik und auch für viele Wege an diesem Abend auf den kühlen Domplatz. Die Altersspanne der Besucher ist weit. Viele Kinder sind darunter, aber zum Beispiel auch die beiden Speyerer Ehrenbürger Bernhard Vogel (91) und Peter Eichhorn (84).
„Es gibt keine Speyerer zweiter Klasse. Alle sind gleich, egal ob sie Ali, Samuel oder Steffi heißen“, betont OB Seiler. Die Bevölkerung müsse „mit klarer Haltung vorausgehen“ und mehr als bisher das Gespräch mit anderen suchen. Die Politikerin verweist auch auf ihre eigene Biografie als „Kind Europas“, das von demokratischer Chancengleichheit profitiert habe. „Die Demokratie ist wehrhaft“, ruft sie aus. Sie gelte es zu stärken.
Historische Parallelen
„Wir müssen zusammenstehen“, fordert Historiker Klaus Jürgen Becker am Mikrofon. Er weist auf Parallelen zwischen dem Aufstieg der NSDAP in den 1920er- und 30er-Jahren und den Wahlergebnissen der AfD hin. „Jetzt ist nicht mehr die Zeit zu schweigen“, betont der protestantische Dekan Arne Dembek in einem gemeinsamen Beitrag mit dem katholischen Pastoralreferenten Markus Lamm. Teodora, eine junge Aktivistin des selbstverwalteten Kulturzentrums „Eckpunkt“, stellt sich als Mensch vor, „der schon lange vom Hass und von der Hetze der AfD betroffen ist“. Die Partei sei nur eines von vielen problematischen Phänomen „einer Gesellschaft, in der rechtes Gedankengut gedeihen kann“.
Die Organisatoren vom Bündnis für Demokratie und Zivilcourage zeigten sich „ziemlich überwältigt“ über den Zuspruch, der ihre Erwartungen weit übertroffen habe, wie Floris Wittner und Sabrina Albers sagen. Albers bezeichnet das in ihrer Rede als „richtig helles Zeichen“ und erhält viel Beifall für ihren Appell: „Engagiert euch für unsere Demokratie!“ Gewerkschafter Axel Elfert kündigt schon an: „Das ist nicht die letzte Veranstaltung.“
Die Polizei, die den Verkehr ableitet und Präsenz zeigt, bilanziert danach einen friedlichen Verlauf mit kleineren Problemen: zwei Eierwürfe von unbekannt während einer Rede, ein sichergestelltes Plakat mit womöglich strafrechtlich relevantem Inhalt und ein Kind, das sich mit einem Knicklicht am Auge verletzt habe.
Nach einer knappen Stunde löst sich die Kundgebung auf. Viele bleiben noch im Gespräch, andere treten den Heimweg an. Die Speyererin Miriam Yussufi und ihr Begleiter tragen ein Plakat über den Platz. „Zum Glück hatte ich einen guten Geschichtslehrer“, steht darauf. „Wir sind in einer Welt aufgewachsen, in der wir uns nicht vorstellen konnten, dass sie so nach rechts driftet“, sagt sie. „Wir wollten nicht nachher sagen, dass wir nichts dagegen gemacht haben.“
