Homburg
Seit 50 Jahren grüßt das Michelin-Männchen
In Pandemie-Zeiten lässt sich nicht gebührend feiern. So wird am Freitag unter anderem Saarlands Ministerpräsident Tobias Hans und der oberste Micheliner, Flaurent Menegaux, virtuell auf die Homburger anstoßen. Einen Standort, mit besonderer Stellung im gerade wieder als wertvollste Marke der Branche ausgerufenen Konzern. Zwei Drittel aller runderneuerten Pneus der Nutzfahrzeugsparte kommen aus Homburg. Seit fünf Jahren ermöglichen im Werk hergestellte, Gummi ummantelte RFID-Chips den Datenaustausch von Reifen zu Bordrechnern oder externe Lesegeräten. 15 Millionen Chips im Jahr verlassen das Werk, wo zentral für alle Michelin-Werke – LKW- wie PKW-Reifen – die bleistiftartigen Transponder entstehen. Andere Leitwerkfunktionen, etwa für innovative Fertigungen und Produktanläufe, kommen hinzu. „Nur durch Innovationen schaffen wir es, an einem Hochlohnstandort, der wir sind, wettbewerbsfähig zu bleiben. Wir liefern Premium-Produkte, und die müssen sich jeden Tag beim Kunden rechtfertigen“, sagt Bernd Lanius, der Direktor von Michelin Homburg. „Erwachsenen-Reifen“ nennt er witzelnd das, was neben Vorprodukten und Chips in Homburg entsteht. Knapp über 60 Kilo bringt der größte LKW-Reifen aus dem Homburger Werk auf die Waage. Die Serienproduktion umfasst Pneus in 40 Größen, Dimensionen und Varianten. Von 29,5 Zentimeter Breite bis fast 40 Zentimeter. „Die 40 fertigen wir jede Woche“, betont Lanius und sieht darin eine der Stärken des Werks. Mit kurzen Rüstzeiten der Maschinen, in die man viel Ideen gesteckt hat, kann die Produktion schnell umgestellt werden. Und wenn auch Industrieroboter mittlerweile die Automation vorantreiben, sieht der Werksdirektor die Innovationstreiber woanders. „Maschinen haben die Mitbewerber auch, alle. Es kommt auf die Menschen an, ihre Moral.“
Volllast in Jubiläumswoche
Klingt pathetisch, stimmt aber wohl, wenn man die Geschichte des Werkes betrachtet. Immer wieder, in Ölkrisen und Umbrüche der chemischen Industrie, Phasen der Rezession und weltpolitischer Veränderungen, musste man sich behaupten. Konzernintern steht man im Wettbewerb. Gerade wird in den französischen Werken massiv Personal abgebaut, die deutschen Standorte, etwa Homburg, Bad Kreuznach, Trier, Karlsruhe, sind ausgenommen. Stetige Produktivitätssteigerung wird aber auch von ihnen verlangt. Und Flexibilität. Bei der Banken-, dann Realwirtschaftskrise 2009 folgende brach der Absatz gut ein Drittel ein. Weil die Regierungen zwar Menschen zeitweilig an den Grenzen stoppten, aber erkannten, dass der Warenaustausch rollen muss, sollen die Wirtschaftssysteme nicht kollabieren, kam es in der Corona-Pandemie bislang nicht ganz so schlimm. Um etwa 20 Prozent musste die Produktion im vergangenen Jahr in Erbach gedrosselt werden. Jetzt, in der Jubiläumswoche, fährt das Werk Volllast, plant für den Sommer sogar wieder Ferienaushilfen einzustellen. „Die Läger der Händler wurden geleert. Seit einiger Zeit wird nachbestellt. Dabei ist es schwierig für uns, einzuschätzen, wie nachhaltig das ist“, sagt Bernd Lanius. Vorsicht ist geboten. Einen Personalaufbau in Homburg sieht er auch deshalb mittelfristig nicht.
Das Werk hat eine Kapazität von einer Million Neureifen im Jahr. Geliefert wird an die großen LKW-Marken als Erstausstatter in Europa. Nordamerika ist ein weiterer großer Markt. Zu den „Neuen“ kommen 620 000 Runderneuerungen per anno. Runderneuerung heißt, dass ein nachgeschnittener, dann abgefahrener Reifen nach Prüfung der Karkasse von Grund auf neu aufgebaut wird, ein zweites Leben erhält. Nur so sind eine Million Kilometer Laufleistung möglich. Das schont Ressourcen. Etwa 65 Prozent der Herstellungskosten eines Neureifens macht der Materialanteil aus.
24 Prozent der Micheliner sind Pfälzer
50 Jahre Michelin in Homburg – das Werk in Erbach und seit 2016 das Logistiklager am Zunderbaum – ist Anlass, kurz innezuhalten. Am 16. April 1971, eineinhalb Jahren nach Beginn der Bauarbeiten an der Berliner Straße, startete die Reifenfertigung. Mit damals 512 Mitarbeitern. Kurz innehalten, dann muss es weitergehen. Erneuerbare Energien für die Versorgung des Werks zu nutzen, ist eines der großen, anstehenden Projekte. Biomasse wird dabei die entscheidende Rolle spielen, sagt Lanius. Daten noch effizienter zu verwerten, Industrie-4.0-Lösungen voranzutreiben, nur eines von weiteren. Darauf, dass LKW schon sehr bald keinen Diesel, sondern Wasserstoff, in die Tanks füllen und Brennstoffzellen den Strom für den Antrieb liefern, ist man eingestellt. An die Reifen werden andere Ansprüchen gestellt, etwa weil die Zugmaschinen schwerer werden; aber es bleiben Reifen.
Bei allen Veränderungen sei es entscheiden, dass die Mitarbeiter mitziehen. Etwa ein Viertel der Micheliner in Homburg sind übrigens Pfälzer, rund 40 Prozent Franzosen. Die Mischung hat es Bernd Lanius, der, obwohl im rheinhessischen Oberwesel am Mittelrhein zu Hause den „Pälzern“ zugezählt wird, angetan. „Als ich vor zwei Jahren die Werksleitung übernahm, wurde ich herzlich aufgenommen. Tolle Menschen, ein toller Standort“, sagt Monsieur Directeur, der zehnte in der 50-jährigen Geschichte von Michelin in Homburg.