Rhein-Pfalz Kreis Wohl einen qualvollen Tod erlitten
Mutterstadt. Unbekannte haben einen Kopfhörer-Verpackungskarton im Mutterstadter Wald abgestellt. Im Innern war eine australische Bartagame, etwa 40 Zentimeter lang. Als ein Spaziergänger die Echse entdeckt, war sie bereits tot.
Es ist ein Fund, der betroffen macht. „Sonst sende ich gerne Fotos für die Rubrik ,Leser fotografieren’“, schreibt der RHEINPFALZ-Leser, dessen Namen wir bewusst nicht nennen, in einer E-Mail an die Redaktion. „Aber dieser Anblick hat mich entsetzt und sprachlos gemacht.“ Er war auf seiner Runde durch den Mutterstadter Wald und sah einen Karton, in dem mal Kopfhörer verpackt waren, auf dem Boden. Zwei Tage zuvor, als er ebenfalls dort spazieren war, habe der Karton noch nicht dort gelegen. „Ich habe mich geärgert, weil jemand zu faul war, die Kiste in einen Mülleimer zu werfen“, sagt der Mann aus Limburgerhof. Das wollte er nachholen, war neugierig, schaute in den Karton – und traute seinen Augen kaum. Er sah eine regungslose Echse, auf Küchenpapier gebettet. Der Mann hatte keinen Zweifel: Das Tier war tot. „Eine australische Bartagame“, sagt Uwe Wünstel, Direktor des Reptiliums in Landau, als wir ihm die Fotos zeigen. Die kriegerisch anmutende Echse mit mehreren Stachelreihen, die sich bei den meisten Arten bis über die Kehle ausdehnen und so einen „Bart“ bilden, sei das Reptil, das in Deutschland mit am häufigsten privat gehalten werde. Nur: Viele Besitzer schätzten vollkommen falsch ein, welche Arbeit so ein Tier macht, wenn es erst mal angeschafft ist. Das Futter der Bartagame besteht zu 80 Prozent aus Gemüse, zu 20 Prozent aus Fleisch. „Dass die Leute dann Insekten, mitunter lebende, zu Hause haben müssen, ist ihnen anfangs oft nicht klar“, sagt Wünstel. Damit sich die Echse im Terrarium wohlfühlt und ihr Stoffwechsel funktioniert, müssen dort stets zwischen 25 und 45 Grad herrschen. Auf Dauer keine günstige Angelegenheit. „Auch so ein Punkt“, ist Wünstel sicher, „der die Besitzer dazu bringt, sich von ihren Reptilien zu trennen.“ Rund 1000 Tiere aus Privatbesitz werden dem Reptilium Landau jedes Jahr angeboten, etwa drei pro Tag. Aufnehmen kann Wünstel freilich nicht alle. Dann würde sein Reptilien-Zoo aus allen Nähten platzen. Tierheime nehmen nicht immer Reptilien auf, weil sie nicht entsprechend ausgestattet sind. Die Folge: Die Tiere werden ausgesetzt. Das ist fatal, sagt der Experte: „Bartagame sind wechselwarme Tiere, sie können keine Körperwärme produzieren.“ Ihre Körpertemperatur hängt von ihrer Umgebung ab, nur ist es in der herbstlichen Pfalz bei weitem nicht so warm wie im kuscheligen Terrarium. Und die Echsen sind nicht an die Witterung gewöhnt. Werden sie nicht rechtzeitig gefunden, kühlen sie sehr schnell aus. Sie werden langsamer, starr, schlafen ein und sterben. „Das kann durchaus lange dauern“, sagt Wünstel. Er geht davon aus, dass die Bartagame im Mutterstadter Wald einen qualvollen Tod erleiden musste. Davon ist auch Beate Engelhardt vom Kreisveterinäramt überzeugt – auch wenn die Frage, ob das Tier tot oder lebendig ausgesetzt wurde, nicht mehr beantwortet werden könne. „Beim momentanen Wetter gehen sie drei Schritte, dann sterben sie langsam“, sagt sie. Wurde das Tier mutwillig gequält, sei es eine Straftat und ein Fall für die Polizei. „Ein Verstoß gegen das Tierschutzgesetz“, sagt Uwe Wünstel. „Generell ist das Aussetzen von Tieren eine Ordnungswidrigkeit“, ergänzt Engelhardt. Fälle von ausgesetzten Echsen hatte sie noch nicht allzu viele. Oft sind es Schildkröten, die in den Rheinauen gefunden werden. „Die gehören da eigentlich auch nicht hin“, sagt sie. Wünstel berichtet von einer Boa Constrictor, die in einem Weinberg gefunden wurde. „Zurzeit sind auch die Ringelnattern unterwegs, da gibt es einige Fehlalarme.“ Dennoch fürchtet er, dass die Dunkelziffer nicht gefundener Reptilien weitaus höher sein dürfte. Für ihn eine traurige Wahrheit: „Der deutsche Winter regelt da einiges.“ Tote Tiere müssten eigentlich der Tierkörperbeseitigung beigeführt werden. Wird ein Reptil gefunden, tot oder lebendig, solle man zuerst die Polizei informieren, sagt Wünstel. Die kontaktiere meist die Feuerwehr, die im Umgang mit den Kriechtieren geübt sei. „Wir bilden aus“, sagt der Direktor des Reptiliums. Leben die Tiere noch, landen letztlich alle bei ihm am Telefon. „Wir sind Ansprechpartner bis weit nach Baden-Württemberg“, sagt Wünstel. Fundtiere würde er zunächst alle aufnehmen, aufpäppeln und entsprechend vermitteln. „Sie können nichts dazu, deswegen müssen wir ihnen helfen“, sagt er. „Es tut mir in der Seele weh, wenn man sieht, wie Menschen mit Tieren umgehen“, sagt derweil der Mann aus Limburgerhof, der die Bartagame gefunden hat. Er nahm das tote Tier mit nach Hause und hat es im Garten vergraben. Das war wahrscheinlich nicht ganz korrekt, erschien ihm aber zumindest ein wenig würdevoll.